Wie war das vor ein paar Wochen, als das Alltagsleben wegen der Corona-Krise völlig heruntergefahren werden musste? Als man die Wohnung kaum verlassen durfte? Da waren bei vielen Menschen Spiele willkommen. Auch solche, die man nicht perfekt beherrschte (wie schlägt der Bauer en passant?). Die man eine halbe Ewigkeit nicht mehr gespielt hatte (welche Grundaufstellung hat doch gleich Backgammon?). Die man, zum ersten Mal, ganz zaghaft online ausprobierte ("ich bin ein Go-Anfänger - nur als Erklärung").

Heute, am 28. Mai, ist Weltspieltag. Und vielleicht ist dieser 28. Mai 2020 einer der prägendsten und wichtigsten Weltspieletage, seit es, mit UNO-Unterstützung, Weltspieltage gibt, also seit 1999. Denn selten zuvor hat man den Wert eines Spiels so sehr selbst erfahren können wie in diesem Jahr.

Die Intention der Veranstalter ist es, Kinder und Erwachsene verschiedener sozialer Schichten durch das Spielen und den Spaß am Spielen einander näherzubringen. Tatsächlich ist weniges so geeignet, Grenzen niederzureißen, wie das Spiel.

Jeder kann spielen

Für jeden gilt, dass er Spiele erlernen kann. Und gleich vorweg: Die großen Spiele, die Jahrtausend-, die Weltspiele, haben eines gemeinsam: Ein paar simple Regeln, die man, sozusagen
learning by doing, in ein bis zwei Partien kapiert hat. Die Komplexität entsteht durch die Kombination, den Versuch, den Gegner zu bestimmten Zügen zu nötigen und gleichzeitig selbst eine vorteilhafte Position zu erringen.

Nicht die Regel, die Strategie der Spiele also ist es, die dann die Köpfe rauchen lässt: beim japanischen Klassiker Go etwa, wenn ein einziger falsch gesetzter Stein eine ganze Partie umdrehen kann. Aber selbst scheinbar simple Spiele wie Mühle oder Dame haben ihre Feinheiten. Am besten gegen einen Könner antreten und sein blaues Wunder erleben! Drei (vier, fünf) in einer Reihe? - Ausprobieren, ehe man es für kinderleicht erklärt. Was nicht heißt, dass Kinder es nicht mit Freude spielen können.

Der größte Nimbus wird weltweit wohl dem Schach zuerkannt. Und bei kaum einem anderen Spiel sind die Namen der Starspieler, der Weltmeister so geläufig: Anatoly Karpow, Garry Kasparow, Wiktor Kortschnoi, Wladimir Kramnik, Boris Spasski.

Alles Russen? Wirklich ist Schach der russische Volksdenksport und überhaupt in allen Staaten des ehemaligen Ostblocks ungemein beliebt.

Aber da gab es auch den spleenigen US-Amerikaner Bobby Fischer. Sein für ihn siegreiches Duell mit Spasski um die Weltmeisterschaft war spannend genug, um als "Bauernopfer" verfilmt zu werden. Der Konflikt Westen gegen Osten schien aufs Schachbrett verlagert und zugunsten des Westens ausgegangen zu sein. Wäre nur Fischer ein geeigneterer Sympathieträger gewesen und nicht der egozentrische Antisemit, der später sogar die Schoah leugnete.

Heute ist die russische Dominanz im Schach längst Geschichte. Regierender Weltmeister seit 2013 ist der Norweger Magnus Carlsen, der als einzigartiges Schachgenie gilt und bisweilen durch bizarre Züge auffällt, als wäre ihm die herkömmliche Folge von Angriffs- und Abwehrzügen längst langweilig geworden.

Die Schach-Gene

Vor Carlsen war von 2007 bis 2013 der Inder Viswanathan Anand Weltmeister gewesen. Derzeit gelten als weitere Starspieler der Italo-Amerikaner Fabiano Luigi Caruana, der Armenier Lewon Aronjan, der Philippino Wesley So, der Aserbaidschaner Shakhriyar Mamedyarov und der Franzose Maxime Vachier-Lagrave. Und auch ein Russe verteidigt die Tradition seiner Nation, nämlich Jan Alexandrowitsch Nepomnjaschtschi.

Und wie steht es um das Einreißen der sozialen Barrieren? - An der Spitze, offen gesagt, vorerst noch schlecht. Das Gen von Schach als mathematische Kombination und Schach als Kunst scheint noch in der Familie zu liegen: Carlsen entstammt einer Ingenieursfamilie, Vachier-Lagraves Vater ist Informatiker, der Aronjans Physiker, der Karpows und der Fischers Ingenieur; Kasparow und Kramnik entstammen Künstlerfamilien. Gerade Anand fällt heraus, denn ihn hat das Schachspiel seine Mutter gelehrt, eine Hausfrau.

Apropos: Frauen und Schach? - Die Ungarin Judit Polgár und die Chinesin Hou Yifan gelten als die bisher stärksten Spielerinnen. Judit Polgár ist es als bisher einziger Frau gelungen, sich unter die Top-Ten der geschlechtsneutralen Weltrangliste einzureihen. Allerdings hat sie sich 2014 aus dem Turnierschach zurückgezogen.

Es gibt also Entwicklungsmöglichkeiten, was Schach von Frauen und was die Durchdringung aller sozialen Schichten betrifft. Umso mehr muss die Devise lauten: Spielen für alle!

Und wenn es nicht Schach ist, dann Go, Dame, Mühle - was auch immer gerade Freude macht. Selbst eine Partie Mensch-ärgere-dich-nicht kann einen verdorbenen Tag retten. Also heraus mit Spielsteinen, Brettern, Würfeln und was sonst noch notwendig ist. Und spielen.

Viel Vergnügen!