Der Wiener hat ja tausend Begriffe dafür: Schmäh, Wuchtel, er macht sich einen Karl (mit Dir), er rollt Dich, nimmt Dich auf den Arm oder er - gesetzt den Fall, er ist Nestroyaner - will sich einen Jux machen. "Scherz" dagegen sagt man in Wien nicht so häufig dazu. Wenn schon eher "Brotanschnitt" und meint damit das sogenannte Scherzerl und dessen Doppelbedeutung als kleiner Witz, wodurch dem Angesprochenen klargemacht werden soll, dass er . . . ach, ich glaube, Sie als Leserschaft der "Wiener Zeitung" haben es längst kapiert.

Doch der Scherz unterscheidet sich vom Witz. Ist der Witz eigentlich ausschließlich sprachlicher Natur, ist der Scherz auch gern mal eine Handlung. Also ein Streich.

Und "Streich" kommt wiederum von "Schlag" und "Hieb", bewegt sich also thematisch in einem kriegerischen, kämpferischen Milieu. Und im Krieg wird nicht viel gesprochen. Wenn Sie beim Militär waren, wissen Sie das vielleicht. Da gibt es zwar einen Zapfen-Streich, aber sehr wenig Witz.

Der Scherz ist also eher etwas Angewandtes und Praktisches, der Witz intellektuell und theoretisch. Der "Schmäh" befindet sich im Graubereich dazwischen. Je nach dem ob man den Schmäh führt oder man auf selbigem gehalten wird.

Heute, am 1. April, ist so etwas wie der Welttag des Scherzes. Heute darf man Menschen, die man liebt, sagen, dass man in ihrer Abwesenheit die Wohnung ausgemalt hat. Und zwar altrosa und tannengrün alternierend. Und wenn dann die geliebte Person voller böser Vorahnung im Stechschritt nach Hause eilt, um die Katastrophe selbst zu sehen, die Tür aufschließt und die Wohnung genau so vorfindet, wie sie sie verlassen hat, dann winkt ein Zettel auf dem Spiegel: "April, April!"

Nur als theoretisches Beispiel. Da aber zurzeit alle zu Hause sind, ist dieser Scherz praktisch schwer umzusetzen. Lustige Telefonanrufe aber, wo man sich meldet mit: "Hier spricht das Gesundheitsamt" sind aktuell schon naheliegender. Aber Vorsicht: Es gibt eine unsichtbare Grenze zwischen Humor und Geschmacklosigkeit und sie verläuft in jedem Individuum woanders.

Wichtig ist aber beim Scherz: Es gibt am Ende immer einen Dummen. Oder um es mit Horst Chmela zu sagen: "Ana hat immer des Bummerl".

Einladung zum Narrenball

Historisch betrachtet kennt man den Ursprung des Aprilscherzes nicht mit Sicherheit. Aber es gibt - seinem fluiden Wesen entsprechend - mehrere Theorien:

Erste Annahme: Ein unbekanntes sechzehnjähriges Mädchen soll dem französischen König Henri IV. schriftlich um ein heimliches Rendezvous gebeten haben. Der König eilte daraufhin voller erotischer Vorfreude zum angegeben Zeitpunkt, dem 1. April, zum vereinbarten Ort und traf dort . . . seine Gemahlin mitsamt dem versammelten Hofstaat. Der verdutzte Monarch wurde von seiner Angetrauten mit den bittersüßen Worten begrüßt, dass sie sich freue, dass er ihrer Einladung zu dem "Narrenball" so rasch gefolgt sei. Wer hier der Dumme war, lässt sich recht deutlich erkennen.

Eine andere Erklärung bezieht sich auf den Krieg zwischen den Niederlanden und Spanien im 16. Jahrhundert. So eroberten die niederländischen Wassergeusen am 1. April 1572 die Stadt Brielle von den verhassten Spaniern unter dem Herzog von Alba. Und so heißt es noch heute in den Niederlanden: "Op 1 april verloor Alva zijn bril", zu Deutsch: Am 1.April verlor Alba seine Brille.

Ein seltenes Beispiel, wo Krieg und Wortwitz sich vereinen.

Weitere Theorien: Judas von Iskariot soll an einem 1. April zur Welt gekommen sein. Oder das maurische Granada soll am 1. April von den katholischen Spaniern erobert worden sein. Ist ja auch irgendwie ein "Streich".

Gesichert gilt dagegen das historisch erstmalige Auftreten des Humors in der Schrift.

Erste schriftliche Überlieferungen eines Scherzes ist eine kleine Tontafel aus dem altbabylonischen Stadtstaat Ur. Ein Vertreter der privilegierten Schreiber-Kaste hat sich dort wohl um das Jahr 2500 vor unserer Zeitrechnung in seiner Freizeit die Freiheit genommen, auf ein Tontäfelchen (gefunden von Leonard Woolley 1923) folgenden Text einzugravieren: "Ist der Schreiber nicht von großem Geist/ So ist auch sein Geschriebenes/ doch der Leser liest die Schrift/ und der kleine Geist wandert in den seinen."

Quelle der Dummheit

Das klingt jetzt freilich für uns nicht rasend komisch, sondern mehr nach Medienkritik. Kann man diesen Text doch problemlos als Schilderung einer morgendlichen U-Bahnfahrt in Wien, inklusive Fahrgäste und deren Lektüre betrachten. Wichtig ist aber dabei, dass der Text den Akt der Informationsübergabe durch Schrift selbst als Ziel hat. Wobei besonders zu beachten ist, dass der zunächst "Dumme" - nämlich der Schreiber - zwar der Ausgangspunkt der Erzählung ist, die Quelle der Dummheit sozusagen, der tatsächlich "Dumme" aber (also der, der am Ende den Schaden davon trägt; der über den wir lachen) ein anderer, nämlich der Leser, ist.

Deshalb haben sich Humorforscher weltweit bei dem Kongress "Über das Lachen" in Ost-Berlin 1975 größtenteils darauf geeinigt diesen Kurztext aus Ur als ersten, überlieferten Scherz der Menschheitsgeschichte anzuerkennen. Einzig die Delegation aus der Volksrepublik China behauptete, einen noch älteren schriftlichen Beleg für Humor als den "Ur-Scherz" zu besitzen. Lieferte aber für diese Behauptung niemals Belege. Das mag auch an dem Faktum liegen, dass kurze Zeit später der Staatsführer Mao Zedung das Zeitliche segnete und damit eine politisch sehr unsichere Zeit folgte. So soll vor allem die Witwe Maos, Jiang Qing, persönlich die Exekution von mehreren führenden chinesischen Humorologen angeordnet haben. Angeblich war sie auch die treibende Kraft hinter dem Verbot des Kartenspiels "Mau-Mau" in der Volksrepublik. Aber wie viel davon wiederum wahr ist und wie viel posthumer Rufmord an der in weiten Teilen der kommunistischen Partei verhassten Person, lässt sich in der Retrospektive nur mehr schwer klären.

So bleibt der Scherz aus der Stadt Ur ältestes Zeugnis menschlicher Humorentwicklung.

Und wenn man sich den Text einmal genauer ansieht (zur Erinnerung: "Ist der Schreiber nicht von großem Geist/ So ist auch sein Geschriebenes/ doch der Leser liest die Schrift/ und der kleine Geist wandert in den seinen"), kann man diesen sumerischen Vierzeiler auch als eine weitaus kunstvollere - oder aber auch umständlichere - Form des bekannten Spruchs "Wer das liest, ist dumm" betrachten.

Und - um ehrlich zu sein - das ist er auch. Weil alles, was über diesen sumerischen Kurztext in diesem Artikel geschrieben steht, von Anfang bis Ende erfunden ist. Vom Autor im Jahr 2020 nach Beginn unserer Zeitrechnung. Und der stellt sich gerade Ihr, werte Leserin oder werter Leser; Gesicht vor und sagt sich: April, April!