Heute hat Plastik ja nicht mehr den besten Ruf. Als Bakelit seinen Siegeszug antrat, war das natürlich noch ganz anders. Schließlich war es der erste echte Kunststoff, und er löste flugs eine Revolution der Alltagskultur aus. Massenproduktion hieß das Zauberwort - und es ist ein wenig surreal, wenn man sieht, wie begehrt manches Stück aus dem damaligen Durchschnittsstoff heute für Sammler ist. Ein solcher Sammler war der Galerist und Kunstkenner Georg Kargl, er hat eine beachtliche Kollektion von 700 Stücken zusammengetragen. Etwa 300 davon sind nun in einer Ausstellung des MAK zu sehen.

Ich bin dein Vater! Nein, ich bin deine Kinderschwester! Nein, ich bin dein Babyphon! Bakelit-Baby-Monitor aus dem Jahr 1938 von Isamu Noguchi. - © MAK/Georg Mayer
Ich bin dein Vater! Nein, ich bin deine Kinderschwester! Nein, ich bin dein Babyphon! Bakelit-Baby-Monitor aus dem Jahr 1938 von Isamu Noguchi. - © MAK/Georg Mayer

Passend zum Galeristenhintergrund hat der Künstler Mladen Bizumic die Ausstellung gestaltet. Auf einem großen Tisch in der Mitte sind in ästhetischer Akribie Objekte nach Größe sortiert und angeordnet: vom großen Fernsehgerät bis zum winzigen Coronet-Fotoapparat. Nur Schmuck fehlt - das, was man gemeinhin neben Telefonen am schnellsten mit dem Kunststoff verbindet.

Stromlinienform

1907 wurde Bakelit erfunden, und zwar vom belgischen Chemiker Leo Henrik Baekeland, was auch den Namen des Materials erklärt. Er war auf der Suche nach einem haltbareren Ersatz für die damals gängigen Kunststoffe Schellack und Zelluloid. 1920 folgte die Markteinführung, parallel in Deutschland und den USA. Weil Bakelit einen enormen Härtegrad hatte und auch hitze- und säurefest war, wurde es schnell zum "Material der 1000 Möglichkeiten". Es ließ sich in alle vorstellbaren Formen modeln und pressen, aber meistens unterlag das Design der beliebtesten Ausrichtung der sogenannten "Machine Age": der Stromlinienförmigkeit. Vorwärts sollte es gehen, und zwar schnell, die Formgebung war von Zukunftsoptimismus durchdrungen. Man fühlt sich bei vielen Objekten aus Georg Kargls Sammlung an die typischen Rundungen der Oldtimer der 1920er Jahre erinnert oder an die schnittigen Kurven der Flugzeuge. Die sind sogar tatsächlich anwesend in der Schau, als Kinderspielzeug.

Ihre motivische Weiterverarbeitung findet sich zum Beispiel in den Jumo-Faltlampen der 1940er, die aussehen wie eine Armlehne in einer Limousine eines 30er-Jahre-Gangsterfilms. Dieses ausgeklügelte Designobjekt, das sich ganz zusammenfalten lässt, ist übrigens aus der Kategorie Kult: Im Internet-Antiquitätenhandel um wohlfeile 4400 Euro zu erwerben, etwas günstiger wird es, wenn man sich eine Neuauflage zulegt.

Wie der neue Kunststoff die Demokratisierung von Produkten vorangetrieben hat, sieht man an Fotokameras: Eine richtige Schönheit ist zwar die Kodak Brownie Holiday Flash, ein kecker Würfel mit Riesenblitzaufsatz. Der Fortschritt ermöglichte aber auch die ersten Pocketkameras, wie die Purma, die bereits 1937 alles, was man so braucht, schön ordentlich integriert hatte. Ein Design, das verblüffend modern aussieht.

Apropos modern: Das ist auch das Babyphon, das Isamu Noguchi 1938 entworfen hat. Es soll an den Kopf einer Kinderkrankenschwester erinnern, gleichzeitig muss man aber auch an Mikrofone aus der frühen Radio-Ära denken. Und ja, nicht zuletzt auch an Darth Vader aus "Star Wars".

Propeller-Bleistift

Sehenswert ist auch der Bush-Fernseher (1949), wieder mit annehmlichen Rundungen, ja selbst die (elektrischen) Bleistiftspitzer sahen aus wie Propeller. Interessant ist das Design der Tischuhren, die als einzige noch ein bisschen Vergangenheit mitnehmen durften: So gibt es Anleihen aus dem Biedermeierstil bei manchen, während andere diese Optik nur minimalistisch aufgreifen. Auch Taschenuhren mit Bakelitrahmen sind zu sehen und machen deutlich, dass der Kunststoff trotz aller Massenproduktion ein Luxusmaterial blieb.

Dass die Erfindung auch die Kunst beeinflusste, etwa die Pop-Art von Andy Warhol, die sich von der seriellen Produktion inspirieren ließ, wird in der Schau nur angedeutet. In den 1950ern flaute die Bakelit-Manie ab - nicht zuletzt, weil die Herstellung doch reichlich gesundheitsgefährdend war. Aber auch, weil spätestens die Swinging Sixties Farbe in ihrem Kunststoff brauchten - und die konnte Bakelit nicht bieten. Produziert wird er freilich noch, in ungefährlicher Zusammensetzung - in Ostasien und Indien. Die Nachfrage scheint es zu geben - immerhin kann man etwa im hippen Alte-Sachen-Warenhaus Manufactum Bakelit-Lichtschalter erstehen.