Heute kommen sie! Wann, wenn nicht am 2. Juli? UFO-Tag ist. International, bitteschön, keine dieser US-Kapriolen wie der Karottenkuchentag (3. Februar) oder der Iss-deine-Bohnen-Tag (mit den Hülsenfrüchten ist es morgen soweit). Heraus mit den Fernrohren und den Feldstechern! Setzt irgendwo noch Urgroßmutters Operngucker Staub an? Wegblasen, durchschauen, Fliegende Untertasse entdecken!

Wieso gerade heute? - Wegen Roswell, naturgemäß. Heute vor genau 73 Jahren hat es sich zugetragen. Da hat eine wackere Besatzung ihr Raumschiff ein paar Lichtjahre weit geflogen, hat Asteroidenschwärme verscheucht wie ein Badegast am Gänsehäufel die Gelsen, hat Raumkrümmungen genommen wie Sebastian Vettel die Eiskurve vom Nürburgring - und dann das: Bei der Landung abgestürzt. Oops. Als hätte Sebastian Vettel das Einparken nicht hingekriegt. Wer sagt, dass nicht auch das passieren kann? Eben!

Wetter und Spionage

Der Rest ist Geschichte: Ein Wetterballon soll abgestürzt sein, sagte die US-Regierung. Welch ein Humbug! Als ob der Sheriff von Roswell nicht die Ballon-Trümmer von denen einer Fliegenden Untertasse unterscheiden könnte! Man kann doch ganz einfach selbst einen Test machen: Man zerdeppert die Untertasse des Morgenkaffee-Häferls auf dem Küchenboden und lässt hierauf einen Luftballon mittels Nadelstich zerplatzen. Schauen die Überreste etwa gleich aus? - Wenn das kein Beweis dafür ist, dass in Roswell die Marsianer Raumschiffbruch erlitten haben! ALF ist hier und toastet eine Katze zum Abendessen.

Und dann diese nachgereichten Behauptungen der US-Regierung: War gar kein Wetterballon, sondern ein militärischer Ballon, der die Sowjets ausspionieren hätte sollen! Hat man dafür etwa keine Geheimagenten?

Infografik: E.T. nach Hause gefahren? | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Und die Schrift, die auf den Klebebändern der abgestürzten Fliegenden Untertasse gefunden wurde, soll ein Muster fürs Kinderzimmer gewesen sein? Das durchschaut wirklich jeder als Lüge. Zumal sich die Puzzleteile der Wahrheit so gut ineinander fügen: Erst geht etwas kaputt an der Fliegenden Untertasse, was kein Wunder ist (Stichwörter: Asteroidenschwärme, lichtjahrlange Reise, Raumkrümmung), die Besatzung repariert die beschädigten Teile mit Klebeband, aber der Defekt ist zu groß, ergo stürzt die Fliegende Untertasse auf ein Feld bei Roswell.

Passt das oder passt das nicht?

Und wohin soll die Regierung die Überlebenden des Raumschiffbruchs gebracht haben, wenn nicht nach Area 51? Hätte man sie auf eine Kreuzfahrt mit der "Queen Mary" einladen sollen? Auf die Gefahr hin, dass dieses Trüppchen, das nicht einmal seine Untertasse gelandet kriegt, auch noch den Luxusliner gegen einen Eisberg navigiert? Man muss sich das alles einmal vor Augen führen, um zu erkennen: Die Wahrheit mag da draußen sein, doch sie sind da! Irgendwie kommt das aufs Gleiche hinaus.

Aber jetzt einmal im Ernst: UFO ist, genau genommen, ein recht neutraler Begriff. "Unidentified Flying Object" auf Englisch, auf Deutsch "Unidentifiziertes Fliegendes Objekt" - das sagt im Grund gar nichts aus über eine etwaige Außerirdischkeit. Was es wiegt, das hat es: Es fliegt, und der Beobachter kann nicht ausnehmen, was es ist. Da gibt es Möglichkeiten von einem Käfer, der aufgrund einer optischen Täuschung für etwas anderes gehalten wird, bis hin zu bizarren Wolkenformationen. Die Unregelmäßigkeit eines Fensters mag eine Lichtquelle zum Flugobjekt ummodeln und Dunstschleier einen Vogel. Ja, tatsächlich, es gibt UFOs, und zwar genau auf dieser Basis.

Die Zahl der Sichtungen ist zwar stark zurückgegangen - auch in den USA, was eventuell daran liegen mag, dass weniger fliegende Geheimwaffen unterwegs sind als zu Zeiten des Kalten Krieges. Aber die Ufonauten aus fernen Galaxien haben vom Denken längst Besitz ergriffen. Charles Berlitz hat es mit ihnen ebenso geschafft wie mit dem Bermuda-Dreieck: eine Meisterleistung, so dubios wie bemerkenswert. Dabei hat Berlitz, Linguist und Enkel des Sprachschul-Gründers Maximilian Delphinius Berlitz, über Roswell (wie auch über das Bermuda-Dreieck) ja nur ein Buch geschrieben.

Schwebende Türme

Das freilich hat es in sich. Während ein Erich von Däniken als Großmeister der Suggestiv-Fragen dem Leser immer noch ein kleines Rückzugsgebiet von Unglauben offenlässt, überzeugt Berlitz mit wissenschaftlicher Genauigkeit. Der Leser muss sich, will er kritisch bleiben, Seite für Seite, mitunter Satz für Satz ins Gedächtnis rufen, dass Berlitz zwar aus den Beweisen und Belegen einen hohen Turm errichtet, dass dessen Fundament jedoch die Seifenblase einer Urbanen Legende ist. Berlitz maskiert seine Science Fiction als Enthüllungsjournalismus. Dass man auf Science Fiction hereinfallen kann, wenn sie als Nachricht ausgegeben wird, weiß man, seit Orson Welles am 30. Oktober 1938 in einem Hörspiel mit Reportage-Charakter die Außerirdischen landen ließ.

Ja, damals...? Ja, in den USA...? - Am 3. Dezember 1982 lief im ZDF die Kottan-Folge "Kansas City". Nach 10 Minuten und 43 Sekunden ließen Drehbuchautor Helmut Zenker und Regisseur Peter Patzak ohne Bezug zur Handlung folgenden Text einblenden: "Unbekanntes Flugobjekt bei Duisburg gelandet. Sonderbericht im Anschluß an diese Sendung." Das Telefon des ZDF-Kundendienstes war blockiert, so viele Zuschauer riefen an und wollten mehr erfahren - über die UFO-Landung, wohlgemerkt, nicht, was dieser Schabernack soll.

Die Sache mit den Außerirdischen hat dabei längst das Feld von Science Fiction und wissenschaftlicher Gedankenspielerei verlassen. Laut Wahrscheinlichkeitsrechnung muss es sie geben - logisch, denn mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung kann man alles beweisen, zumal dann, wenn man das Universum als unendlich annimmt. Dann sagt die Wahrscheinlichkeitsrechnung ganz klar, dass es, gibt es einen mit halbwegs intelligentem Leben bevölkerten Planeten, auch einen zweiten, dritten und so weiter geben muss, der eine weitestgehend parallele Entwicklung genommen hat.

Ist Leben da draußen?

Dementsprechend werden Mitteilungen über neu entdeckte Sonnensysteme und Planeten fast automatisch mit dem Zusatz versehen, es könnte dort Leben geben. Mit dem Konjunktiv vergibt man sich schließlich auch als Wissenschafter nichts, sichert sich aber die Aufmerksamkeit, und Leben kann obendrein vieles sein von der Bakterie bis zum elfarmigen Tentakelwesen, das per Telepathie kommuniziert und universumweite Raumfahrt betreibt (nur eben die Landung mitunter echt verbockt). Das SETI-Programm (Search for Extraterrestrial Intelligence) sucht mittlerweile mit neuen Ansätzen auf wissenschaftlicher Basis nach außerirdischem Leben.

Wirklich angekommen sind die kleinen grünen Männchen bisher freilich nur in Filmen und Büchern. Oder sollten ein paar von ihnen doch geschafft haben, ihre Fliegende Untertasse zu landen?

Wer weiß? Deshalb bange nachgefragt: Hat die Katzenpopulation in Ihrer Umgebung in der letzten Zeit abgenommen?