Architektur ist für Balkrishna Doshi ein soziales Projekt, ganz im Dienste des sozialen Wesens Mensch. Auch die Bauten, die Architektur hervorbringt, sind für den indischen Architekten dabei flexible, äußerst lebendige Wesen, die sich wandeln, wachsen und sich weiter entwickeln - im Einklang mit den Elementen und mit den wechselnden Bedürfnissen ihrer Bewohner.

Der Ansatz des 1927 in Pune geborenen Doshi ist ganzheitlich im besten Sinne des Wortes, versteht er die Welt doch als ein vernetztes Gebilde, in dem nichts und niemand isoliert existiert, alles ineinander greift und verwoben ist. Diese Weltanschauung zeigt sich in der Architektur des 2018 mit dem Pritzker-Preis ausgezeichneten Inders: Sie soll bezahlbar sein, nachhaltig und multifunktionell.

Balkrishna Doshi: gemalte Miniatur. - © Vastushilpa Foundation
Balkrishna Doshi: gemalte Miniatur. - © Vastushilpa Foundation

Das Architekturzentrum Wien präsentiert das stilistisch vielfältige Werk Balkrishna Doshis ab Ende Mai in einer Ausstellung des Vitra Design Museums, in der vier zentrale Aspekte seines Werks näher beleuchtet werden: der soziale Wohnbau, Bildungsbauten, städtebauliche Projekte sowie institutionelles Bauen.

Mit sozialem Wohnbau Hierarchien abbauen

Dass Balkrishna Doshi kein Anhänger von gesellschaftlichen oder gar gebauten Hierarchien ist, zeigen seine Wohnsiedlungen, etwa die für die Life Insurance Corporation of India (LIC). Soziale Durchmischung stand für Doshi dabei im Zentrum. In einem Wohnblock leben daher Manager mit Servicemitarbeitern zusammen - je niedriger der Rang in der Firma, desto höher das Wohnstockwerk. Dass sich alle Parteien einen Zugang teilen und die Wohneinheiten in Absprache miteinander erweitert werden können, soll ein Instrument zur Überwindung gesellschaftlicher Grenzen sein und dabei einen Beitrag leisten zum wirtschaftlichen Wandel. Das Resultat: In den 40 Jahren seit der Realisierung sind kaum 10 Prozent der Bewohner umgezogen.

Organische Formen, die aus der Erde wachsen: Doshis Kunstraum Amdavad Ni Gufa, gebaut in Ahmedabad für und mit M.F. Husain. - © Iwan Baan
Organische Formen, die aus der Erde wachsen: Doshis Kunstraum Amdavad Ni Gufa, gebaut in Ahmedabad für und mit M.F. Husain. - © Iwan Baan

"Man muss Dinge miteinander vernetzen", lautet ein zentraler Gedanke Doshis, "wenn das gelingt, entsteht Leben." Das zeigt sich in der Art und Weise, wie Doshi in seinen Projekten mit öffentlichen und geteilten Flächen umgeht. Sie sind stets als Begegnungszonen - meist auch mit der Natur - konzipiert, sind für mehrer Zwecke nutzbar und schmiegen sich oft organisch in die Umgebung. Ganz deutlich zeigt sich das in dem Kunstraum, den Doshi für und mit dem Künstler M.F.Husain gebaut hat: Mit Netzstrukturen überspannte Kuppeln ragen mehr oder weniger aus einer Hügellandschaft, das Innere scheint kühl und hell zugleich. Die Strukturen sind statisch mit dem Computer berechnet und doch von ungelernten Arbeitern in traditionellen Techniken umgesetzt. Auch Doshis Grundgedanke, dass die Natur nicht unverwertet lässt, alles recycelt und einer neuen Funktion zuführt, ist nicht nur hier umgesetzt.

Farbenfroh, vitale Skizze von Balkrishna Doshi zur modularen Wohnsiedlung Aranya in Indore. - © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad
Farbenfroh, vitale Skizze von Balkrishna Doshi zur modularen Wohnsiedlung Aranya in Indore. - © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

"Doshis Vorstellungen von Nachhaltigkeit vereint die kulturelle, soziale, ökonomische und wirtschaftliche Dimension", fasst Angelika Fitz, Direktorin des Architekturzentrums die Essenz von Bankrishna Doshis Werk zusammen: "Das macht seine Architektur hochaktuell, auch für Europa."

Klimagerecht, Budgets und Ressourcen schonend

In dieser Visionskraft in Zeiten von sozialen Umbrüchen, flexiblen Nutzungsformen und der Endlichkeit von Ressourcen, liegt die heutige, die zukunftsweisende Dimension im Werk des indischen Architekten. Immerhin beginnt sich klimagerechtes, sozial durchwebtes, Ressourcen und Budgets schonendes Bauen in Europa als Gedanke zögerlich zu manifestieren.

Gewachsener, erweiterter Wohnraum aus flexiblen Modulen: Balkrishna Doshis Wohnsiedlung Aranya in Indore. - © Iwan Baan
Gewachsener, erweiterter Wohnraum aus flexiblen Modulen: Balkrishna Doshis Wohnsiedlung Aranya in Indore. - © Iwan Baan

Von oben einfallendes Licht, natürliche Beschattung und Belüftung, eine sanfte Interaktion mit der Umgebung und die Wiederverwertung von Baumaterialien: Es gibt trotz der verschiedenen Stile, Themen und Techniken ein paar Elemente, die sich wie ein roter Faden durch die Bauten Balkrishna Doshis ziehen. Was sie jedoch wesentlich stärker eint, ist die konzeptionelle Welt, aus der sie entstammen. So ist das eigentliche Highlight der Schau neben den vielen farbenfrohen Fotografien, den detailreichen Miniaturgemälden, Plänen und Modellen in verschiedenen Maßstäben, ein Video. In dem führt ein in sich ruhender, sonniger Balkrishna Doshi die Besucher in jenen tief sozialen Gedankenraum, aus dem seine Bauten und Entwürfe entstammen.

Dieser bescheidene Blick auf eine fein vernetzte Welt, der es um nichts weniger geht als darum, mit Architektur eine neue gesellschaftliche Ordnung zu bauen, ist die wahre Entdeckung dieser Ausstellung.