Wer an den Schalthebeln der Macht etwas bewegen will, sollte nicht nur Tatkraft mitbringen. Kompetenz und Rückhalt im Team sind zwei weitere Schlüsselqualitäten. Andrea Mayer, seit drei Wochen Staatssekretärin für Kunst und Kultur, verfügt über beides. Fachkenntnis besitzt die gebürtige Niederösterreicherin, weil sie zehn Jahre lang Spitzenbeamtin war - erst Leiterin der Kunstsektion des Bundes, später Chefin der fusionierten Kunst- und Kulturabteilung, zudem Mitglied in etlichen Kuratorien, vom Wiener Belvedere bis zu den Bregenzer Festspielen. Rückhalt genießt Mayer, die zuletzt die Kanzlei von Bundespräsident Alexander Van der Bellen in der Hofburg geleitet hat, aber nicht nur deshalb. Hinzu kommt, dass sie die politische Bühne als Lichtgestalt in einer besonders dunklen Stunde betreten hat: Die glücklose Vorgängerin Ulrike Lunacek (Grüne) ist Anfang Mai nach geharnischten Protesten zurückgetreten; die Künstler, durch die Corona-Krise schwer getroffen, hatten sich von ihr im Stich gelassen gefühlt - eine Blamage für die türkis-grüne Regierung.

Mit Mayers Dienstantritt stellte sich - spät, aber doch - auch im Kulturbereich Erfolg im Covid-Krisenmanagement ein. Von den Grünen ins Amt geholt, hat die bisher unter roten Ministern tätige Mayer ein pralles Maßnahmenpaket geschnürt: Noch im Mai präsentierte sie mit Gesundheitsminister Rudolf Anschober eine Lockerung der Abstandsregeln, wodurch Aufführungen und Proben eingeschränkt wieder gestattet sind; selbständige Künstler, bisher ungenügend vom Härtefallfonds betreut, sollen ab Juli sechs Monate lang je 1000 Euro Überbrückungshilfe erhalten; die Filmwirtschaft bekommt Ausfallszuschüsse in Höhe von 25 Millionen Euro und darf wieder drehen. Jüngste Maßnahme: Die Regierung senkt den Mehrwertsteuersatz für ausgewählte Bereiche bis Jahresende auf 5 Prozent, was allein die Kulturbranche um 150 bis zu 200 Millionen Euro entlasten soll.

Selbstverständnis als oberste Lobbyistin

Am Freitag stellte sich Mayer in einer Interview-Runde auch den Fragen der "Wiener Zeitung". Wie empfindet sie den Wechsel von der Beamtenschaft in die Politik? Als fließenden Übergang oder starke Veränderung? "Es ist schon ein radikaler Wechsel, plötzlich in der ersten Reihe zu stehen, nachdem ich viele Jahre dahinter gestanden bin. Es ist eine andere Art der Präsenz, auch eine andere Art der Aufgabe und eine große Veränderung. Aber ich freue mich darüber, dass mir das zugetraut wurde und dass ich in den ersten Wochen so viel Zuspruch erhalten habe." Tatsächlich waren die Reaktionen auf Mayers Kür Mitte Mai in der Branche enthusiastisch - und auch ihre bisherige Arbeit fand weitgehend Lob.

Welche Schritte folgen als Nächstes? Schon kommende Woche will Gesundheitsminister Rudolf Anschober eine neue Verordnung präsentieren, die den Kulturbereich betrifft. Veranstalter erhoffen sich von dem Papier, dass es fixe Rahmenbedingungen für den Saisonstart im Herbst vorgibt - und dass die Bühnen dann wieder ihr gesamtes Kartenkontingent verkaufen dürfen. Wie realistisch ist diese Erwartung? Mayer ist vorsichtig optimistisch: "Die Tendenz geht in Richtung weiterer Öffnungsmaßnahmen. Die Infektionszahlen entwickeln sich ja erfreulich, seien wir also optimistisch." Mayer will aber auch nichts vorwegnehmen: "Im Laufe der nächsten Woche wird, in Zusammenarbeit mit mir, die neue Verordnung des Gesundheitsministers vorgestellt. Rudolf Anschober evaluiert derzeit die erste Phase der Lockerung und prüft, welche Schlüsse sich daraus ergeben. Es ist wichtig, der Branche eine Perspektive zu geben. Es wird aber auch im Herbst noch keinen Normalbetrieb geben können, wie wir ihn kennen. Wahrscheinlich fehlen auch noch viele Touristen, Kongress-Teilnehmer und überhaupt internationales Publikum."

Die Folge davon: "Wir müssen der Branche mit verschiedenen Maßnahmen über diese doch sehr schwierige Zeit helfen, mit Fixkostenzuschüssen, Kreditmoratorien, auch Steuererleichterungen." Über genaue Zahlen kann sie vorerst keine Auskünfte geben. Nächste Woche ist dies Thema auf einer Regierungsklausur, Mayer will den Gesprächspartnern aber nicht schon vorab etwas über die Medien ausrichten. Tatsache sei jedenfalls, dass "es uns gut gelungen ist, Kunst und Kultur in der Bundesregierung ganz oben auf der Agenda zu haben. Wir haben klargestellt, dass es eine besonders betroffene Branche ist, der jetzt auch deutlich unter die Arme gegriffen wird", sagt Mayer, die sich als "oberste Lobbyistin" der Künstler versteht und die Bedeutung ihrer Arbeit nicht mit schnöden Begriffen wie Umwegrentabilität messen will: "Kunst ist ein Wert an sich, deshalb gehört er staatlich finanziert, das ist mein Credo."

Fakt ist jedenfalls, dass sie eine "deutliche Steigerung" des Kulturbudgets anpeilt. Um den Häusern im Staatsbesitz, also den Bundestheatern und den -museen, über die Runden zu helfen, seien schon Subventionen in der Höhe von 50 Millionen Euro vorgezogen worden.

Eine Million Euro für Ausfallshonorare

Eine gute Nachricht gibt es unterdessen für Gastkünstler, die in den Vormonaten an den still gelegten Bundestheatern gebucht waren. Sie schienen aufgrund der Covid-Krise nicht nur um ihren Auftritt zu kommen, sondern auch um ihre Gage, denn die Verträge galten aufgrund von "höherer Gewalt" als nichtig. Nun fließen doch noch Ausfallshonorare. "Wir haben dem Geschäftsführer der Bundestheater-Holding eine Ermächtigung erteilt, dass er in Einzelfällen ein Ausfallshonorar verhandeln kann, das bis zu einer gewissen Höhe reicht", erklärt Mayer. Das sei allerdings "nicht für Superstars gedacht, sondern für Künstler, die geprobt haben, aber nicht mehr auftreten konnten. Die Einwilligung für die Bundeseinrichtungen umfasst ein Volumen von einer Million Euro."

Und wie geht es weiter, wenn die Covid-Krise gebannt ist? Was passiert zum Beispiel mit dem Haus der Geschichte Österreich, dessen Zukunft weiterhin offen ist? Wann wird die Leitung der Volksoper Wien - für 2022 zu besetzen - neu ausgeschrieben? Mayer bittet bei diesen Fragen um Geduld, solange sie noch als Krisenmanagerin im großen Stil tätig ist. Das Kulturkapitel im Programm der türkis-grünen Regierung befürwortet sie jedenfalls, etwa den "Fairpay-Gedanken" und die Gendergerechtigkeit: "Wir werden an diesem Thema sicher dranbleiben."

Woran sie jedenfalls keine Kritik übt: Dass die Regierung kein eigenes Ministerium für Kunst und Kultur eingerichtet hat, sondern das Thema zu den Agenden von Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) gehört. Mayer: "Es ist ein gemeinsames Anliegen der Bundesregierung, dass wir Kunst und Kultur so finanzieren, dass wir so gut wie niemanden in der Corona-Krise verlieren. Ich weiß mich da in einem Boot mit dem Kunst- und Kulturminister, er ist als Vizekanzler immerhin der zweitmächtigste Mann in der Bundesregierung. Wir werden das gemeinsam gut bewerkstelligen."