"Das Bergenfest 2020 wurde aufgrund von COVID-19 abgesagt. Die nächste Ausgabe findet voraussichtlich vom 15.06.2021 bis 19.06.2021 statt", heißt es auf der prinzipiell zuverlässigen Webseite Festivalsunited.

Diese Meldung stimmt freilich nicht ganz. Zwar hat das Bergen Festival seine Indoor-Veranstaltungen aufgrund der Corona-Krise für das Publikum sperren müssen. Dennoch findet es statt. Es ist fast ein wenig wie die Geschichte mit dem gallischen Dorf bei Asterix – nur sind es in diesem Fall wohl eher Wikinger, und statt der Römer beherrscht ein Virus das Geschehen. Es auszutricksen und dennoch so weit als möglich Lebensqualität zu behalten, ohne schwedische Risiken einzugehen, das hat sich die betriebsame Hafenstadt in der Provinz Vestland vorgenommen.

Kunst und Kultur hat in Bergen einen hohen Stellenwert, denn die Stadt ist der Heimatort des ersten norwegischen Nationalkomponisten Edvard Grieg ebenso wie des zweiten, Harald Saeverud, der vor allem mit dem norwegischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten in Zusammenhang gebracht wird. Griegs Klavierkonzert gilt denn auch als inoffizielles Leit-Werk des Bergen International Festival: Seit dessen erster Saison im Jahr 1953 stand es lediglich im Jahr 2011 nicht auf dem Programm. Obwohl das Festival bei seinem Start die Salzburger Festspiele als Modell hatte, öffnete es sich mit der Zeit weit in Richtung Jazz und alternativer Szene. Die klassische Musik bleibt freilich das Herz. Grieg ist Grieg und ganz Bergen ist sein Prophet.

Mittelweg statt Absage

Als die Corona-Krise im Februar auch Norwegen heimzusuchen begann, reagierte das Land mit der für es charakteristischen Politik: keine Hysterie, wohl aber gesunde Vorsicht. Man geht in Norwegen ungerne Risiken ein, die man vermeiden kann.

Damit war den Verantwortlichen des Bergenfestivals klar, dass die Zeit gegen sie läuft: Die Möglichkeit von Festspielen im letzten Mai-Drittel schwand. Eine Absage schien der einzige gangbare Weg.

Aber Bergen will sich seine Festspiele nicht nehmen lassen. Man reagierte mit gutem norwegischen Pragmatismus: Wenn es nicht geht wie bisher, die Absage jedoch nicht in Frage kommt, dann muss man die Sache eben neu konzipieren.

So findet das Bergen Festival 2020 von 20. Mai bis 3. Juni als Online-Event statt, mit reduziertem Programm zwar, aber immerhin: Eröffnungskonzert in der Grieg-Halle, Dirigentenforum, Arctic Icemusic, Diskussionen, Gespräche, Vorträge. Der norwegische Improvisationsgeist schlägt sich nieder in "Balkon-Theater" und dem "Folkebevegelse" (Menschenbewegung), bei dem der Zwei-Meter-Sicherheitsabstand (in Norwegen geht man offenbar von Babywalen statt von Babyelefanten aus) in ein Freiluft-Musik-Tanz-Spektakel umgewandelt wird.

Geld und Mut

Natürlich gehört Mut und wohl auch Geld dazu, ein Festspiel nicht abzusagen, sondern es, soweit möglich, unter freien Himmel (mit Sicherheitsbedingungen für die Besucher) und ins Internet zu verlagern. Vielleicht ist auch die Zeit jetzt zu knapp und möglicherweise sind längst andere Pläne im Reifen: Doch das Beispiel der Bergen Festspiele macht Mut. So wie die Salzburger Festspiele seinerzeit für Bergen das Modell waren, könnte nun Bergen das Modell für eine Festspiel-Version sein, die, solange Corona grassiert, auch in Mitteleuropa gangbar wäre. Motto: Durchführen, was unter Gewährleistung größtmöglicher Sicherheit geht, Produktionen eventuell auch live stattfinden lassen, die Teilnahme aber ins Internet auslagern.

Zweifellos ist solch eine Vorgangsweise teuer, weil viele Vorstellungen stattfinden, ohne dass Einnahmen fließen. Dass Norwegen, reich durch Öl und Fischindustrie und laut dem Portal finanzen.net im Jahr 2019 siebtreichstes Land der Welt, sich das eher leisten kann als Österreich (Platz 20), versteht sich. Aber es geht auch um das Selbstbild. Anders gesagt: Man kann gewiss ohne Kunst, Kultur und Festspiele leben. Aber will man das auch? Und von eventueller vielleicht nur verzögerter Umweg-Rentabilität selbst in Corona-Zeiten ist da noch keine Rede.

Und weil ein Bergen Festspiel ohne Griegs Klavierkonzert kein Bergen Festspiel ist, zumindest kein richtiges, erklingt es auch in diesem Jahr, und zwar am 24. Mai. Längeres Nachhören ist möglich: Ein Statement der internationalen Solidarität im Kampf gegen das Virus.