Columbus geköpft in Virginia, in einen See geworfen in Richmond, in St. Paul auf die Nase gestürzt; Albert Pike in Washington gestürzt; Bismarck in Hamburg-Altona mit roter Farbe beschmiert. Der jüngste Fall: Die Statue des früheren Präsidenten Theodore Roosevelt vor dem New Yorker Naturkundemuseum wird abgebaut.

Die Anti-Rassismus-Bewegung erweitert ihr gutes Werk auf einen gut gemeinten Bildersturm. Der erste kostete die katholischen Heiligen im protestantischen Furor ihre steinernen Köpfe. Der zweite begann im Zug der Political Correctness. Der jetzige ist dessen konsequente Fortsetzung.

Fotostrecke 3 Bilder

Der Auslöser ist Wut - Wut über jahrhundertelangen Rassismus und Imperialismus, der in der Gegenwart weiterhin schamfrei hingenommen wird. Die Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten war lediglich der auslösende Funken.

Neue Wertmaßstäbe

Der Denkmalsturm ist freilich auch das Resultat eines gewandelten Verständnisses. Neue Wertmaßstäbe werden eingeführt, neue Blickwinkel gesucht und gefunden. Churchill ist nicht mehr das Bollwerk der Demokratie gegen den Nationalsozialismus, sondern der Rassist, der sagte: "Ich hasse Menschen mit Schlitzaugen und Zöpfen, ich mag sie weder sehen noch riechen."

Ein gutes Beispiel dafür, wie die Denkmalstürmer die Denkmäler umdenken, ist der erwähnte Fall des New Yorker Roosevelt-Monuments. Nicht wegen Roosevelt verfehlt es die neuen Standards, sondern wegen der Darstellung: Der Präsident sitzt hoch zu Ross, ein Indigener und ein Schwarzer gehen zu Fuß. Im herkömmlichen Verständnis ist Roosevelt erhöht, weil er Präsident der USA war. Im neuen Verständnis ist er erhöht, weil er ein Weißer war.

Grundfrage: Können neue Standards historischen Monumenten übergestülpt werden? Ist man ein Anhänger der Sklaverei, wenn man das durch Sklavenarbeit errichtete Kolosseum in Rom bewundert? Kann man Senecas oder Marcus Aurelius’ philosophische Schriften noch guten Gewissens lesen, wenn man weiß, dass die Autoren Sklavenhalter waren?

Der deutsche Schriftsteller und Pazifist Hanns Henny Jahnn gab eine unmissverständliche Antwort: Er sprach allem, was menschliches Leid verursacht hat, ab, Kunst zu sein, auch den ägyptischen Pyramiden. Manchmal ist es am einfachsten, konsequent zu sein. Bertolt Brecht sah es in seinem Drama "Die Verurteilung des Lukullus" anders: Er verlangte, dass die wahren Erbauer der Monumente sichtbar gemacht werden. Das Kolosseum wäre demnach nicht als der Bau von Kaiser Vespasianus zu sehen, sondern als der aller daran beteiligten Arbeiter.

Jedenfalls bleibt bei all den Umbewertungen, die den derzeitigen Denkmalsturm weiter anfachen, das historische Bewusstsein auf der Strecke. Aus wutfreier Distanz beobachtet, stellt sich dabei ohnedies als erste Frage, ob es überhaupt die Richtigen trifft. Es ist schließlich ein Unterschied zwischen dem Seemann Christoph Columbus, dem eine spektakuläre Entdeckungsfahrt glückte und der jetzt als der Türöffner für den Imperialismus verstanden wird, und einem Cecil Rhodes, der in Afrika Kapitalismus, politische Macht und Kriegstreiberei in einer Hand vereinigte und sich geradezu als Idealbild des Ausbeuters aufführte.

Dass sich die Wut etwa gegen König Leopold II. von Belgien richtet, ist nur zu gut verständlich: Er errichtete im sogenannten Freistaat Kongo, später Belgisch-Kongo, ein brutales Ausbeutungsregime, gegen das selbst das von Cecil Rhodes im Süden Afrikas harmlos scheint. Schätzungsweise acht bis zehn Millionen Menschen fielen in den Jahren 1885-1908 dem belgischen Imperator zum Opfer. Und das sind nur die Toten. Unter dem wohlwollenden Blick seiner Majestät wurden Dörfer niedergebrannt, es wurde gefoltert, es wurden lebenden Menschen die Hände abgehackt. Nimmt man das als Maßstab für einer konkreten Person zuschreibbaren Rassismus und Imperialismus, dürfte es wenig Vergleichbares geben, sieht man von der Schoah einmal ab.

Eine Büchse der Pandora

Aber auch andere Denkmäler sind gefallen oder sollen, geht es nach den Vorstellungen der "Black Lives Matter"-Bewegung, fallen. Damit öffnen die Aktivisten die Geschichtsbüchse der Pandora: Nahezu alle Gründerväter der Vereinigten Staaten waren Sklavenhalter. Thomas Jefferson hatte, ebenso wie Abraham Lincoln, Sklaven. Dass in Washington die Statue von Albert Pike gestürzt wurde, der als General der Südstaaten für die Sklaverei kämpfte, ist nachzuvollziehen. Auch, dass im englischen Bristol die von Edward Colston im Hafenwasser landete - wobei es in diesem Fall eher verwundert, dass jemandem, der in den letzten 20 Jahren des 17. und den ersten 20 des 18. Jahrhunderts rund 84.000 Menschen versklavte und den Tod von 19.000 Menschen an Bord seiner Schiffe in Kauf nahm, überhaupt ein Monument errichtet wurde.

Doch dass man die Statue von Robert Baden Powell in der englischen Hafenstadt Poole in Sicherheit bringen musste, ist schon weniger verständlich. Freilich: Der Pfadfinder-Gründer soll an der unrechtmäßigen Hinrichtung von Kriegsgefangenen bei der Niederschlagung eines Aufstands der heimischen Bevölkerung im sogenannten Matabele-Land beteiligt gewesen sein. Doch ist ihm das persönlich anzurechnen, oder ist seine Vorgehensweise ein - zweifellos verwerfliches - Produkt des britischen Kolonialismus?

Zeitimmanente Irrtümer

Dass der britische Literaturnobelpreisträger Rudyard Kipling in einem Gedicht die Völker der Kolonien als "Bürde des weißen Mannes" bezeichnete, kommt schließlich nicht von ungefähr. Egal, ob Kipling es zustimmend meinte oder anklagend (die Literaturwissenschafter sind unterschiedlicher Ansicht): Es dokumentiert eine Geisteshaltung, aus der heraus vieles im historischen Kontext verständlich wird. Wobei "verstehen" keineswegs "verteidigen" bedeutet.

Wenn freilich selbst Churchill- und Bismarck-Denkmäler geschützt werden müssen bzw. mit roter Farbe beschmiert werden, dann darf, ja: muss man nach der Motivation der Denkmalstürmer fragen. Denn, es ist eine Binsenweisheit: Bedeutende historische Verdienste hängen in den seltensten Fällen mit einem edlen Charakter zusammen. Zumal vieles, was heute als Charakterdefizit gelesen wird, zeit- und gesellschaftsimmanent ist. Was wiegt schwerer: Dass Churchill als Kind seiner Zeit und Gesellschaft an die Überlegenheit der Weißen glaubte, oder dass er als Erster gegen den Nationalsozialismus aufstand? Dass Bismarck die deutsche Kolonialpolitik, nebenbei: ohne sonderliches Engagement, prolongierte, oder dass er wesentlich zur Gründung des Deutschen Reichs und als dessen erster Kanzler zu seiner Festigung beitrug?

Übrigens: "Lafargue hat die üble Narbe von dem Negerstamm: kein Gefühl der Scham." Das Zitat stammt von Karl Marx. Über Schändungen seiner Denkmäler ist bis jetzt nichts bekannt.