"Ich kenne die Kunst- und Kulturschaffenden, ich kenne ihre Anliegen", sagt Andrea Mayer, und man glaubt ihr diesen Satz. Zehn Jahre war sie Spitzenbeamtin im Kultursektor, saß in den Aufsichtsgremien großer Festivals und Museen. Entsprechend stolzgeschwellt trat der Grüne Vizekanzler Werner Kogler am Dienstag vor die Presse, um Mayer – bis zu diesem Tag Kabinettschefin des Bundespräsidenten – als neue Staatssekretärin für den Kulturbereich vorzustellen. Dabei zitierte Kogler eine ganze Symphonie an Lobesworten für seine Kür. Von der Albertina bis zur Bundestheater-Holding, von der Nationalbibliothek bis zur chronisch kritikfreudigen IG Autorinnen Autoren – sie alle streuen Mayer (vor ihrer Ehe Ecker) Rosen auf dem neuen Weg. Schon am Mittwoch soll die gebürtige Niederösterreicherin angelobt werden und, so hoffen es wohl die Grünen, den Rückzug von Vorgängerin Ulrike Lunacek am Freitag vergessen machen. Letztere, in Kulturbelangen weitgehend unerfahren, hatte unter dem Corona-Stresstest glücklos agiert: Die stillgelegte Branche fühlte sich zunehmend im Stich gelassen und zahlte es Lunacek mit geharnischten Wortmeldungen heim.

Primärziel: Künstler absichern

Nachfolgerin Mayer – keine Grüne, aber durch ihre Arbeit für Alexander Van der Bellen auf dem Parteiradar aufgetaucht – dürfte klar sein, dass nun vertrauensbildende Maßnahmen Not tun. Zwar vermied sie am Dienstag Kritik an der Vorgängerin. Mayer betonte aber mantrahaft ihre Vernetztheit in der Branche, und sie stellte der Absagen-gepeinigten Szene Hilfe in Aussicht: "Eine staatliche Finanzierung für Künstler muss kommen, um diese Monate zu überbrücken", sagte sie, und "diese Maßnahmen sollen rasch und unbürokratisch funktionieren". Vor allem Freischaffende träfe der Stillstand hart. Aber auch große Institutionen müssten abgesichert werden, damit "kein Bruch im österreichischen Kulturleben stattfindet". Mayer will umgehend das Gespräch mit Finanzminister Gernot Blümel suchen.

Auf ihrer Agenda steht freilich auch der Neustart des Kulturbetriebs. "Wenn wir wieder an Normalität in unserem Leben gewinnen, kann es nicht sein, dass es keine Kunst und Kultur gibt. Um zu einer Normalität zu kommen, müssen wir Kunst live erleben können." Wie berichtet, hat die Regierung in der Vorwoche einen Stufenplan vorgelegt. Ab 29. Mai sind Veranstaltungen mit 100 Personen erlaubt, ab August dürfen es bis zu 1000 sein – ein ausgefeiltes Sicherheitskonzept vorausgesetzt. Die Branche zeigte sich dennoch unzufrieden, weil das Papier in Details vage bleibt – etwa bei den Probe-Bestimmungen. Am nächsten Montag will die Regierung ein weiterführendes Dokument lancieren.

Reicht die Zeit für Mayers Mitarbeit daran? Kogler legt nahe, dass auch mit dem kommenden Papier noch nicht das letzte Verordnungswort in der Krise gesprochen ist: "Wir fahren auf Sicht." Mayer will sich jedenfalls tatkräftig dabei einbringen, "unter welchen Umständen Veranstaltungen wieder stattfinden können" und dabei Seuchenprävention und Kulturbedarf unter einen Hut bringen. Kommen Veranstaltungen vor gelichteten Reihen, mit entsprechend schütteren Einnahmen für die Häuser? Mayer spricht solche Szenarios nicht konkret an. Wohl aber fordert sie "Finanzierungsmodalitäten, um einen Theaterbetrieb im Krisenmodus zu ermöglichen".

Sollte die Corona-Krise eines Tages gemeistert sein, geht der Spitzenbeamtin freilich die Arbeit nicht aus. So gilt es laut Regierungsprogramm etwa, ein Holding-Dach über die einzelgängerischen Bundesmuseen zu spannen und das komplexe Thema digitales Urheberrecht anzugehen. Und dann ist da noch ein Thema, das im offiziellen Papier nicht klar erwähnt wird – wie es mit dem Haus der Geschichte Österreich weitgehen soll. In der Corona-Krise ist das freilich erst einmal müßig – und Mayer damit befasst, aus der Hofburg ins neue Büro umzuziehen. Bewegte Zeiten, die sie an einen Satz von John Lennon erinnern: "Life is what happens to you while you’re busy making other plans."