Haben die Deutschen in den 1940er Jahren tatsächlich an einer Atombombe gearbeitet? Und wenn ja, gibt es konkrete Indizien und Spuren, und wo waren dann die Labore der Nazis? Wie kam es dazu, dass die US-Amerikaner sich zu der Entwicklung der Atombombe entschlossen? Wer waren die treibenden Kräfte hinter dieser Idee, die für uns heute - wenngleich unfassbar - eine Realität ist, seinerzeit jedoch noch wie Science-Fiction klang? Hat da nicht Albert Einstein auch eine Rolle gespielt? Was wusste die US-amerikanische Bevölkerung davon? Und was war mit der Sowjetunion - und Japan?

Stringent erzählt

Ein Erfolg für das US-Militär - und eine beispiellose Katastrophe für die Menschheit: der Abwurf der Atombombe am Ende des Zweiten Weltkriegs. - © Edition Glenat by Alcante/LF Bollée und Denis Rodier
Ein Erfolg für das US-Militär - und eine beispiellose Katastrophe für die Menschheit: der Abwurf der Atombombe am Ende des Zweiten Weltkriegs. - © Edition Glenat by Alcante/LF Bollée und Denis Rodier

Am 6. August 1945, also vor 75 Jahren, haben die Vereinigten Staaten die erste atomare Bombe auf Hiroshima, am 9. August eine weitere auf Nagasaki abgeworfen. Das ungeheuerliche Ausmaß der Zerstörung und die Zahl der Opfer und Verletzten waren bis dahin unvorstellbar. Während mehrere zehntausende Menschen augenblicklich verbrannten und durch die Hitze verdampften, wuchs die Zahl der Toten innerhalb von vier Monaten auf etwa 130.000 Menschen in Hiroshima und 70.000 bis 80.000 Menschen in Nagasaki an. Noch lange später starben Menschen an den Folgen der Strahlenkrankheit.

Der japanische Mangazeichner und Hiroshima-Überlebende Keiji Nakazawa hat Anfang der 1970er Jahre in "Hadashi no Gen" ("Barfuß durch Hiroshima") auf mehr als tausend Seiten ein erschütterndes Gemälde des Grauens geschaffen, das die Atombombe angerichtet hatte, ohne allerdings auf eine gnadenlose Darstellung des japanischen Militarismus zu verzichten. Der belgische Szenarist Didier Alcante hat nun zusammen mit Laurent-Frédéric Bollée und dem Zeichner Denis Rodier die Entstehungsgeschichte der Bombe nachgezeichnet. Der 460 Seiten starke Schwarzweißcomic "Die Bombe" erinnert an moderne Sachlichkeit: Eine stringente erzählerische Klarheit in den Zeichnungen mit feinen Varianten in den Gesichtsausdrücken und schwarz glänzenden Schatten ist von einer dynamischen Panelvielfalt getragen.

Mit seiner beachtlichen Differenziertheit wird der Comic der Komplexität der Sache gerecht. Damit ist nicht allein das Hintergrundwissen zur Kernphysik gemeint, das der Comic eindrucksvoll verständlich wie spannend für ein Laienpublikum aufbereitet. War die Atombombe ursprünglich als Abschreckung gedacht und als Mittel, um das nationalsozialistische Deutschland in die Schranken zu weisen, kommen im Lauf der Entwicklung dieser "Wunderwaffe" neue Dynamiken ins Spiel. Als sich die Forscher der Frage stellen, wie weit die Freiheit der Wissenschaft reicht und ob sich eine Erfindung überhaupt vor der Zukunft geheim halten ließe, sind bereits weitere Player auf den Plan getreten. Die Sichtweisen und Logiken von Politik und Armee erweisen sich mit jenen der Wissenschaft oftmals als nicht kompatibel. Selbst die reine Wissenschaft erscheint als Fiktion.

Dass die Autoren den geschichtlichen Rahmen aus dem Blickwinkel des chemischen Elements Uran erzählen, lässt sich als Warnung vor der menschlichen Hybris verstehen. Das bis dahin noch unscheinbare Metall sieht die Stunde gekommen, in der es die Welt "erstrahlen lassen" wird, während es die Akteure im Rückblick "gelegentlich" als seine "Marionetten" betrachtet, "an deren Fäden ich zog".

Historische Reaktionskette

Als schillerndste Figur im Comic erweist sich neben etwa dem Physiker und Nobelpreisträger Enrico Fermi, dem Physiker Robert Oppenheimer oder dem General Leslie R. Groves eindeutig der ungarisch-deutsche Physiker Leó Szilárd, der mit höchstem persönlichen Einsatz bis zur Spitze der US-amerikanischen Politik vordringt, um Präsident Franklin D. Roosevelt selbst von der Entwicklung der Uranbombe zu überzeugen. Ausgerechnet Szilárd wird es sein, der am Ende vehement gegen den Einsatz dieser zerstörerischen Waffe eintritt.

Kurz nach der Machtergreifung Adolf Hitlers verlässt der brillante jüdische Professor Berlin, als der nationalsozialistische Judenhass bereits in die universitären Hörsäle einzudringen begann. Der Entdecker der nuklearen Kettenreaktion fand sich alsbald selbst inmitten einer historischen Reaktionskette. Noch in einem Frühstadium ahnt er, welche Bedeutung das Uran im Verlauf des Zweiten Weltkriegs erhalten könnte, insbesondere als die deutsche Wehrmacht im März 1939 die Tschechoslowakei besetzt und Deutschland damit die Hoheit über die einzigen Uranvorkommnisse in Europa innehat.

Szilárd erkennt den politischen Handlungsdruck, um eine mögliche menschliche Katastrophe zu verhindern. Anfang der 1940er Jahre kommt es - auf sein Drängen hin - zum wohl größten militärischen Forschungsvorhaben der USA: Das sogenannte Manhattan-Projekt sollte unter absoluter Geheimhaltung zwischen 1942 und 1945 die Herstellung der ersten Kernwaffe bewerkstelligen. Unter der militärischen Führung des Generals Leslie R. Groves und der physikalischen Leitung Robert Oppenheimers entsteht die Forschungsstadt Los Alamos mit riesigen Laboreinrichtungen und mehr als 150.000 Mitarbeitern. Mitte Juli 1945 ist es dann so weit, im Trinity-Test wird der Beweis erbracht, dass die Technik der Kernspaltung entwickelt ist: Die Atombombe war erfunden.

Wie weit stand Japan zu dem Zeitpunkt vor einer Kapitulation? Wäre der Abwurf der Bombe und damit hunderttausendfaches schreckliches Leid vermeidbar gewesen? Hätte nicht ein vorgeführter Test genügt? Szilárd konnte das Schlimmste nicht verhindern, sein Gegenspieler, General Groves, aber auch der neue Präsident, Harry S. Truman, setzten sich durch. Szilárds Kampf endete jedoch nicht hier.

Einsame Kriegsgegner

Im letzten der sechs Hauptkapitel werden die euphorischen US-amerikanischen Erfolgsmeldungen von der Explosion der Bombe mit wortlosen Bildern der Verwüstung gegengeschnitten. Diese Zeichnungen erinnern an das erwähnte autobiografische Comicwerk von Keiji Nakazawa. Eine Figur im Comic hat Alcante als Hommage auf seinen japanischen Kindheitsfreund Kazuo Morimoto geschaffen, der ihm die Augen für die japanische Kultur und Geschichte geöffnet hatte. Ihre Ähnlichkeit mit Gens Vater in "Barfuß nach Hiroshima" ist unübersehbar. Als einer der wenigen sticht er mit seiner antimilitaristischen Haltung hervor: "Gerade weil ich mein Land liebe, bin ich gegen den Krieg."

Zum Schluss kommt noch einmal das Uran selbst zu Wort. Auf den Stufen einer Bank hat sich als einzige Erinnerung an einen Menschen, der wie viele von der Hitze der Bombe versengt wurde, ein schwarzer Schatten eingebrannt: "Dieser Schatten ist meine Signatur, womöglich meine Seele . . . gewiss aber meine Macht. / Möge er euch auf ewig umtreiben!"