Die Menschen suchen zunehmend in der Literatur Beispiele und Anweisungen, wie man mit der vom Coronavirus beherrschten Gegenwart umgehen soll. Das zeigt nicht zuletzt der rasant steigende Verkauf von Albert Camus’ Roman "Die Pest".

Doch nicht nur der Umgang mit dem Infektionsrisiko und der Krankheit selbst verursacht Probleme. Zahlreiche Menschen befinden sich jetzt - wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben - in einer Form weitestgehender gesellschaftlicher Isolation. Die unbedingt notwendigen Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen können, speziell im Fall von Singles, etwas mit sich bringen, womit bis vor wenigen Tagen kaum jemand gerechnet hat: Einsamkeit. Die Kommunikation über Telefon und Internet mag zwar weiterlaufen, doch zum sozialen Wesen des Menschen gehört eben auch die Möglichkeit des persönlichen Kontakts. Gerade er soll aber, Stichwort: Social Distancing, nicht stattfinden. Was ist zu tun?

Vor allem gilt es, zwei Begriffe zu unterscheiden, nämlich Einsamkeit und Alleinsein. Einsam kann man auch unfreiwillig unter Menschen sein, dann nämlich, wenn man, aus welchem Grund immer, keine sozialen Kontakte aufbaut. Alleinsein hingegen ist eine bewusst getroffene Entscheidung, die, im Gegensatz zur Einsamkeit, keine psychische Belastung mit sich bringt.

Wie nun damit umgehen, wenn man von heute auf morgen auf sich selbst zurückgeworfen ist? Auch dafür finden sich in der Literatur Modelle.

Einsames Handwerk

Kein Wunder, denn Autoren treiben ein einsames Handwerk. Das Schreiben eines Textes oder von Musik ist nämlich immer mit der Einsamkeit des Verfassers verbunden. Schließlich kann man, während man mit Freunden in einer Kneipe beim Bier sitzt, keine Symphonie komponieren und auf dem Familienausflug keinen Roman schreiben. Zwangsläufig setzen sich Schriftsteller und Komponisten mit dem Thema Einsamkeit öfter auseinander als die meisten Menschen, und zwar mit den Dystopien wie mit den Bewältigungsmodellen gleichermaßen.

Zahlreich sind die (teilweise literarisch, musikalisch und filmisch) aufgearbeiteten historischen Fälle. Um nur die beiden bekanntesten zu nennen: Das Verschwinden dreier Leuchtturmwärter, die im Jahr 1900 auf Eilean Mòr in der sturmbedingt überlangen Dienstzeit in der Einsamkeit der schottischen Insel wahnsinnig geworden sind. Der englische Komponist Peter Maxwell Davies hat die Begebenheit seiner Kammeroper "The Lighthouse" zugrunde gelegt. Dann ist da noch der Fall des englischen Langstrecken-Seglers Donald Crowhurst, bei dem zur psychischen Belastung ein Gewissensnotstand dazukam. Immerhin versuchte er, im Rennen um die erste Nonstop-Einhand-Weltumsegelung seinen Kurs zu fälschen. Jerry Rothwell und Louise Osmond machten daraus ihre Filmdoku "Deep Water", und James Marsh drehte auf der Basis des Stoffs seinen Spielfilm "Mercy". mit Colin Firth.

Erkenntnis des Ichs

Oft laufen die Geschichten um Einsamkeit nach dem Modell ab, dass der einzige Überlebende eines Unglücks auf eine unbewohnte Insel verschlagen wird. Das Fundament dazu hat Daniel Defoe im ersten Teil seines Romans "Robinson Crusoe" gelegt, demzufolge Erzählungen dieser Natur "Robinsonaden" heißen. Defoe zeigt die Überlebensstrategien seines Seemanns, der durch klare selbstauferlegte Strukturen dem Wahnsinn die Stirn bietet. Robert Zemeckis’ Film "Cast Away" mit Tom Hanks baut in seinen Grundzügen auf Defoes Modell auf - das tatsächlich eine gelungene Anweisung für den Umgang mit Einsamkeit erteilt. Davon später.

Die Novelle "Das heimliche Fenster, der heimliche Garten" des gegenwärtigen Horror-Großmeisters Stephen King liest sich wie ein Gegenmodell zu Defoe: Zwar wählt Kings Schriftsteller Mort Rainey die Abgeschiedenheit selbst, ist ergo eher allein als einsam, verliert aber die Strukturen des Alltags, bis er schließlich zwischen Realität und Fiktion nicht mehr unterscheiden kann.

Neben der Prometheus-Sage und dem Aischylos zugeschriebenen Drama sind Ovids Briefe aus der Verbannung eine der frühesten und wirkmächtigsten literarischen Gestaltungen von Einsamkeit. In ihnen beginnt die Stilisierung der Einsamkeit zur Extremerfahrung, die Selbsterkenntnis ermöglicht. Vom spanischen Barockdichter Luis de Góngora bis zum deutschen Romantiker Nikolaus Lenau wechseln zwar die Gestaltungs-, kaum aber die Sichtweisen. Auch Shakespeares König Lear erkennt erst in der Einsamkeit die eigenen Fehler.

Ohnedies werden den Mächtigen ihre einsamen Entscheidungen zugeschrieben - auch dann, wenn sie aufgrund von Beratungen getroffen werden. Womit sich die Grundfrage stellt, ob nicht jede Entscheidung letzten Endes ganz zwangsläufig eine einsame ist. Doch das nur nebenbei.

Einsam unter Menschen

Friedrich Nietzsche gewinnt dann aus Zarathustras "Heimat Einsamkeit" die Idee des "höheren Menschen": "Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt" - den Markt würden Kenner der Bibel mit deren "Welt" gleichsetzen, dem Ort der Profanität.

Edgar Allan Poe wiederum thematisiert die Einsamkeit inmitten einer Gesellschaft - dies ist übrigens seine einzige Verbindungslinie zum anderen Horrorklassiker der USA, H. P. Lovecraft: Bei beiden Autoren geraten Menschen durch ihre gesellschaftliche Isolation in Bedrängnis. Poe bleibt auf der Ebene der Psychologie, während Lovecrafts einsame Hauptfiguren sich der Nekromantie hingeben. Offen bleibt, ob ihre Einsamkeit die Ursache für den Irrweg ist oder umgekehrt. Einsam inmitten einer Gesellschaft ist auch der Fischer Peter Grimes in der realistischen Versnovelle "The Borough" des Engländers George Crabbe, die dem englischen Komponisten Benjamin Britten als Grundlage seiner Oper "Peter Grimes" diente.

Doch zurück zur Grundfrage, wie man der durch das Social Distancing verursachten Einsamkeit begegnen kann: Hier bietet Defoes "Robinson Crusoe" tatsächlich ein Modell an, nämlich die sinnvolle Strukturierung des Tages. Man kann Viktor Frankls Logotherapie hinzufügen: Alles ist erträglich, wenn ein Sinn erkennbar ist. Die Dystopien dazu liefern der Sisyphos-Mythos (Bestrafung durch sinnlose Wiederholung einer sinnlosen Handlung) ebenso wie Jean-Paul Sartres "Geschlossene Gesellschaft", in der die anderen nicht nur die Hölle sind, sondern vor allem eine entwicklungslose und dadurch sinnlose Hölle.

Sinngebung à la Robinson

Robinson hingegen weist seinem Tagesablauf einen Sinn zu. Er geht Schritt für Schritt vor und plant genau die Abläufe. Er lässt sich nicht in sein Schicksal hineinfallen, sondern gestaltet es aus der Situation heraus. Dass seine Situation anderer Aufgabenstellungen bedarf als der durch die Ausgangsbeschränkungen notwendige Aufenthalt zu Hause, versteht sich von selbst. Es ist aber die Frage der eigenen Herangehensweise. So ist nicht nur der Aufenthalt in der Wohnung unter den gegebenen Umständen sinnvoll, sondern er kann auch sinnvoll genützt werden. Dann nämlich, wenn man den Sinn nicht aus den Tätigkeiten ableitet, sondern den Tätigkeiten einen Sinn zuerkennt, also nicht den Sinn passiv rezipiert, sondern aktiv zuspricht.

Durch solch einen Wechsel der Perspektive lässt sich die gleichsam erlittene Einsamkeit in ein aktives Alleinsein verwandeln. Die Argumentation sieht dann in etwa so aus, dass man den Tätigkeiten zu Hause einen höhren Sinn zuerkennt als etwa dem Abhängen mit Freunden.

Wer glaubt, ein solcher Perspektivwechsel könnte nur Romanhelden wie Robinson über die Runden bringen, irrt: Robinson ist nach der realen Gestalt Alexander Selkirks gestaltet. Und Viktor Frankl hat durch dieses Denken zwei Jahre im Konzentrationslager überstanden, ohne geistig Schaden zu nehmen.