Wer sich für den altersbedingt relativ kurzen Lebenslauf des amtierenden österreichischen Bundeskanzlers interessiert, der wird in der Buchhandlung seines Vertrauens mittlerweile einen knappen Laufmeter an Sebastian-Kurz-Biografien finden, die einmal mehr, meist weniger erklären, wie der Regierungschef so tickt.

Stefan Steiner (r.) gehört zum innersten Zirkel von Bundeskanzler Sebastian Kurz. Er tritt kaum je in der Öffentlichkeit auf. - © apa/H. Fohringer
Stefan Steiner (r.) gehört zum innersten Zirkel von Bundeskanzler Sebastian Kurz. Er tritt kaum je in der Öffentlichkeit auf. - © apa/H. Fohringer

Eine andere Methode, das "Phänomen Kurz" zu erklären, hat der ebenfalls sehr junge "Kronen Zeitung"-Journalist Klaus Knittelfelder (28) entwickelt. In seinem jüngst erschienenen Buch "Inside Türkis - Die neuen Netzwerke der Macht" beschreibt er nicht den Kanzler selbst, sondern jenes Team aus rund einem Dutzend Beratern und Vertrauten, das sehr wesentlich für den politischen Erfolg des Sebastian Kurz ist. Und das, was eher ungewöhnlich und zum Großteil der Öffentlichkeit nur wenig bekannt ist, oft aus dem Hintergrund agiert und wie Pech und Schwefel zusammenzuhalten scheint.

Stefan Steiner (r. neben Bundeskanzler Sebastian Kurz) und Werner Kogler bei den Koalitionsverhandlungen. Steiner gehört zum innersten Zirkel von Bundeskanzler Kurz. - © apa/Helmut Fohringer
Stefan Steiner (r. neben Bundeskanzler Sebastian Kurz) und Werner Kogler bei den Koalitionsverhandlungen. Steiner gehört zum innersten Zirkel von Bundeskanzler Kurz. - © apa/Helmut Fohringer

Zu den Charakteristika dieses innersten Zirkels der Macht gehören unbedingte Loyalität zum Chef - die erstaunlicherweise auch tagtäglich gelebt wird, auch in schwierigen Situationen - und eine ganz bestimmte Sachkompetenz auf irgendeinem Gebiet, die Voraussetzung für die Aufnahme ins Team Kurz ist. Jeder seiner wichtigsten Berater müsse "auf mindestens einem Gebiet viel besser sein als ich", wird Kurz da zitiert.

Ähnliche Weltanschauungen

Das trifft etwa auf Stefan Steiner, Jahrgang 1978, definitiv zu, den Knittelfelder "Das türkise Hirn" nennt. Er ist der Chefstratege des Kanzlers, der in allen wichtigen Fragen die politische Linie vorgibt, selbst aber so gut wie nie öffentlich auftritt. Selbst viele erfahrene Innenpolitik-Journalisten kennen ihn nicht. Steiner hat kein Amt und keine politische Funktion und kommuniziert dennoch mehrmals am Tag mit dem Kanzler. Aufgewachsen in Istanbul, promovierte er bereits mit 25 (Völkerrecht) und gilt als ausgezeichneter Jurist. Wie viele der Kurz-Berater ist er streng katholisch, besucht jeden Sonntag die Messe und gilt unter Kennern der Neuen ÖVP als "konservativer Hardliner", seine Maxime sei "Law and Border".

"An Steiner, der Kurz weltanschaulich extrem ähnlich ist, wird gut sichtbar, dass es sich bei den Türkisen nicht um eine Gruppe opportunistischer Bobos ohne Überzeugung handelt", schreibt Knittelfelder. "Die türkise Spitze besteht teils aus stramm Konservativen, obwohl diese sich selbst ob ihrer marktorientierten Sichtweisen lieber als Liberale bezeichnen." Das wird auch viele innenpolitisch Interessierte doch etwas überraschen, dominiert doch bisher eher das Klischee "Buberlpartie".

Darüber hinaus eint eine abgrundtiefe Gegnerschaft zur SPÖ - "die Sozis" genannt - die Kurz-Truppe. Steiner, verrät Kurz dem Autor, habe nach den Wahlen stark in Richtung "Grün" gedrängt; nicht zuletzt, um an die SPÖ nicht mehr anstreifen zu müssen.

Ebenfalls strenggläubiger Katholik ist Bernhard Bonelli, Jahrgang 1983, der Kabinettschef des Bundeskanzlers und "Des Kanzlers rechte Hand" (Knittelfelder). "Bonelli," berichtet Knittelfelder, "ist meist der erste Mensch, mit dem Kurz in der Früh telefoniert", und das will was heißen, denn der Kanzler hat schließlich - Stand Mitte März 2020 - immerhin 6127 Nummern in seinem iPhone gespeichert.

Es sind kleine Details wie dieses, die Knittelfelders Buch nicht nur hochinteressant, sondern auch vergnüglich zu lesen machen. So erfahren wir etwa, dass Bonelli, kein sehr überzeugter Feminist und Vater von demnächst vier Kindern, die von ihrer nicht berufstätigen Mutter traditionell zu Hause großgezogen werden, ursprünglich Adamec heißt. Erst nach der Hochzeit - Tracht, Trauzeuge Sebastian Kurz - nahm er den Namen seiner Frau an. Und zwar, weil er die dadurch mögliche Alliteration so faszinierend fand.

Und so führt Knittelfelder die Leser kundig und aufschlussreich durch den Kurz’schen Mikrokosmos. Er beschreibt in weiteren Miniaturen etwa Gerald Fleischmann, den obersten Spin-Doktor (früher Punkrocker, sang über "Dicht in Amsterdam"), Chef-Pressesprecher Johannes Frischmann ("Der oberste Message-Kontrolleur"), Wirtschaftsberater Markus Gstöttner (spult jeden Morgen vor der Arbeit eine Stunde den Kampfsport Quigong ab, hört Hiphop und liest gern Stefan Zweig), Kristina Rausch (schreibt fast alle Twitter-Einträge, die unter "Sebastian Kurz" erscheinen, und hat es auf fast eine Million Follower gebracht), oder Philip Maderthaner ("Der türkise Marketing-Guru").

Klaus Knittelfelder ist das sicher wichtigste, informativste und auch durchaus unterhaltsamste Innenpolitik-Buch des bisherigen Jahres gelungen - und, ganz nebenbei, ein Einblick in die Welt des Sebastian Kurz.