Mit dem dringend gebotenen Rückzug in die eigene Wohnung kommt früher oder später der Moment, da die Zeit lang wird. Sehr lang. Da passiert es dann allzu schnell, dass man nur noch Corona-Nachrichten schaut, was eventuell die Psyche über Gebühr angreift. Spiele sind eine gute Ablenkung.

Was aber tun, wenn man nicht einmal ein Schachbrett zu Hause hat?

Die gute Nachricht zuerst: Spiele wie Mühle, Dame und Mensch ärgere dich nicht werden im Internet angeboten, und zwar sowohl live gegen lebende Gegner als auch gegen einen Computer. Ein Nachteil ist, dass die meisten kostenlose Spiele gegen einen Computer kinderleicht sind und kaum die Konzentration fordern, die es bedarf, um Kurzweil zu schaffen.

Außerdem: Was tun, wenn man das Spiel nicht nur selbst spielen will, sondern mit dem Mitbewohner?

Ist denn gar nicht, wirklich gar kein Spiel im Haus? - Wenn nicht: Selbst ans Werk gehen. Es ist ziemlich einfach. Auf die gute Nachricht folgt nämlich die noch bessere Nachricht: Die meisten der klassischen Spiele sind alt. So alt, dass man ihre Spielfelder seinerzeit in Ton ritzte. Als Grundregel gilt: Was man ritzen kann, kann man auch zeichnen. Danke für den Hinweis: Ausdrucken kann man es auch aus dem Internet. Wenn man einen Drucker hat. Hat jeder einen?

Drucken und zeichnen

Also: Wer drucken kann, drucke. Die anderen nehmen ein DIN-A4-Blatt, einen Kugelschreiber, einen weichen Bleistift oder was auch immer Spuren auf Papier hinterlässt, und zeichnen. Alle Vorlagen für Spielfelder finden sich im Internet.

Es braucht nicht perfekt zu sein, nur funktionstüchtig. Bitte einen Blick auf das Bild werfen: Das ist mein Versuch eines Mühle-Spielfelds. Künstlerischer Anspruch: null. Hätte ein Carnuntiner Wollefärber etwas Derartiges in seine Begrenzungsmauer geritzt, es hätte gut sein können, dass er sich als Azubi in der Gladiatorenschule wiedergefunden hätte. Dennoch: Es ist ein funktionsfähiges Spielfeld. Nur darauf kommt es an.

Die größere Schwierigkeit sind die Spielsteine. Da heißt es erfinderisch sein. Wobei der eigenen Fantasie keine Grenzen gesetzt sind. Das Gute an Mühle ist, dass jeder der beiden Spieler neun Steine hat, die einander nur in der Farbe unterscheiden.

Was tun? - Ein paar Tipps gefällig? Lässt sich das Problem mit Münzen lösen? Wenn nicht: Liegen irgendwo noch Christbaumkerzen, die man letzte Weihnachten gekauft, aber nicht gebraucht hat? Zwei Kerzen in Scheiben schneiden und sich etwas einfallen lassen, damit man die Scheiben unterscheiden kann. Oder die simpelste Variante, die auf dem Bild zu sehen ist: Papierschnipsel, die einen bleiben weiß, die anderen haben einen Punkt. Fertig ist das Mühle-Spiel. Die Spielregeln finden sich bei Mühle so, wie bei praktisch allen klassischen Spielen, im Internet. Wer sich auf Mühle einlässt, wird bald merken, dass dieses Spiel weit raffinierter ist und wesentlich mehr taktische Finessen erfordert, als man gemeinhin annimmt. Unter www.spielezar.ch/blog/spielregeln/muehle-spielregeln findet sich eine Spielanleitung.

Apropos Carnuntiner Wollefärber: Der hätte die altrömische Variante von Mühle gespielt, nämlich Rundmühle. In der Herstellung sind Spielfeld und Steine ebenso einfach - und das Spiel macht Spaß.

Eine Anleitung gibt’s unter www.saelde-und-ere.at/Hauptseite/Arbeitsgruppen/Spiel/Spielregeln/Radmuehle.html.

Ein Schachspiel herzustellen, ist kompliziert. Das Spielfeld lässt sich zeichnen, aber was tun mit der Fülle an Figuren? Allerdings kann man Dame auf einem Schachfeld spielen, und da sich die Figuren bei Dame, ganz wie bei Mühle, nur in der Farbe unterscheiden, geht man hier wie dort ans Werk. Anleitung unter: www.gamedesign.de/dame.

Simpel und unterhaltsam ist Drei in einer Reihe. Das Tolle an diesem Spiel ist, dass man es beliebig erweitern kann, etwa auf Fünf in einer Reihe. Ist ein kariertes Papier zur Hand? Man setzt seine Punkte und Kreuzchen an den Linienkreuzungen. Regeln wie bei Fünf in einer Reihe. Wie viele Zeichen man in einer Reihe haben muss, um zu gewinnen, kann man sich vorher ausmachen. Und wenn kein kariertes Papier zur Hand ist? Nur die Vorbereitung mit dem Zeichnen der Karos dauert länger. Anleitung für Drei in einer Reihe (die Erweiterungen werden ebenso gespielt): de.wikipedia.org/wiki/Tic-Tac-Toe.

Übrigens lassen sich alle diese Spiele mit einer Partnerin oder einem Partner ausprobierter Maßen auch über Webcam spielen. Nur Fünf in einer Reihe könnte unübersichtlich werden, wenn man es auf einem großen karierten Papier spielt.

Würfel herstellen

Eher nichts für die Webcam ist Mensch ärgere dich nicht. (Aber wer weiß? - Ausprobieren!) Das Spielfeld lässt sich gut selbst herstellen, Vorlagen finden sich im Internet. Wie man die Figuren bastelt, wissen wir mittlerweile: Zwei bis vier mal vier Steine braucht man, die einander irgendwie unterscheiden müssen. Notfalls Papierschnipsel mit individuellen Zeichen drauf, eventuell mit Münzen kombinieren: keine Hexerei.

Schwieriger wird es mit dem Würfel. Schwieriger, aber nicht unmöglich. Statt den Würfel zu werfen, lassen sich die Punkte auf gleichförmige Kärtchen zeichnen - mischen, ziehen. Gewiss, dieser Notwürfel macht weniger Spaß, aber er erfüllt seine Funktion. Oder man bemüht das Internet und holt sich auf www.wuerfel.jetzt/2.html virtuelle Würfel.

Jetzt noch schnell zwei Spiele für zwischendurch, für die man gar nichts braucht, weil man sie sprechen kann. Als da wäre die gute alte Wörterkette: Der Endbuchstabe des vorigen Wortes ist der Anfangsbuchstabe des nächsten. Kinderkram? Ganz persönlich: Ich war Zeuge, wie vier Erwachsene dieses Spiel im Zug auf der kompletten Strecke Salzburg-München gespielt haben. Sie haben es sich dadurch erschwert, dass sie die Wörter auf schwierige Wissensgebiete beschränkt haben. Im konkreten Fall waren es Physik und Mathematik. Soll heißen: Wie viel Ablenkung man aus diesem Spiel gewinnt, kommt darauf an, inwiefern man den eigenen Bildungsstand fordert.

Ähnlich kann man Reimketten bilden - aber Vorsicht! Das Suchtpotenzial ist hoch. Und ein Tipp: Umfangreiche Wissensgebiete wählen, sonst werden die Reimketten allzu kurz, und das Spiel ödet schnell an.

Fliegende Walfische

Zum Schluss noch ein Reaktionsspiel, klingt kindisch, aber erst ausprobieren: Alles, was Flügel hat, fliegt. Man sitzt am Tisch und klopft rhythmisch mit den Händen auf die Tischplatte. Einer fängt an zu skandieren: Alles, was Flügel hat, fliegt, alles, was Flügel hat, fliegt und so weiter, und dann nennt er ein Beispiel: Die Amsel fliegt. Beim Wort "fliegt" werden die Arme hochgenommen - aber nur, wenn das genannte Wesen oder Ding wirklich Flügel hat und fliegt. Das Verführerische ist der Rhythmus in Verbindung mit der Automatisierung des Armehebens. Da kommt es schon vor, dass man einen Emu fliegen lässt oder gar einen Walfisch. Dafür gibt’s einen Strafpunkt. Sieger ist, wer die wenigsten Strafpunkte hat. Richtig irr wird das Spiel übrigens, wenn man’s umdreht, also die Hände nur hochnimmt, wenn das genannte Tier oder die genannte Maschine nicht fliegt.

Und wer die Finger gar nicht von den Web-Spielen lassen kann: Pokémon Go kann jetzt von Zuhause aus gespielt werden. Das Laufen entfällt, Kämpfe sind in den eigenen vier Wänden zu bestreiten. Dort also, wo man sich derzeit aufhalten möge.