Richard Wagner und Hector Berlioz haben ihn bewundert, doch heute ist der Erfolgskomponist der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert fast unbekannt: Gaspare Spontini war der nahezu alleiniger Erfinder der Grand Opéra, der Oper als totales Spektakel, er machte Furore in Frankreich und schrieb die preußische Hymne "Borussia". Seine letzte große Anwältin war Maria Callas in der Titelrolle von "La Vestale".

Gaspare Spontini war der Sensationskomponist der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. - © wikimedia
Gaspare Spontini war der Sensationskomponist der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. - © wikimedia

Was zu seiner zunehmenden Vergessenheit geführt hat: Beharrlich hält sich das Gerücht, man könne die sehr hoch liegenden Tenorrollen nicht mehr besetzen; außerdem hat das Musical die Sparte des unterhaltenden Musikspektakels okkupiert. Auch gibt es in vielen der Großen Opern Tendenzen, mit denen man in unserer heutigen Zeit, die so viel auf politische Korrektheit setzt, schwer zurechtkommt.

Gaspare Spontini Fernand Cortez (Dynamic)
Gaspare Spontini Fernand Cortez (Dynamic)

Spontinis Oper "Fernand Cortez", in der Erstfassung von 1809 in der Produktion des Maggio Musicale Fiorentino soeben als Blu-ray und DVD erschienen, ist ein Paradebeispiel: Möglicherweise war es Napoleon selbst, der das Thema seinem Verehrer Spontini, quasi als künstlerische Begleitung zur Spanien-Invasion, vorgeschlagen hat. Der Eroberer Cortez ist der napoleonische Held, und wenn Cortez der Held ist, müssen die Priester der Azteken zwangsläufig blutrünstige Barbaren sein - zumal sie die spanische Inquisition symbolisieren.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Natürlich gilt es, heute die Dinge in Grauabstufungen zu sehen: Einerseits watete der historische Hernán Cortés in Blut, andererseits unterdrückten die Azteken, ehe sie selbst Opfer der spanischen Begehrlichkeiten wurden, andere Völker gnadenlos. Auch sollte man bedenken, wie Menschenopfer auf Europäer gewirkt haben müssen.

Sinnliches Opernvergügen

Solche Versuche einer kritischen Betrachtung der historischen Vorgänge könnte man freilich allenfalls von einem Komponisten oder Librettisten unserer Zeit einfordern. Zu Spontinis Zeiten war der Stoff schlicht Materialspender für Arien, Ensembles und Chöre, bunte Tableaus und Ballette. Am Schluss heiratet Cortez seine Geliebte, die aztekische Prinzessin Amazily - Symbol einer friedlichen Verbindung von Frankreich und Spanien. Wobei, wohlgemerkt, Frankreich die Rolle des dominierenden Ehepartners zugedacht ist.

Rein ideologisch also lässt die Oper nichts aus, was ihr heute ein Stolperstein sein kann. Regisseurin Cecilia Ligorio versucht denn auch gar keine Deutung. Sie arrangiert grandiose Massenszenen in quasi-historischen Kostümen und bedient die Schaulust.

Das passt zu dieser Musik! Sie ist überwältigend. Etwas raffiniert Rohes hat sie: harte Konturen, grelle Farben, massive Lautstärke, aufgeputschte Harmonik, aufgepeitschte Rhythmen. Und wie diese Melodien ins Ohr gehen! Mag sein, das alles ist ein wenig Edelprimitivität. Aber welcher Schwung, welche Dynamik! Von diesem "Fernand Cortez" führt ein gerader Weg zu Wagners "Rienzi". Es ist schier unmöglich, sich der Energie von Spontinis Oper zu entziehen.

Und die Aufführung ist fulminant gesungen und beweist, dass es sehrwohl noch Stimmen für diesen Operntyp gibt. Wer Oper als Festbankett wenn nicht gar als Rausch erleben will, ist hier bestens bedient! Freuen wir uns über die DVD und die Blu-ray. Aber vor allem: Auf die Bühnen mit diesem Prachtstück von Musiktheater!