Sie bemüht sich sehr", hat Parteikollegin Eva Blimlinger kürzlich noch über Ulrike Lunacek gesagt. Hätte sie noch ein "eh" hinzugefügt, hätte die Diagnose kaum vernichtender sein können. Das war schon ein deutliches Zeichen dafür, dass der Rückhalt für die Kulturstaatssekretärin bereits in den eigenen Reihen ziemlich bröckelt. Wobei Blimlinger vielleicht nicht das beste Beispiel ist - hat diese doch klar gesagt, dass sie Lunaceks Posten auch gern gehabt hätte. Dass sie ihn nun, nach dem nicht mehr ganz überraschenden Abgang der Staatssekretärin, auch bekommt, ist nun freilich doch wieder unwahrscheinlich.

Ulrike Lunacek wurde nicht warm mit Österreichs Kulturbranche. - © apa/Techt
Ulrike Lunacek wurde nicht warm mit Österreichs Kulturbranche. - © apa/Techt

Man habe ihr keine Chance mehr gegeben, gab Ulrike Lunacek bei ihrer persönlichen Erklärung am Freitag zu Protokoll, bevor sie das Amt zurücklegte. Dem war eine immer lauter werdende Kakophonie der Kritik aus der Kulturszene vorangegangen. Nicht alle waren so brachial unterwegs wie Lukas Resetarits, der in einem Wutvideo gleich die ganze Partei nicht nur aus der Regierung, sondern aus dem Parlament wünschte. Es gab auch differenziertere Aussagen, wie von Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder, der in Erinnerung rief, dass es neben der vielgeschmähten Lunacek auch einen verantwortlichen Minister gibt, Werner Kogler.

Situation nicht im Griff

Die Unzufriedenheit der Kulturschaffenden stieg aus vielen Gründen. Zum einen schlicht aus existenziellen: Sehr viele im Kulturbereich Tätige leben ohnehin schon in prekären Verhältnissen, diese Situation hat die Corona-Krise, in der ihnen ein Arbeiten nicht möglich war, gefährlich zugespitzt. Der Erleichterung über finanzielle Förderungen folgte bald eine Ernüchterung über bürokratische Hürden. Zum anderen verstärkte eine immer größer werdende Unsicherheit die Frustration: Lunacek gelang es nicht, ihre politische Klientel zu beruhigen, indem sie vermittelte, die Situation im Griff zu haben. Die mittlerweile berühmte "20-Quadratmeter-Pressekonferenz" ließ bereits ein durchdachtes Konzept nur mit viel gutem Willen im Mikroskop erkennen. Aber es wäre unfair, das zu bemängeln. Man vergisst schnell, dass vor wenigen Wochen die Infektionsraten noch ganz andere als heute waren, die Vorsicht war absolut nachvollziehbar.


Aber die Wochen vergingen, die Zahlen wurden besser, es gab zu allen möglichen Bereichen Pressekonferenzen über Lockerungen, nur die Kulturschaffenden warteten umsonst. Den meisten ging es gar nicht darum, dass alles - Theater, Konzerte, Kino, Filmproduktionen etc. - sofort wieder im "alten Normalmodus" geöffnet wird. Dass das nicht geht, ist allen Vernunftbegabten bewusst. Es hätte schon gereicht, einen gangbaren Plan vorzulegen, der zumindest das Verständnis für die Besonderheiten des Kulturbereichs, etwa die langfristige Planungssicherheit, enthalten hätte - dass letztere in einer Pandemie immer nur Hypothese sein kann, muss ja ohnehin klar sein.

Weil es einen solchen Plan nicht gab, oder jedenfalls nicht schlüssig kommuniziert wurde, wie man daran arbeitet - am besten zusammen mit den Betroffenen - und weil einheitliche Vorgaben fehlten, sprießten schließlich sonderbare Einzelideen aus dem Boden. Angefangen von der absurden Maskenpflicht für Blasmusiker bis zur Kulmination am Donnerstag, als das niederösterreichische Festival Grafenegg vorpreschte und bekannt gab, im August stattzufinden. Platz genug für eine Freiluftveranstaltung mit ausreichend Abstand wäre ja im Schlosspark. Von Wettbewerbsverzerrung war da schnell die Rede und ob der Grafenegger Schlosspark dann auch für andere Festivals genützt werden könne.

Dieses Chaos, das Gefühl des Alleingelassenwerdens und die desaströs schlechte Stimmung hätten vermieden werden können, wenn man schneller und konkreter (so weit das eben ging) kommuniziert hätte. Zugegeben, Lunacek hatte auch keinen einfachen Start: Als "Branchenfremde" hatte sie das Amt der Kulturstaatssekretärin übernommen - die geringe Kulturaffinität war schon damals kritisiert worden.

Übersichtliche Bilanz

Ihre Bilanz als kurz dienende Kulturpolitikerin ist denn auch übersichtlich: Gleich zu Beginn ihrer Amtszeit gab es eine holprige Neubesetzung in den Kuratorien der Bundesmuseen, den Literaturnobelpreis an Peter Handke konnte Lunacek "nicht nachvollziehen". Nicht nachvollziehen konnten wiederum viele andere ihre Entscheidung, den Direktor des Naturhistorischen Museums, Christian Köberl, abzuberufen. Lob gab es für ihre Biennale-Entsendung der queeren Künstler Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl. Eine Nachfolgerin Lunaceks soll Anfang kommender Woche präsentiert werden.

In ihrem Abschiedsstatement hat Lunacek angedeutet, dass es ihr nicht gelungen sei, sich bei der Aufstockung von finanziellen Hilfen in der Regierung durchzusetzen. Im Hinblick darauf, dass man im internationalen Bereich bereits mit dreistelligen Millionenbeträgen bei der Kulturförderung rechnet, wäre es für die Kulturnation Österreich angemessen, hier aufzuschließen.