Die Filmfestspiele Venedig finden wie geplant statt. Da beißt kein Corona-Virus einen Zelluloidstreifen ab. The Show must go on: Die Lagunenstadt ignoriert geflissentlich, was sich etwas weiter westlich zugetragen hat. Ein wenig fühlt man sich an Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig" erinnert: Um den Tourismus nicht zu gefährden, spielen die offiziellen Stellen die Cholera zum Gerücht herunter.

Aber vielleicht hat Venedig ja wirklich Glück - und vor allem die Zeit auf seiner Seite. Die Filmfestspiele werden von 2. bis 12. September abgehalten, die Architektur-Biennale findet von 29. August bis 29. November statt. Bis dahin könnte nach derzeitigem Stand die norditalienische Corona-Epidemie unter Kontrolle sein. Man kann nur Glück wünschen - und genug Umsicht, ein gewiss glanzvolles Ereignis nicht über die Gesundheit Vieler zu stellen.

Damit zu den Kommentaren, die sich mit virenartiger Geschwindigkeit über die sozialen Plattformen verteilen: Wenn Venedig kann, dann hätte doch auch Bayreuth gekonnt, dann hätten auch Mörbisch und St. Margarethen nicht absagen müssen. Abwarten und Tee trinken, das wäre die bessere Entscheidung gewesen.

Tatsächlich?

Ganz grundsätzlich lässt sich ein Filmfestspiel nicht mit einem Opern- oder Operettenfestspiel vergleichen. Bei Filmfestspielen mag es einen großen verwaltungstechnischen Aufwand geben - das Produkt selbst aber, also der Film, ist bereits fertig. Wenn doch noch eine Absage im letzten Moment notwendig sein sollte, bleibt der Film davon unberührt, kein Schauspieler verliert ein Engagement durch die Absage, niemand muss für geleistete, letzten Endes aber wegen der Absage sinnlose Probenarbeit oder Produktionskosten bezahlt werden.

Sicherheitsbedenken des Staates

Noch etwas Anderes gilt es zu bedenken: Festspiele existieren weder im rechtsfreien Raum, noch sind sie ein exterritoriales Ereignis. Soll heißen: Im Fall der Corona-Krise sind die Sicherheitsbestimmungen eines Staates oder Landes dafür ausschlaggebend, ob ein Festspiel stattfinden kann oder nicht. Venedig geht davon aus, dass im September in Italien keine Sicherheitsbedenken der Durchführung der Filmfestspiele  entgegenstehen.

Bei Bayreuth und Mörbisch, um bei diesen beiden stellvertretend für alle Absagen zu bleiben, sieht das anders aus: Kein Land hat an einem kulturellen Kahlschlag Interesse, zumal er auch wirtschaftliche Einbußen bedeutet. Die wesentlich größere Gefahr geht aber davon aus, dass ein Festspiel zur internationalen Virenverteilungs-Drehscheibe wird.

Wie schnell ein solches scheinbar punktuelles Ereignis internationale Konsequenzen nach sich ziehen kann, sollte seit dem Fall Ischgl bekannt sein. Und Ischgl ist nicht vergleichbar mit Festpielen, bei denen bis zu 100 Musiker und ebensoviele Choristen oft mehrerer Orchester über mehrere Wochen Tag für Tag stundenlang im Halbmeter-Abstand nebeneinander sitzen oder auf der Bühne stehen - vom Publikum aus aller Herrn Länder gar nicht erst zu reden: Knapp 2000 Zuschauer fasst das Bayreuther Festspielhaus, 6000 Sitzplätze hat die Mörbischer Seebühne.

Beengte Sitzverhältnisse

Ob der als Sardinendose bekannte Bayreuther Zuschauerraum überhaupt den Sicherheitsvorschriften gemäß adaptierbar wäre, sei außerdem dahingestellt: Würde es genügen, zwischen den Zuschauern einen Platz frei zu lassen? Müssten es zwei oder gar drei sein? Würde es ausreichen, die Zuschauer in den Reihen versetzt zu platzieren, oder müssten ganze Reihen freigelassen werden, um die Sicherheitsabstände zu gewährleisten?

Und wie wäre mit Orchester und Chor zu verfahren? - Um bei Bayreuth zu bleiben: Von allen Opern Richard Wagners kommen lediglich drei ("Rheingold", "Die Walküre", "Siegfried") ganz ohne und "Tristan und Isolde" fast ohne Chor aus, und alle haben ein Orchester von rund 70 bis über 100 Musiker. Die Größe von Orchestergräben ist beschränkt und nicht beliebig erweiterbar. Unter diesen Gegebenheiten ist die Einhaltung von Sicherheitsabständen für Musiker unmöglich - auch dann, wenn man sich in den sozialen Medien noch so sehr über Ulrike Lunaceks Feststellung in der Pressekonferenz von Freitag, 17. April, mokiert, Streichquartette würden eher realisierbar sein als große Bläserbesetzungen: Dass eine Trompete naturgemäß eher einen durch Atemluft übertragenen Virus verteilt als eine Violine, müsste auch der musikalische Laie einsehen.

Problem Vorlaufzeiten

Bei Oper und Theater sind obendrein lange Vorlaufzeiten notwendig, um die Aufführung auf die Bühne bringen zu können. Es bedarf nicht allein der Probenarbeit, sondern auch der Herstellung von Bühnenbildern und Kostümen. Letztgenannte sind nicht nur für die Protagonisten zu schneidern, sondern auch für den Chor. Unter Einhaltung der Corona-Sicherheitsvorschriften ist das kaum durchführbar.

Warum aber sagen Bayreuth (wie auch Mörbisch und andere) ab, während sich Salzburg noch eine Wartefrist bis Ende Mai für die Zu- oder Absage gönnt? War das nicht doch voreilig?

Auch in diesem Fall: Nein. Salzburg ist eine andere Art von Festspiel als Bayreuth. Vor allem weiß offiziell noch niemand, ob, und wenn ja, in welcher Form es stattfinden wird. Jedenfalls aber kann Salzburg flexibler agieren. Theoretisch könnten die Festspiele, um eine völlige Absage zu vermeiden, auf eine Serie von "Jedermann"-Vorstellungen mit großzügigen Sicherheitsabständen auf der Zuschauertribüne und Kammerkonzerte mit ebenfalls großzügigen Sicherheitsabständen im Großen Festspielhaus ausweichen. Bayreuth hingegen ist auf einen Kanon von zehn groß besetzten Opern fixiert, die in einem verhältnismäßig engen Haus gezeigt werden müssen.

Jedes Festspiel individuell betrachten

Es gilt also nicht nur die Regel, dass Venedig nicht Bayreuth ist, sondern es ist jedes Festspiel individuell darauf zu überprüfen, ob es die Sicherheit der Künstler und des Publikums gewährleisten kann. Haben sich, wie bei so vielen kleineren und größeren Sommer-Festspielen in Europa, die Veranstalter wegen zu großer Sicherheitsbedenken gegen die Durchführung entschieden, verdient das Respekt. Es sind im Fall des Coronavirus noch zu viele Fragen offen, um auch nur das kleinste Risiko einzugehen. Und ob Venedig wirklich stattfindet, wird man in den Wochen um den 2. September erfahren.

Auf keinen Fall aber darf die jetzige venezianische Ankündigung für September dazu verführen, eine mehr oder minder sofortige unbegrenzte Öffnung aller Spielstätten zu verlangen. Der Preis dafür könnte zu hoch sein.