Der erste Mensch, auf den ich seit Tagen treffe, trägt einen Blaumann, die Wäsche des Handwerks, darüber eine graue Jacke. Ich werde seiner in einer Reflexion gewahr, in einer Spiegelung auf der Eingangstüre zur Küche. Er ist genauso erschrocken wie ich. Keiner hat uns gesagt, dass da noch ein anderer ist.

Ich lebe im Hotel. Seit etwas mehr als zehn Tagen. Ich werde hier so lange leben bleiben, bis das Hotel wieder aufsperren darf. Ich wurde eingeladen, der Besitzer des Hotels, ein steirischer Destillateur und Essigerzeuger, hat mir angeboten, mich, so lange es ihm möglich ist, in seinem geschlossenen Hotel als einzigen Gast unterzubringen. Selbstredend ohne dafür Entgelt zu verlangen.

Das macht er nicht grundlos, denn ich gehöre zu der von der Seuche gefährdeten Personengruppe. Falls ich an Corona sterbe, steht "mit Vorerkrankung" auf meinem Totenschein. Dieses "mit Vorerkrankung" ist die von Anfang an selbst von kritischen Medien und Politgruppen unwidersprochen hingenommene Entmenschlichung der Opfer. "Starb mit Vorerkrankung" = "entlastet Gesellschaft und Budget". Seltsam, hier eingereiht zu sein. Beginnt mit diesem Prädikat das Sterben?

Jetzt einmal nicht, denn in dem Hotel, in dem mich der Essighersteller und Schnapsbrenner einquartiert hat, bin ich tatsächlich ganz alleine. Manchmal kommt eine Bürokraft vorbei, die dann die Post durchsieht und Mails beantwortet. Aber auch die kreuzt nie meinen Weg zwischen Zimmer 401 und dem großen Speisesaal, wo ich arbeite.

Gruseln in leeren Etagen

Der Mann im Blaumann ist der Haustechniker, den ein Gerät mit Funkalarm gerufen hat. Ein armes, krankes Gerät, das nach Hilfe schrie. Der Mann im Blaumann drückt ein paar Knöpfe und das funktionsgestörte Blechding nimmt seine Arbeit schnaufend und röhrend wieder auf. Als ich später am Gerät vorbeikomme, spreche ich ihm Mut zu: "Geht doch." Dass ich mit Geräten rede, ist kein Produkt der Quarantäne, das habe ich früher auch schon getan. Aber nur, wenn wie hier keiner hinsah. Seltsamer werde ich also nicht.

Das Hotel ist ein Hotelkomplex, eine vor zehn Jahren in den Hang verwirklichte, wohl designte Architekturstudie mit 200 Betten. Der Haupteingang ist im dritten Stock, darüber gibt es noch die Ebene, auf der ich wohne und in der sich auch die gesperrte Sauna und der zugedeckte Pool befinden. Die Ebenen eins und zwei, die Ebenen darunter, habe ich nur einmal betreten. Es sind tote Stockwerke, in welchen ich nichts zu suchen habe. Außer das Gruseln.

Morgens, wenn das Licht kommt, und abends, wenn es geht, schaue ich auf die mächtige Riegersburg, die die Hügel der Region überragt. Das Bollwerk wurde übrigens nie belagert oder eingenommen, lese ich in einem Prospekt, es wurde von den Feinden einfach umgangen. Ich umgehe die Burg auch. Etwa zweimal je Woche. Gehe in allen Himmelsrichtungen an ihr vorbei. Auf diesem Pfad treffe ich lediglich Radfahrer jenseits der sechzig. Junge Leute sehe ich nie. Außer David, der Sohn des Schnapsbrenners, der selber Schnapsbrenner ist und mir die Lieferung aus dem Supermarkt bringt. Die Greißler, die es auch hier nicht mehr gibt, halten erst seit Dienstag wieder offen.

Ich weiß natürlich, welches Privileg ich gerade genieße: großartige Aussicht, menschenleere Wiesen, menschenleere Wälder, null Lärm - es wäre die ideale Zeit, sich zu erholen. Doch Entspannung will sich nicht einstellen, denn da draußen ist immer noch das unsichtbar Bedrohliche, das Größere, das mich in die Isolation zwingt, der Tod.

Ich wollte arbeiten. Und habe mir viel Arbeit hierher mitgenommen. Ich wollte dazwischen die Seele baumeln lassen und mir eine Art Urlaub vorheucheln. Beides ist nicht möglich, denn wenn ich zu schreiben beginne, dann schweifen meine Gedanken schnell vom Thema ab, wenn das Thema mit dem aktuellen Thema nichts zu tun hat. Und wenn ich mich am Balkon meiner Suite in die Schaukel lege und einen Moment schlafen will, dann irritiert mich diese Stille hier, die eine Stille der Menschen und keine Stille der Natur ist, die, ganz gegenteilig, wieder laut zu werden beginnt, die ihr Piepen, Singen und Summen keinem Lärm der obersten Primaten mehr unterordnet.

Klar ist: Das ist die einsamste Zeit meines Lebens. Und ich, der ich mit Einsamkeit nie umgehen konnte, der sie fürchtete wie der Teufel das Weihwasser, komme erstaunlich gut zurecht damit. Komme zurecht, dass mein Körper erstmal losließ und ich die ersten drei Tage krank im Bett lag. Komme zurecht, nun nur mit mir und Gegenständen ("Hallo Weinkühlschrank, welche Flasche soll ich denn heute öffnen") zu reden. Komme zurecht, Blumen zu fotografieren, die ich nicht kenne und deren Namen dann in einer App zu suchen, die ich mir vor vier Wochen nie heruntergeladen hätte.

Und schon sind wir beim Spirituellen. Einsamkeit kann brechen, mich bricht sie entgegen meiner Erwartung nicht. Eher beginne ich die Situation mehr und mehr zu genießen und mich ob dieses Genusses zu wundern. Wer war ich vorher? War der, der das jetzt ist, schon da? Ja, war er. Als Kind. Das Kind.

Die Wände schweigen

Ein so ein großes Haus muss leben, eine Seele haben, denke ich. Mein Hotel hat keine Seele. Abgesehen von einzelnen Gerätschaften macht das leere Haus keinen anderen Eindruck als leeres Haus. Einmal ging ich spätnachts durch die Gänge, auch jene der unteren Stockwerke, und hörte an den Wänden, ob das Bauwerk mir Erinnerungen erzählen will. Nichts. Irgendwie enttäuschend. Selbst der Wind lässt hier keine Wände seufzen.

Das Runterkommen klappt, das Verkommen auch. Außer nach dem Aufstehen und vor dem Niederlegen sehe ich mein Gesicht nicht mehr. Und dann sehe ich nur einen alternden Mann mit viel zu langen, weißen Haaren, der beginnt, über Gebühr zuzunehmen. Runterkommen bedeutet, seinen Kern zu finden, obwohl man das vierzig Jahre gut vermieden hat. Runterkommen heißt hier, angesichts der Natur, sich als gering zu empfinden, gegenüber der Natur, aber ein Wachsen des Selbst zu spüren, eine neue Autonomie, die bleiben wird. Anders als vor vier Wochen, würde ich jetzt den Sommer über alleine auf eine Alm ziehen. Okay: Nur wenn es Wi-Fi gibt.

"Splendid Isolation" oder Hölle?

Mit den Tagen verlieren auch tägliche Regeln ihre Bedeutung, wiewohl es ohnehin absurd war zu glauben, dass Regeln hier Sinn behalten würden. Duschen? Nur noch, um den eigenen Gestank nicht mehr zu riechen. Zähne putzen? Sehr oft nur nachts, nachdem das mahnende Gewissen weckt. Der tägliche Spaziergang? Wozu, wenn man doch schon alle Blumen einzeln kennt, die am Wegesrand wachsen?

So dräut, dass diese "Splendid Isolation" auch Hölle werden kann. Dann wenn das Innere, das jetzt in sich wühlt und findet, nichts mehr findet, das ein Leben anzündet, den Willen stärkt, das Aufstehen belohnt. So naht auch der Moment, an dem ich wieder ein Gesicht und eine Berührung brauche, um mein Inneres vom Außen säugen zu lassen. Ein Mensch im Hotel, der gerne wieder unter Menschen wäre. Und ich bin sicher, mein Hotel, das sich zu nichts äußert, nicht knarrt, nicht seufzt, sieht es genauso. Es bedarf der Menschen wie ich.