Ich spüre schon eine Art ‚Phantomschmerz‘", beklagt Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) das fehlende kulturelle Leben in der Stadt und kündigt in einer live-gestreamten Pressekonferenz einen "Schulterschluss" mit Kulturschaffenden an.

Damit Kultureinrichtungen während der Zwangspause wirtschaftlich überleben können, bietet die Stadt vorgezogene Ratenzahlungen an. Außerdem bleiben sämtliche Fördervereinbarungen aufrecht, egal ob die Premiere nun stattgefunden hat oder nicht. "Wir werden keine Gelder zurückfordern", kündigt Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler an. "Dadurch ermöglichen wir es den Institutionen, sich an Verträge zu halten und Gagen zu bezahlen. Es geht um Handschlagqualität."

Mit diesen Maßnahmen, die vorerst keine Erhöhung des Kulturbudgets bedeuten, wird gewissermaßen eine Normalsituation simuliert. Das erklärte Ziel: "Wir wollen das kulturelle Leben nicht zu sehr beschädigen und dafür sorgen, dass wir wieder zurückfinden können in eine dann wohl neu geordnete Normalität", so Kaup-Hasler.

Ob die Wiener Festwochen wie geplant von 15. Mai bis 21. Juni stattfinden werden, ist nach wie vor offen. "Ich bin in ständigem Austausch mit Intendant Christoph Slagmuylder", so Kaup-Hasler "für ein produzierendes Festival, das wegen der Proben einen längeren Vorlauf hat, ist es jetzt besonders schwer." Auch beim Donauinselfestival (26. bis 28. Juni) warte man mit einer Absage noch ab, so Bürgermeister Ludwig.

Die Bundestheater ließen indes mit der Nachricht aufhorchen, dass 2176 Mitarbeiter zur Kurzarbeit angemeldet wurden. Die Kurzzeitarbeit gilt ab 1. April, wird für vorerst drei Monate beantragt und betrifft Dienstnehmer aus allen Holding-Bereichen - Burgtheater, Staatsoper, Volksoper, ART for ART Theaterservice und die Holding selbst, ausgenommen sind Schlüsselkräfte, die für die Aufrechterhaltung des Betriebes sorgen. "Die Schließung der Bundestheater bedeutet nicht nur einen tiefen künstlerischen, sondern auch einen tiefen finanziellen Einschnitt", so Holding-Chef Christian Kircher. Die Einnahmeneinbußen betragen schätzungsweise 1,3 Millionen Euro pro Woche (190.000 Euro am Tag). Allein im Monat März ist ein Minus von 4,2 Millionen Euro zu verbuchen.

"Wir haben das oberste Ziel erreicht, nämlich die Arbeitsplätze aller zu sichern", ist Kircher von der Richtigkeit der Maßnahme überzeugt, auch wenn es zu Einkommenseinbußen für viele Betroffene kommt. "Das neue Kurzarbeitsmodell versetzt uns in die Lage, rasch auf diese beispiellose Ausnahmesituation reagieren zu können, deren Auswirkungen abzufedern und soziale Absicherung zu gewährleisten", so Kircher.

Niemand vermag abzuschätzen, wie lange vor allem die großen Bühnen noch geschlossen bleiben werden, mit einer Öffnung nach Ostern rechnet offenbar niemand.

Gemeinsam allein

Da ist eine neue Initiative der Stadt Wien geradezu ein Lichtblick: Kuratiert von Rabenhof-Intendant Thomas Gratzer wird mit dem Fernsehsender W24 eine neue Programmschiene ins Leben gerufen: Solokünstler wie Stefanie Sargnagel und Ernst Molden treten im Rabenhof einmalig auf, die Aufzeichnung läuft auf W24. Das Unternehmen startet am 28. März. Auch die Wiener Vorlesungen sollen so fortgeführt werden. "Wir erleben einen Boom an neuen Formaten, Podcasts, Streamings, Blogs", freut sich Kaup-Hasler über die allerorts aufblühende Netzkultur. "Auch wenn jeder allein zu Hause ist, auf diese Weise sind wir gemeinsam allein.