Der aus Los Angeles stammende Jazz Musiker Danny Grissett, der heute in Wien lebt, war 16 Jahre alt, als am 3. März 1991 der schwarze Bauarbeiter Rodney King von vier weißen Polizisten in Lakeview Terrace gestoppt und anschließend minutenlang verprügelt wurde. George Holliday, der in unmittelbarer Nähe wohnte, nahm das Geschehen mit seinem Camcorder auf und gab das Material an den Sender KTLA weiter.

Jazzmusiker Danny Grissett heute . . . - © Giovanni Piesco
Jazzmusiker Danny Grissett heute . . . - © Giovanni Piesco

"Das war neu", erinnert sich Grissett, "denn Handys wie heute, mit denen schlicht alles aufgezeichnet wird, was auf der Welt passiert, gab es damals nicht." Die vier Polizisten wurden auf Basis dieser Aufnahmen angeklagt, im Februar 1992 startete die Gerichtsverhandlung mit einer zwölfköpfigen Jury, in der bis auf drei Mitglieder alle weiß waren.

Am 29. April 1992 fuhr Grissett wie jeden Nachmittag von seiner Schule mit dem Bus nach Hause, er lebte im damals berüchtigten Stadtteil South Central L.A. an der Grenze zu Inglewood. "Mittelklasse mit Einfamilienhäusern", erinnert er sich. "Gangs und Verbrechen aber waren natürlicher Teil der Inner Cities." Trotzdem fühlte er sich sicher und wusste sich von Troubles fernzuhalten, die Eltern hatten ihn so erzogen. Einer seiner besten Freunde aber schloss sich einer Gang an.

. . . und mit 16 Jahren zur Zeit der L.A. Riots 1992. - © privat
. . . und mit 16 Jahren zur Zeit der L.A. Riots 1992. - © privat

Grissett war Hip-Hop-Fan, und Ice Cube, ein Superstar der Szene, wuchs im Garten hinter ihrem auf. "Kunst reflektiert das Leben", erzählt er, und die Hip-Hop-Bands jener Zeit sangen nicht ohne Grund über die latente Polizeigewalt, mit der Schwarze in Los Angeles ständig konfrontiert waren. Mit seiner Band N.W.A (Niggaz Wit Attitudes) schrieb Ice Cube schon 1988 den song "Fuck Tha Police."

Schüsse, Geschäfte
in Flammen

Um 16 Uhr an jenem Tag wurde das Urteil verkündet, und die vier Angeklagten gingen frei. Grissett wusste davon noch nichts, als er nach Hause kam. Nicht weit von dort, an der Normandie Avenue weiter nördlich, wurden aber bereits die ersten Liquor Stores geplündert, und die Kreuzung zur Florence Avenue sollte sich in der Folge zum Zentrum der Krawalle entwickeln: Passanten wurden beschossen, eintreffende Polizisten mussten zurückweichen. Grissett hörte Schüsse, Geschäfte in seiner unmittelbaren Nachbarschaft gingen in Flamen auf, ein Nachbar kam herüber und fragte: "Can you believe this?" Sie sahen überall Rauchschwaden, und die Luft wurde immer schlechter.

Ab 6.45 Uhr an jenem Tag schwebte ein Helikopter des Senders LANC über der Kreuzung Normandie und Florence Avenue, und dann wurde Grissets Fernsehprogramm unterbrochen: "Reginald Denny", sagt Grissett, "ich erinnere mich gut." Der weiße Bauarbeiter hatte Sand auf seinem mächtigen, roten Truck geladen, aber kein Radio im Führerhaus. So fuhr er arglos mitten in die Kreuzung hinein, die von der Polizei noch immer nicht abgesperrt worden war. "Dort stoppte ihn eine Gruppe von vier Afroamerikanern, zerrte ihn heraus und prügelte ihn halb tot. Man sah, wie ihm der Kopf mit einem Ziegel zertrümmert wurde", erinnert er sich. Die Gruppe der Gewalttäter wurde später als "L.A. Four" bekannt, einer von ihnen war ein High-School-Footballstar, bis er mit 16 die Schule verließ. Minutenlang umkreiste nun der Helikopter den schwerstverletzten Dennis und übertrug live, wie dem Mann niemand half. Im Gegenteil kamen immer wieder Leute und traten ihm gegen den Kopf, ein junger Mann stahl ihm die Geldtasche. Bis der Schwarze Bobby Green jr. ihn schließlich in ein Auto zerrte und in ein Hospital brachte, wo man ihm das Leben rettete. "Viele Schwarze haben auch geholfen", erzählt Grissett.

Die Gewalt streute in die angrenzenden Bezirke, und Grissett erinnert sich, dass die völlig überforderte Polizei zwar die Straßen hinauf in die reichen, weißen Gegenden um Beverely Hills sperrte, um diese zu beschützen. Die armen Gegenden in South Central und auch die Ladenbesitzer im benachbarten Koreatown aber wurden alleine gelassen. "Überall standen nun Leute auf den Dächern und bewachten ihre Läden", viele Koreaner waren mit Kriegserfahrung nach Amerika ausgewandert.

Demütigende Erfahrungen für Schwarze

Die Spannungen zwischen den Schwarzen und den Koreanern hatten sich im Jahr davor, nur dreizehn Tage nach dem Übergriff auf Rodney King, verstärkt, als die Ladenbesitzerin Soon Ja Du das 15-jährige schwarze Mädchen Latasha Harlin erschoss. Wieder wurde der Mord von einer Kamera aufgezeichnet, und wieder ging jemand frei, der eine Schwarze erschossen hatte. "Eine demütigende Erfahrung für jeden Schwarzen in unserer Gegend war", erzählt Grissett, "dass die Besitzer einfach hinter dir hergingen, sobald du ihren Laden betreten hast. Da war dieses grundsätzliche Misstrauen - guilty by being black."

Bürgermeister Bradley verhängte am nächsten Tag eine Ausgangssperre, am folgenden Tag zog die National Guard durch die Straßen - Armeeeinheiten in Camouflage und gepanzerten Fahrzeugen. Grissett blieb zu Hause und sah im TV, wie seine Nachbarschaft umgeben war von Feuern und Straßensperren, brennenden Reifen und dutzenden Rauchsäulen, die in den Himmel stiegen. Irgendwann, erinnert sich Grissett, trat Rodney King, das Prügelopfer, vor die Presse, und fragte: "Can’t we all just get along?"

Eine flehende Bitte, die bis heute nicht erfüllt wurde.