Zu den bedauernswerten Opfern der Corona-Krise gehören zweifellos jede Menge Autoren, vor allem von Sachbüchern über Wirtschaft und Politik, deren Werke schon am Tag ihres Erscheinens obsolet waren, weil die Autoren das Viren-Drama und seine gewaltigen Folgen nicht berücksichtigen konnten.

Die Selbstheilungskräfte des Marktes können wahre Wunder vollbringen - es bedarf aber zahlreicher Reformen. - © Karine Germain
Die Selbstheilungskräfte des Marktes können wahre Wunder vollbringen - es bedarf aber zahlreicher Reformen. - © Karine Germain

Es gibt freilich auch einige, ganz wenige Bücher, die jetzt zu Bestsellern werden, weil sie in irgendeiner Form vorweggenommen haben, was jetzt passiert. "Die bürgerliche Revolution - Wie wir unsere Freiheit und unsere Werte erhalten" ist genau so ein Fall. Geschrieben hat es Markus Krall, bekannter deutscher Wirtschaftspublizist aus der Fachrichtung "Crash-Literatur" und seit einem halben Jahr Vorstandssprecher des deutschen Edelmetall-Händlers Degussa AG. Bekannt wurde er durch Bücher wie "Der Draghi-Crash: Warum uns die entfesselte Geldpolitik in die finanzielle Katastrophe führt" oder "Verzockte Freiheit: Wie die Hybris unserer Eliten die Zukunft unseres Kontinents verspielt".

Corona und der große Crash

Krall ist ein eloquenter Vertreter der "Österreichischen Schule der Nationalökonomie", begründet unter anderem von Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek, einer außerhalb Österreichs angesehenen ökonomischen Theorie. Ihre Anhänger sind skeptisch gegenüber staatlichen Interventionen in die Wirtschaft, überbordende Schulden und übermäßiges Gelddrucken der Notenbanken, gelten also heute als echte Spaßbremsen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie eine derartige Politik für nicht nachhaltig und letztens ruinös halten - bis hin zu einem großen Crash, den Krall schon lange prophezeit hat, und der nun, dank Corona, schneller da sein könnte, als er dachte.

"Die Pandemie hat den Prozess in Gang gesetzt, der die in 15 Jahren angestauten Ungleichgewichte falscher Geld- und Wirtschaftspolitik wie Dominosteine zum Kippen bringen wird, und sie hat den Ablauf der Krise in einen Zeitraffer gepackt, der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt", schreibt Krall im Vorwort. "Der in meinem Krisenszenario prognostizierte Ablauf von Deflation, Geldschwemme und folgender Hyperinflation wird durch den panikartigen Übergang zum Helikoptergeld im März des Jahres 2020 von Quartalen auf Wochen komprimiert."

Und er prophezeit: "Wenn wir in einigen Wochen - hoffentlich - aus dem Alptraum der Quarantäne, der Ausgangssperren und Infektionsstatistiken aufwachen werden, so werden wir uns in eine andere Welt hineintasten. Eine Welt, in der Güter wieder knapp sind, in der das Geld täglich an Kaufkraft verliert, in dem eine fallende Güterproduktion auf unsere Einkommen durchschlägt und in der Millionen Menschen in die Arbeitslosigkeit gehen. Das bedeutet: Depression und Inflation in Kombination, also Stagflation, und das in noch nie dagewesenem Ausmaß. Dann werden wir feststellen, dass auch unser gesellschaftliches System den Stresstest nicht besteht. Die Kräfte der Veränderung werden die gescheiterte Parteiendemokratie zur Abdankung zwingen. Aber was folgt dann?"

Zu befürchten ist: eine neue Staatsgläubigkeit, Etatismus, Planwirtschaft und ein starkes Zurückdrängen liberalen Gedankengutes, das von seinen Gegnern als "neoliberal" stigmatisiert wird, dem intellektuellen Pendant zu starkem Mundgeruch.

Nötige bürgerliche Revolution

Dem stellt Krall gegenüber, was er für eine dringend notwendige "Bürgerliche Revolution hält. Deren Kern hat er (auf Seite 177) gleichsam in a nutshell zusammengefasst: "Eine alte Regel in der Politik lautet: Wer Schmerzen zufügen muss, der muss es schnell und gleich zu Beginn einer neuen Regierung tun. Tut sie das schnell und entschlossen, dann werden die Selbstheilungskräfte des Marktes allerdings wahre Wunder vollbringen.

Es muss bestehen aus Deregulierung, Einsparung, Umsteuerung der Ausgaben von Konsum in Investitionen und Reparatur der Infrastruktur, Bildungsreform, Verteidigungsreform, Reform der inneren Sicherheit, Rentenreform, Einwanderungsreform, Rolle rückwärts in der Energiepolitik, Steuersenkungen, drastischer Vereinfachung des Steuersystems, deutliche Verkleinerung der Staatsquote (. . .) mit einem Satz: Deutschland braucht eine Reform an Haupt und Gliedern."

Das war schon, als es vor Corona geschrieben wurde, eine eher kühne Forderung - jetzt, ein paar Wochen später, klingt es wie eine Botschaft aus der Welt von gestern.