Früher, also vor ein paar Jahren noch", erzählt Susanne F., "da gab es schon ein paar Anpöbeleien", als sie, augenscheinlich ein Mann, in Frauenkleidern zur Arbeit bei BMW in Steyr ging. "Doch seitdem ich im Pass eine Frau bin und offiziell das Geschlecht gewechselt habe", fährt sie fort, "gibt es keine Probleme mehr. Ganz im Gegenteil erlebe ich oft Zustimmung von Leuten auf der Straße."

Susanne F., Jahrgang 1962, hat sich entschlossen, ihr Gefühl, Frau zu sein, mit allen Konsequenzen zu leben. Das ist nicht leicht in einer Kleinstadt wie Steyr, wo jeder jeden kennt. Sie erzählt aber von einer erstaunlich positiven Gesellschaftswende. Mag sein, dass viele nicht verstehen, warum sie tut, was sie tun muss. Sicher ist aber: Es gibt bedeutend mehr Toleranz als früher. Und wenn diese Toleranz bloß Teil einer neuen Gleichgültigkeit ist, so kann Susanne auch damit sehr gut leben.

Hammer hat sich als Mode- und Stylingberaterin unter Transgender-Personen einen Namen gemacht, wo sie derzeit als einzige Ratgeberin in Kleidungsfragen für jene Normalität sorgt, die diese Frauen suchen und benötigen. - © Emma Braun
Hammer hat sich als Mode- und Stylingberaterin unter Transgender-Personen einen Namen gemacht, wo sie derzeit als einzige Ratgeberin in Kleidungsfragen für jene Normalität sorgt, die diese Frauen suchen und benötigen. - © Emma Braun

Dass die Ingenieurin sicher ist, das Richtige zu tun, das liegt auch an Andrea Hammer. Die Grafikerin und Kostümbildnerin hat sich seit etwa zwei Jahren auf das Styling von Transgenderpersonen (dazu gehört im Paket auch das Schminken) spezialisiert und ist mit ihrem Tun die einzige Stylistin im deutschsprachigen Raum, die sich ausschließlich dieser neuen Klientel widmet. Hammer hat durch Kontakte ihres beruflichen Umfelds erfahren, dass Transgender-Frauen in Sachen persönlichen Kleidungsstils eine extreme Unsicherheit zeigen, dass ihnen die Ansprechpartnerinnen fehlen, die Tippgeberinnen, die Frauen, mit welchen sie sich austauschen können. Hammer will diese Frau für diese neuen Frauen sein.

Eine Demütigung mehr

Dass ist selbstredend nicht immer einfach, wie Andrea Hammer erzählt. Sie trifft meist auf von Psychotherapeuten an sie verwiesene Personen, die schon eine Unzahl verunsichernder Demütigungen ertragen mussten. Hier bedarf es dann eines besonderen Zeitaufwands, Vertrauen herzustellen; so viel Vertrauen, dass man auch das Wagnis einer gemeinsamen Shoppingtour eingehen kann. Ein paar ihrer Klienten trauen sich mit neuem Selbstbewusstsein auch in einen vollen Laden hinein, für die meisten aber muss Hammer mit den Boutique-Besitzerinnen einen Extra-Termin ausmachen, an welchem der Laden eigentlich geschlossen hält.

Susanne F. erzählt mit Freude von den gemeinsamen Einkäufen mit Hammer. Die Öffentlichwerdung ihres gefühlten und dann eigentlichen Geschlechts, die Hammer in der finalen Phase begleitete, trug dazu bei, dass die Angst vor Verachtung einer Freude am Zeigen wich. Sollte da heute jemand dumm glotzen, dann prallt das, auch dank Hammer, an ihr ab.

Ihre Klientel, erzählt Andrea Hammer, wechselt entweder das Geschlecht komplett, also mit Hormontherapie und Operationen, oder behält ihre Geschlechtsmerkmale und vollzieht die Transformation ohne medizinischer Begleitung im täglichen Leben. Susanne F. gehört dieser zweiten Kategorie an, auch, weil sie für eine Hormontherapie und die darauf folgenden Operationen ein zu fortgeschrittenes Alter erreicht hat. Zwar wäre es theoretisch möglich, bei ihr den gesamten Geschlechtswandel zu vollziehen, so die medizinische Theorie, doch die gesundheitlichen Risiken sprechen dagegen, auch weil sie nach dieser, den Körper sehr fordernden Behandlung, schon auf die Siebzig zugehen würde. Wer Frau sein will, darf das aber, so wie Susanne F., auch ohne neue Hormone und dem stundenlangen Liegen am Operationstisch, denn der Gesetzgeber macht es inzwischen möglich, ein anderes Geschlecht im vereinfachten Verfahren offiziell in allen Urkunden zu führen.

Shopping, keine Ideologie

Das ist nicht unumstritten, wie die Diskussion beweist, die Harry-Potter-Autorin Joanne Kathleen Rowling vor einigen Wochen losgetreten hat. Rowling, eine linke Feministin alter Schule, beklagte auf Twitter, dass vor allem im angloamerikanischen Raum eine große Anzahl nicht operierter Transgender-Frauen zunehmend die feministische Agenda beherrschen und dieser eine sehr spezielle Sicht des Frauseins oktroyieren wollen. Der ihrem Twitter-Post folgende Shitstorm bewies, dass sie da mit einer Nadel in ein Wespennest gestochen hatte.

Susanne F. ist diese politisierende Diskussion fremd, sie hat auch kein Interesse diese zu kommentieren, denn sie will schlicht nicht, dass dieses Thema außerhalb ihres Lebens große Schlagzeilen erfährt. Sie will lediglich ihr Geschlecht leben, vor keinen Ideologie-Karren gespannt werden: Susanne will nach all den Jahren ihre Ruhe.

Das wollen alle ihrer Transgender-Klienten sagt Andrea Hammer. Das ganze Getöse um das Thema, das vor allem Männer stark zu verunsichern scheint, ist den Frauen, die sie in Sachen Kleidung und Styling in ihr neues Leben begleitet, nur unangenehm. In all den Sitzungen erkennt Hammer vor allem die Suche nach einer von der Gesellschaft akzeptierten Normalität und nicht das Begehren, irgendeiner Art Avantgarde anzugehören. Hammers Frauen, auch aus einfachen Schichten kommend, zählten schon im vorherigen Leben nicht zu den Speerspitzen irgendwelcher gesellschaftlicher Bewegungen.

Am Beginn, so erzählt Andrea Hammer, muss sie erst mal rausfinden, was ihre Kundin wirklich will, welchen Kleidungsstil sie aufgrund einer oft nur vermuteten Erwartungshaltung ihres Umfelds zu präferieren glaubt und was ihr wirklicher, persönlicher Stil ist, den sie während Hammers Begleitung mit Hammer herausarbeitet.

Zuerst steht bei vielen ihrer Frauen eine schrille Bekleidung im Vordergrund, erklärt Hammer, möglichst bunt und, wenn Hormone und Operationen den Körper veränderten, auch das neue Geschlecht stark betonend. Erst später kommt bei allen ihren Klienten das Dezente, Stilvolle, man will sagen Erwachsene zum Vorschein, das ja Augenschein gelebter Normalität ist.

Ein Leben wie wir alle

Susanne F. hat ihren Stil zu großen Teilen schon gefunden und Freude an den Möglichkeiten, die ihr die Mode gibt; Möglichkeiten, die sie in ihrem vorherigen Leben als Mann nicht hatte. Als Kind, erzählt Susanne, habe sie zuerst die Kochschürzen ihrer Mutter angezogen, später dann Röcke und auch Unterwäsche. Als sie Ingenieurin wurde und bei BMW-Steyr nur mit Männern arbeitete, da unterdrückte sie ihren Drang, sich auch öffentlich ganz als Frau zu zeigen. Mit den Jahren jedoch wurde die Gesamtsituation zu einer nicht mehr tragbaren Belastung, Susanne brach zusammen und fand nach einer Burn-out-Diagnose ihr Ich wieder, das sie bis in die Mitte ihres Lebens unterdrückt hatte.

Wenn man Susanne F. heute auf den Straßen in Steyr begegnet, so begegnet man einer attraktiven, großen Endfünfzigerin, die sich in weiter, gut geschnittener und auch klassisch-modernder Kleidung wohl fühlt. Für dieses textile Zuhause zeichnet Andrea Hammer verantwortlich, deren Bestreben ist, dass ihre Klienten sie irgendwann nicht mehr zurate ziehen müssen und ein Leben wie wir alle führen dürfen.