Wer gibt denn heute noch einen Almanach heraus?

Periodische Schriften zu Themengebieten – ja, die erscheinen nach wie vor, und das ist gut und richtig so. Nur "Almanach" nennt sie niemand mehr.

Marginalistik - Almanach für Freunde fröhlicher Wissenschaft"
Von Walter Hömberg (Hg.)
Allitera Verlag, München, 2019, 264 Seiten, 16,90 Euro

Eigentlich schade. Almanach ist ein so schönes Wort. Es klingt.

Und schon hat der Herausgeber Walter Hömberg Sympathien gewonnen, wenn er seine Sammlung "Marginalistik" im Untertitel, mit einer Nietzsche-Anleihe, einen "Almanach für Freunde fröhlicher Wissenschaft" nennt. Eine augenzwinkernde Spielerei, bei der man gleich weiß: man wird dieses Buch mögen.

Hömberg hat zur literarischen Publizistik im Vormärz dissertiert (entstammt der Befassung mit dieser Zeit, in der solche Sammlungen weit verbreitet waren, die Idee, einen Almanach herauszugeben?), war Professor für Kommunikationswissenschaft an den Universitäten von Bamberg und Eichstätt. Seit zwei Jahrzehnten lehrt er als Gastprofessor an der Universität Wien.

Hömberg und Eckart Roloff waren es, die den Begriff der "Marginalistik" prägten und mit ihren "Jahrbüchern für Marginalsitik" verfestigten, die zwar nicht wirklich jährlich erschienen, aber immerhin in den Jahren 2000, 2011, 2014 und 2016.

Abseitig erscheinende Themen

Hömberg ist also ein Spezialist der Marginalistik, und die Marginalistik ist laut Definition die Wissenschaft der abseitig erscheinenden Themen, also der Marginalien. Der Ansatz war humorvoll intendiert (Fragen zur "Rechtsnatur der Strandburg"), mittlerweile eröffnet die Schrägbetrachtung der Wissenschaft aber auch tatsächlich neue und nicht nur verschrobene Blickwinkel.

Hömberg setzt ein Zitat des italienischen Schriftstellers Tiziano Terzani als Motto der Sammlung von Betrachtungen der Welt von ihren Rändern her voran: "Wer schon weiß, was er sucht, wird nie finden, was er nicht sucht...". In der Folge nimmt sich Daniel Nölleke der Hochzeitszeitungen an, Norbert Mecklenburg betrachtet Martin Luthers Abtrittsreden, Eckart Roloff die Sprache des Essbestecks (was bedeutet es, wenn eine Gabel wie liegt?) und Karl Otto Saur berichtet von den Erfahrungen eines Trauerredners. Hömberg selbst lobt die Faulheit, widmet sich aber auch, und da wird es, trotz des leicht lesbaren Stils, schon ernster, der Frage nach Lügen in Lexikas. Nicht nur hier verbindet sich dann das Vergnügen mit dem Nutzen. Das Kapitel "Über das Suchtpotential der Marginalistik" von August Gloi-Hänsle sollte man vielleicht zu Beginn als Warnung lesen – oder am Schluss, weil der Autor dem längst der Sucht Verfallenen ja auch eine Therapie verspricht.

Dieses Buch freilich ist keine solche. Im Gegenteil: Es ist reines Suchtmittel.

Wer gibt denn heute noch einen Almanach heraus? Walter Hömberg. Zum Glück des Lesers.