Er war ein Papst der Superlative - mit dem zweitlängsten Pontifikat der Geschichte, mit den meisten Reisekilometern eines Papstes, was ihm den Beinamen "eiliger Vater" eintrug, mit den meisten Ernennungen von Kardinälen und Bischöfen, als Verfasser unzähliger Dokumente, aber auch literarischer Texte. Johannes Paul II. sprach mehr Menschen selig und heilig als alle seine Vorgänger zusammen. In seiner Amtszeit kamen unter anderem ein neues Kirchenrecht, der Codex Iuris Canonici von 1983, und der "Weltkatechismus" heraus. In Rekordzeit wurde dieser Pontifex auch zur Ehre der Altäre erhoben: Er starb am 2. April 2005, seine Heiligsprechung erfolgte am 27. April 2014.

Als am 16. Oktober 1978 ein neuer Papst die Mittelloggia von St. Peter in Rom betritt, bedeutet das eine Sensation. Die meisten Menschen auf dem Petersplatz haben gerade zum ersten Mal seinen Namen gehört. Noch rätseln sie über seine Herkunft, da hält er schon, dessen Muttersprache Polnisch ist, eine spontane Rede in nahezu akzentfreiem Italienisch. Er spricht die Trauer über den plötzlichen Tod von Papst Johannes Paul I. an, er ruft dazu auf, die Tore für Christus zu öffnen. Die Kardinäle hätten nun einen neuen Bischof von Rom "aus einem fernen Land gerufen, fern, aber der Gemeinschaft im christlichen Glauben und in der Tradition doch so nahe".

Der Mann "aus einem fernen Land", mit 58 Jahren noch relativ jung für einen Papst, heißt Karol Wojtyla. Er hat 1958 die Bischofsweihe empfangen, ist seit 1964 Erzbischof von Krakau und war einer der jüngsten Teilnehmer am Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965). Erstmals seit viereinhalb Jahrhunderten kommt der Bischof von Rom nicht aus Italien, wozu auch der Wiener Erzbischof, Kardinal Franz König, beigetragen hat. Obwohl Karol Wojtyla sich zuerst Stanislaus nennen will, wählt er schließlich den Namen seines Vorgängers. Er weiß, wie beliebt der lächelnde Luciani-Papst Johannes Paul I. war, dessen Pontifikat nur einen Monat währte. Auch Johannes Paul II. hat ein gewinnendes Lächeln und eine charismatische Ausstrahlung. Seine öffentlichen Auftritte, seine Gesten werden zum Fressen für die Medien, die ihm große Aufmerksamkeit schenken und auf die er selbst ohne Berührungsängste zugeht. Der Bodenkuss nach Flugreisen entwickelt sich geradezu zu seinem Markenzeichen. Mit umjubelten Auftritten bei Weltjugendtreffen bleibt er einer Generation junger Christen in Erinnerung.

Karol Wojtyla wird vor 100 Jahren, am 18. Mai 1920 in Wadowice bei Krakau geboren. Als Neunjähriger verliert er seine Mutter, zwölf Jahre später sind alle anderen engen Verwandten tot. Trotz einer Neigung zur Literatur und zum Theater wird er nach dem Krieg Priester.

1958 empfängt er die Bischofsweihe, 1964 wird er Erzbischof von Krakau. Er ist einer der jüngsten Teilnehmer am Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965). Seine Papstwahl und die Reise in seine Heimat im Juni 1979 geben oppositionellen Kräften in Osteuropa, vor allem in Polen, starken Auftrieb und alarmieren die kommunistischen Machthaber. Millionen Menschen geht es nahe, als Johannes Paul II. bei einem Schussattentat am 13. Mai 1981 auf dem Petersplatz lebensgefährlich verletzt wird. Daran, dass zehn Jahre später der Kommunismus in Osteuropa wie ein Kartenhaus zusammenbricht, hat der Papst erheblichen Anteil. Von entscheidender Bedeutung ist freilich, dass im Kreml in Moskau ein Mann wie Michail Gorbatschow ans Ruder kommt, dem ein Massaker, wie es die chinesische Führung im Juni 1989 am Tian’anmen-Platz in Peking verübt, völlig zuwider ist.

Dialog - ein großes Anliegen

Das politische, aber auch das innerkirchliche Agieren dieses Papstes ist geprägt vom polnischen Katholizismus und seinen Erfahrungen in einer Kirche im Kampf mit religionsfeindlichen Systemen - in jungen Jahren mit dem Nationalsozialismus und später mit dem Kommunismus. Allem, was ihm marxistisch erscheint, dazu gehört für ihn auch die lateinamerikanische Theologie der Befreiung, bleibt er abgeneigt.

Aber auch am Kapitalismus und Konsumdenken des Westens übt Johannes Paul II. zunehmend Kritik. Er prangert soziale Ungerechtigkeiten, Bedrohungen der Menschenwürde, "Strukturen der Sünde" und eine negative "Kultur des Todes" an. Nicht nur Abtreibung und Euthanasie, auch die Todesstrafe und moderne Reproduktionstechniken lehnt er entschieden ab. Im Irak-Konflikt 2003 tritt er den Politikern George Bush, Tony Blair und José Maria Aznar entgegen, die meinen, Konflikte durch "gerechte Kriege" lösen zu können.

Ein Anliegen ist Johannes Paul II. der Dialog mit anderen Konfessionen und Religionen. Das spiegelt sich in den Friedensgebeten von Assisi, in der gemeinsamen Erklärung von Katholischer und Evangelischer Kirche zur Rechtfertigungslehre, in der Vergebungsbitte für von katholischer Seite begangenen Verbrechen und in seiner Israel-Reise im Jahr 2000. Den katholisch-jüdischen Dialog treibt er wie kein anderer voran.

Dass er als großer Papst in die Geschichte eingegangen ist, wird niemand bestreiten, aber viele werden sein Pontifikat mit Recht auch kritisch sehen und darin Schwächen finden. Denn in der eigenen Kirche wirkt Johannes Paul II. weniger als "Brückenbauer" (Pontifex), sondern auch spaltend. Für Pluralismus hat er wenig übrig und enttäuscht alle, die auf Reformen hoffen. In Fragen der Sexualmoral (Empfängnisverhütung, wiederverheiratete Geschiedene) und des Amtsverständnisses (kein Priestertum für Frauen oder ohne Zölibat) gibt der Pontifex in all seinen Aussagen und Maßnahmen eine klar traditionelle Linie vor. Er fördert erzkonservative Bewegungen, die diese Linie teilen. Theologen und Bischöfe, die davon abweichen, werden von Rom gemaßregelt. Für das Bischofsamt bevorzugt Johannes Paul II. Männer, die absoluten Gehorsam gegenüber dem Lehramt betonen. So kommt es auch zu Fehlbesetzungen. In Österreich ist der Fall des Wiener Kardinals Hans Hermann Groër, der 1995 nach Missbrauchsvorwürfen abberufen wird, noch in lebhafter Erinnerung.

Lähmender Reformstau

Wie sehr Menschen unter dem innerkirchlichen Reformstau leiden, mag ein Problem der Angehörigen der Kirche sein. Was aber die in der Amtszeit Johannes Pauls II. noch weitgehend übliche Vertuschung skandalöser Missbrauchsfälle in der römisch-katholischen Kirche, aber auch die damaligen kriminellen Machenschaften um die Vatikanbank anlangt, so sind das zwei Probleme, die nichts mit Glaubensfragen zu tun haben und deren Behandlung dieser Papst offensichtlich versäumt hat. Nur wer die Augen verschließt, kann übersehen, dass der Pontifex aus Polen nicht nur eine Lichtgestalt war, sondern seinen Nachfolgern auch ein schweres Erbe mit etlichen Lasten hinterlassen hat.