Ab halb neun morgens füllt sich in der Neuen Hofburg das Foyer vor dem Drehkreuz zu den Lesesälen. Mit jeder Minute wird die Reihe der Studentinnen und Studenten länger. Ohne Gedrängel, in sozialer Distanz und freundlich heiter. Um Viertel vor neun ist kein Platz mehr unter Dach. Die Schlange wächst und wächst, am Denkmal mit Prinz Eugen zu Pferde vorbei an die Straße zwischen Äußerem und Inneren Burgtor. Hier, vor den Fenstern des Bundespräsidenten, macht sie einen Schwenk Richtung Ringstraße. Die Reihe wird noch weitere hundert Meter lang. Bis um Punkt neun der Einlass in die Nationalbibliothek beginnt.

Kurios, doch wahr: Die Einzigen, die in Österreich nach den Lockerungen der Corona-Maßnahmen noch Schlange stehen, sind Studenten in Wien. Wo so viele warten, gibt es, das weiß jeder Schlawiner, etwas geschenkt. Objekte der Begierde sind hier die Plätze in den Lesesälen. Denn in der Nationalbibliothek werden sie nach Pfingsten wieder angeboten. Auch der Großformate-Saal im Keller. Die Studierenden strömen herbei, weil die Universitäten in Österreich ihre Bibliotheken geschlossen oder seit Mittwoch mit kurzen Zeitfenstern offen halten. Jungakademischer Unmut darüber wird immer lauter.

Quarantäne auch für Bücher

Der Zugang ist nun laut Homepage der UB Wien wieder möglich, allerdings kann eine Terminvereinbarung oder eine Platzreservierung erforderlich sein. Mit der Schließung der Lesesäle in den Universitätsbibliotheken wurde ein 1999 (Minister war damals Rudolf Scholten) in der Universitätsbibliotheksverordnung festgeschriebenes Recht beschnitten, das jedermann, jederfrau über 18 Jahren, egal welcher Staatsbürgerschaft, den Zutritt erlaubt - wenn die Bücher im Lesesaal benützt werden. Bei den heimischen Akteuren für den Rechteschutz trotz Corona steht dieses Problem nicht auf den Listen. Wohl, weil es kaum wer kennt. In der Nationalbibliothek sitzen auch in Nicht-Corona-Zeiten Studierende, die nicht - oder nicht nur - wegen der Bücher aus dem Staatsfundus in die Neue Hofburg kommen. Besonders zahlreich gegen Semesterende, wenn sie dort für Prüfungen lernen. Die Ruhe, die Bücherkulisse, der Lerndruck wirkt auf alle stimulierend. Und vielleicht auch das Plauderfoyer bei den Katalog-Terminals - als "Aufrisszone" ein akademischer Geheimtipp.

Ampelsystem

Auf der Homepage der ÖNB sind auf dem Button "Auslastung" die Chancen, trotz vorgeschriebenem Mindestabstand einen der verringerten Plätze zu bekommen, mit den Ampelfarben Grün-Gelb-Rot angezeigt. Für die seniorale Leserschaft musste ein eigener Studiersaal eingerichtet werden, er wurde nach Ludwig Wittgenstein benannt. Die Zahl der Sessel wurde vermindert. Ohne Zwang tragen viele Lesegäste Mund-Nasen-Schutz. Wird am Schalter ein benutztes Buch zurückgegeben, muss es für 24 Stunden "in Quarantäne".

Bei der "Rückkehr zur Normalität" schritt die Nationalbibliothek voran. Schon ab 13. Mai war es möglich, Bücher außer Haus zu entlehnen - freilich beschränkt auf den Personenkreis, dem diese Gunst fürs ganze Jahr eingeräumt ist. Die Universität folgte eine Woche später. Freilich ist die Entlehnstelle nur über ein hohes Eisentreppengerüst auf der Hinterseite des Hauptgebäudes erreichbar. Die Zentralbibliothek für Physik und Chemie in der Boltzmanngasse hat ihre Entlehnstelle im 4. Stock - ohne Hinweis auf einen Lift. Die Technische Universität Wien gibt Bücher seit 8. Juni aus; sie werden am Postweg zugestellt, da es keine Abholmöglichkeit in der Bibliothek gibt. Die Wirtschaftsuniversität Wien kündigte einen beschränkten Zugang ab 3. August zu den Lesesälen an - Platzreservierung ab 27. Juli.

Es waren vielleicht die generösen Angebote, in Kurzarbeit zu gehen, die in den Universitätsbibliotheken den Elan bremsten, Studenten im Haus Leseplätze zu öffnen. In der Bibliotheksverwaltung am Ring wird derzeit in zwei kommoden Schichten gearbeitet: Fünf Tage Dienst - fünf Tage frei. Die Studenten stehen alltäglich auf dem Heldenplatz Schlange.