Die schrittweisen Lockerungen der Regierungsmaßnahmen geben Anlass zur Hoffnung: Manche denken, dass wir in ein paar Wochen wieder da sein werden, wo wir Mitte März waren. Aber es könnte auch sein, dass sich die Grundlagen unseres Zusammenlebens fundamental verändern. Jedenfalls standen in den vergangenen Wochen unsere Gewohnheiten in einer noch nie dagewesenen Weise am Prüfstand. Anlass für ein Gespräch mit dem Wiener Philosophen Eugen Maria Schulak.

"Wiener Zeitung":Die rigiden Maßnahmen der Regierung waren ein einschneidendes Erlebnis. Was macht das mit uns? Was kommt durch die Krise ans Licht?

Eugen Maria Schulak: Eine sehr schöne sprachliche Wendung, dass etwas ans Licht kommt. Licht ist die Metapher für Erkenntnis. Möge die Wahrheit ans Licht kommen! Wenn einem ein Licht aufgeht, so ist das, philosophisch betrachtet, immer etwas Positives, selbst wenn das, was ans Licht kommt, unangenehm und schmerzhaft ist. Denn das sind die wichtigen Lernerfahrungen. Freilich machen wir sie unfreiwillig. Niemand trägt freudig seine Maske. Die Regierungsmaßnahmen sind in der Tat ein Erlebnis, das gemischte Gefühle hinterlässt. Und ihre Wirkungen sind höchst individuell. Aber es gibt vielleicht doch etwas Gemeinsames, das für jeden von uns gilt: Wir ernten, was wir sähen. Und wenn die Zeit sozusagen einmal stillsteht, wie eben, dann fokussiert sich der Blick zunehmend auf das, was ist, weil wir innehalten, äußerlich nicht weiterkommen und auf das zurückgeworfen sind, was wir haben, was wir sind und was uns ausmacht. Insofern kommt tatsächlich die Wahrheit ans Licht.

Eugen Maria Schulak (57), einer der Pioniere der praktischen Philosophie. - © WZ/A. Pessenlehner
Eugen Maria Schulak (57), einer der Pioniere der praktischen Philosophie. - © WZ/A. Pessenlehner

Was passiert, wenn sich die Welt auf die Familie und das engste soziale Umfeld reduziert?

Hier gilt ebenso, dass kein Aufschub, keine Flucht, keine Verdrängung mehr möglich ist. Wenn etwas im Argen liegen sollte, so liegt es jetzt am Tisch. Wer Kinder hat, hat sie auf dem Gewissen, so oder so. Gerade heute ist allen zu gratulieren, die ein gutes Gewissen im Umgang mit ihren Kindern haben. Es ist ja schon schwer genug, den Bewegungs- und Abwechslungsmangel für die Kleinen auszugleichen. Für den Ausgleich moralischer Mängel ist es allerdings jetzt zu spät. Das lässt sich nicht aus dem Handgelenk schütteln.

Die einzige Gewissheit ist derzeit die Ungewissheit. Wie lässt sich damit umgehen?

Die Ungewissheit ist die ängstliche Schwester der Wahrscheinlichkeit. Die Zukunft ist prinzipiell ungewiss, daran ändert auch Corona nichts. Sie war auch vor Corona ungewiss. Jeder von uns muss mit dem Ungewissen umgehen können, aber nicht erst jetzt, sondern immer schon. Es kann jederzeit etwas eintreten, mit dem man nicht gerechnet hat. Wem das erst jetzt dämmert, hat etwas Grundsätzliches nicht begriffen. Wer vor Corona beispielsweise für sich und die Seinen nichts zurückgelegt hat, auf nichts verzichtet hat in Hinblick auf eine zukünftige mögliche Not, der ist jetzt auf Almosen angewiesen. Das war vor Corona bereits ebenso, bloß kommt es jetzt ans Licht. Die Ärmsten von uns, Obdachlose oder Flüchtlinge, hatten diese Chance nicht. Umso schlimmer, wenn wir sie nicht einmal für uns selbst genützt haben. So können wir auch anderen, die es schlechter haben, jetzt nicht helfen. Und so hängen dann alle am Staat, auch die Reichen. Das ist ziemlich peinlich.

Wie lautet Ihre Diagnose für die Zeit nach Corona?

Von einer positiven Einsicht in falsche Verhaltensweisen bis zur bleibenden Allmacht des Staates ist alles möglich. Ganz generell ist bei Gegenwartsdiagnosen Vorsicht geboten. Zeitgenossen können meist nur sehr wenig von ihrer Gegenwart erfassen, geschweige denn richtige Schlüsse für die Zukunft ziehen. Zeitungen aus vergangenen Jahrhunderten beweisen das recht eindrucksvoll. Freilich gibt es Menschen mit prophetischen Fähigkeiten, aber nur im Nachhinein betrachtet. Deshalb enthalte ich mich des Urteils, eine philosophische Tugend, die man bei den alten Griechen epoché genannt hat.

In der Geschichte der Menschheit gab es bereits eine Reihe an Pandemien - angefangen von der Pest bis zur Spanischen Grippe. Was vermag man aus solchen Erfahrungen zu lernen? Wie würden Sie die derzeitige Corona-Krise einordnen?

Also die Pest ist es nicht, mit der sich Corona vergleichen lässt. Was mich stutzig macht, sind die mittlerweile zahlreichen Wortmeldungen von erfahrenen Ärztinnen und Ärzten, die behaupten, dass die Wirkungen von Corona mit denen einer Grippe vergleichbar sind. Unter Umständen kommen wir später einmal zur Einsicht, dass die Reaktionen übertrieben waren.

Arbeit ist derzeit äußerst ungleich verteilt, während manche, vor allem in den Pflegeberufen, bis zur Erschöpfung arbeiten, sind andere zur Untätigkeit verurteilt. Kann das zu einer Neubewertung von Arbeit führen?

Das könnte durchaus sein, eine Neubewertung nach notwendiger physischer Anwesenheit der Person und nicht notwendiger physischer Anwesenheit. Ich vermute, dass in Zukunft viele, die jetzt von daheim aus weiterarbeiten können, in Zukunft keine Lust mehr haben werden, täglich an ihrem Arbeitsplatz zu erscheinen. Da bin ich gespannt, wie sich das entwickeln wird.

Was lässt sich dabei über den Umgang mit Zeit lernen?

Zeit ist das Wertvollste, das wir haben. Je weniger man sie im Büro verbringt, desto besser. Es ist jedem zu gratulieren, der jetzt vielleicht die Zeit gefunden hat, sich um Unerledigtes und Aufgeschobenes zu kümmern, privat wie im Beruf. Und all jenen, die heute bis zur Erschöpfung arbeiten müssen, ist sehr zu danken. Ich hoffe sehr, dass es diesen Leuten, was ihr Ansehen betrifft, von Nutzen sein wird.

Unsere Gepflogenheiten waren in den vergangenen Wochen am Prüfstand. Wie blicken Sie als Philosoph auf diese Situation?

Mir war es vergönnt, gelassen zu bleiben. Situationen, in denen die Anwesenheit eines Philosophen erforderlich ist, sind ohnehin selten. Ich konnte die Zeit bislang genießen. Interessant ist, dass ich mehr Post und Anfragen als sonst bekomme. Aber die Leute hören und lesen von mir jetzt nichts anderes als vor dieser Krise. Die Welt zeigt sich nur von einer anderen Seite. Wirklich anders geworden ist sie nicht.