Da steht der Ziegel im Klassik-CD-Fachgeschäft: 19 CDs umfasst die Percy-Grainger-Edition, macht rund 22 Stunden Musik. Percy Grainger – ein Unbekannter, der eine Werkausgabe wert ist? Oder macht die bizarre Biografie Graingers den Reiz aus? Immerhin boomt auch Carlo Gesualdo: Neueinspielungen, Wiederveröffentlichungen, Ensembles nennen sich nach ihm. Ketzerischer Gedanke: Wenn Grainger nicht Grainger gewesen wäre und Gesualdo nicht Gesualdo, rein biografisch gesprochen, wie sähe es dann aus? Geht es um den Reiz des Durchgeknallten?

Diesbezüglich sind die beiden freilich keine Einzelerscheinungen. Wer sonst noch? - Hier eine Aufstellung der zehn größten Spinner der Musikgeschichte. Nicht die Bedeutung des Werks zählt, sondern nur der Spleen. Der Spannung zuliebe kommt der größte Spinner zuletzt. Wobei: Die Reihung der letzten vier ist wahrlich Geschmackssache. Mord, Alien, Sado-Maso-Museum oder bunte Tauben - das ist die Frage.

Gustav Holst unternahm Fahrradtouren in der Wüste. - © wikimedia/Herbert Lambert
Gustav Holst unternahm Fahrradtouren in der Wüste. - © wikimedia/Herbert Lambert

Platz 10: Radeln in der Wüste

Gustav Holst (1874-1934). Seine "Planeten" geben den Ideensteinbruch ab für Dutzende Filmkomponisten. Das Orchesterwerk "Egdon Heath" und die Kammeroper "Savitri" sind schlackenlose Meisterwerke, die "Ode to Death" und "A Choral Fantasy" lassen den Zuhörer sprachlos zurück.  Engländern sagt man einen Unwillen nach, Fremdsprachen zu lernen. Holst ist anders. Aus Interesse für die vedische Literatur lernt er Sanskrit. Dass er in der glühend heißen Wüste Algeriens bis zur Erschöpfung Fahrradtouren unternimmt, qualifiziert ihn für den zehnten Platz der Liste.

Platz 9: Millionen (und) Dissonanzen

Der Versicherungsmagnat als Hobbykomponist: Charles Ives war ein Pionier der Neuen Musik. - © Wikimedia
Der Versicherungsmagnat als Hobbykomponist: Charles Ives war ein Pionier der Neuen Musik. - © Wikimedia

Charles Ives (1874–1957). Der Selfmadecomposer war im Zivilberuf ein steinreicher Versicherungsmagnat. Da er nicht von der Musik leben muss, komponiert er, ohne Aufführungen anzustreben, wie es ihm gefällt. Und was ihm gefällt, sind Dissonanzen. Henry David Thoreaus anarchistische Naturmystik ist sein wichtigster philosophischer Einfluss, sein grundlegender musikalischer sind Kapellen, die an verschiedenen Plätzen eines Parks Märsche spielen und an gewissen Orten gleichzeitig hörbar sind. Das bringt Ives auf die Idee, mehrere Orchestergruppen gleichzeitig in voneinander unabhängigen Klangschichten spielen zu lassen. Sein selbst bekanntes Ziel: die Ohren dehnen. Lange vor Schönberg komponiert Ives atonal, schreib Vierteltöne und Cluster und verwendet Tonreihen.  Eines Tages im Jahr 1926 befindet er, dass keine seiner Ideen mehr richtig klingt und hört auf zu komponieren. Er lebt lange genug, um mitzukriegen, wie er als Pionier der US-amerikanischen Neuen Musik verehrt und immer öfter aufgeführt wird.

Platz 8: Überall Uhren


Maurice Ravel (1875–1937). Seine glasklare Musik ist das Hohelied der Ratio. Das Privatleben des Franzosen sieht anders aus. Er rammelt seine Zimmer voll mit Nippes, Spielzeug und Kitsch – und vor allem mit Uhren. Obendrein leidet Ravel, der kleine Mann mit dem großen Kopf, unter seinem Wuchs. Auf den meisten Fotos ist kein Größenvergleich möglich: Entweder sitzt er, oder er steht als einziger oder lässt sich vor einem unspezifischen Hintergrund fotografieren. Beziehungen: Fehlanzeige. Außer zu seiner Mutter, fasst Ravel nur zu Kindern und Tieren Vertrauen. Täuscht die polierte Oberfläche seiner farbintensiven, oft schönheitstrunkenen Musik über Abgründe hinweg?

Platz 7: Gehilfe des Weltwesens


Martin Scherber (1907–1974). Der Nürnberger beansprucht für sich, wie er es nennt, "hinter die Wände" treten zu können, wo er von einer Hülle aus Musik umgeben ist. Auf den Partituren seiner drei Sinfonien steht nicht "von Martin Scherber", sondern "durch Martin Scherber". Er fühlt sich als Medium des Weltwesens, von dem er die Werke channelt. Sollte das Weltwesen identisch mit Anton Bruckner sein? Zumindest klingt es danach.

Platz 6: Heute schon gebetet?


Anton Bruckner (1824–1896). Apropos Bruckner. Wenn religiöse Besessenheit auf unstillbare Libido trifft: Der arme Teufel sehnt sich lebenslang vergebens nach einer glücklichen Beziehung mit einer Frau. Bis ins höhere Alter verliebt er sich in viel zu junge Frauen und fängt sich nur Körbe ein. Zum Gebets- kommt der Zähl-Wahn: Bruckner führt Buch darüber, welche Gebete er am Tag wie oft betet. Als das Ringtheater abbrennt, eilt er an den Ort der Katastrophe und begeistert sich an den Flammen. Mancher Kenner seines Oeuvres ist überzeugt, dass der Hahnenruf im Scherzo seiner Siebenten Symphonie eine Anspielung auf den Roten Hahn ist, das Feuer im Dachstuhl.

Platz 5: Missionarische Triebe


Richard Wagner (1813–1883). Das Ekelpaket non plus ultra. Zeitweise Anarchist in der Umgebung Bakunins, zeitweise der Musikschoßhund Ludwig II., des wahnsinnigen Bayern-Königs. Wagner hat missionarische Triebe. So predigt er vegetarische Ernährung, während er selbst sich Schäufele schmecken lässt. Dann fleht der geifernde Antisemit den jüdischen Dirigenten der "Parsifal"-Uraufführung, Hermann Levi, an, sich taufen zu lassen. Nur ein Wagnerianer kann solche Spinnereien mit der Genialität des Gesamtkunstwerkers entschuldigen.

Platz 4: Bunte Tauben


Lord Berners (1883-1950). Gerald Hugh Tyrwhitt-Wilson, 14. Baron Berners war ein Nachkomme des misserfolgreichen Königs Edward III. Als standesgemäßes Auto für solch einen komponierenden englischen Blaublüter kommt naturgemäß nur ein Rolls Royce mit eingebautem Clavichord in Frage. Ein anderes Modell in Miniaturausführung, zwar ohne Motor, aber ebenfalls mit einem Tasteninstrument ausgestattet, steht im Garten. Dort flattern bunte Tauben – ja, tatsächlich: Mylord färbt den Vögeln das Gefieder. Zeitweise lädt er ein Pferd zu sich ins Landhaus. Der Dandy lebt den Surrealismus à la Salvador Dalí. Seine Musik: frankophile Leichtigkeit. Francis Poulenc hat das besser gekonnt. Aber Lord Berners‘ Tauben waren bunter.

Platz 3: Der Mann vom Sirius


Karlheinz Stockhausen (1928– 2007). Unter dem Einfluss des neo-gnostischen Buchs "Urantia" erkennt der Bannerträger der deutschen Nachkriegs-Avantgarde, woher er in Wahrheit stammt: "Ich bin auf Sirius ausgebildet worden und will dort auch wieder hin, obwohl ich derzeit noch in Kürten bei Köln wohne. Auf Sirius ist es sehr geistig. Zwischen Konzeption und Realisation vergeht fast keine Zeit. Was man hier als Publikum kennt, passive Beisitzer, gibt es dort gar nicht. Da ist jeder kreativ." Er meint das im Ernst.

Platz 2: Peitschen fürs Museum


Percy Grainger (1882–1961). Jetzt endlich der Australier. Als Komponist – ein brillanter Kopf. Folkloristische Melodien und grelle Harmonien für bizarre Ensembles gesetzt. Jede der Miniaturen ein perfekt geschliffener Edelstein. Aber welch ein seltsamer Kerl war das: Ob die Beziehung zu seiner Mutter inzestuös war, ist umstritten; nicht aber, dass er sich von seiner Ehefrau auspeitschen lässt. Sein Traum ist Sado-Maso-Sex in der Öffentlichkeit. Er sammelt Gegenstände für ein Percy-Grainger-Museum: Peitschen, blutbefleckte Hemden, Fotos in aufreizenden Stellungen. Seine politischen Ansichten sind weniger freizügig: Er bekennt sich offen zu seinem Antisemitismus und versucht, alle Wörter nicht-angelsächsischen Ursprungs zu tilgen. Statt "molto crescendo" steht in seinen Partituren "louden lots". Die Überlegenheit des weißen angelsächsischen Mannes trägt Striemen auf dem Rücken.

Platz 1: Der Mörder in Panik


Don Carlo Gesualdo da Venosa (1566-1613). Dass seine Frau ihn hörnt, quittiert der süditalienische Fürst in der Nacht des 16. Oktober 1690 mit 53 Dolchstichen für sie, ihren Liebhaber und ihre Tochter, von der Gesualdo glaubt, sie sei einer außerehelichen Affäre entsprungen. Dass Gesualdo vorhatte, die Leichen auf der Treppe des Palastes verfaulen zu lassen, könnte ein Gerücht sein. Ehrenmorde unter Adeligen unterliegen nicht der Blutrache. Dennoch gerät Gesualdo in Panik. Er flieht in ein anderes seiner Schlösser und holzt, der Legende zufolge eigenhändig, den umgebenden Wald ab, um eventuellen Angreifern die Deckung zu nehmen. Die Rache bleibt aus. Gesualdo heiratet ein zweites Mal – wieder ist die Ehe unglücklich. Er balanciert am Rand des Wahnsinns. Übertritt er die Grenze? Seine dissonanzengespickten Madrigale voller Schmerz und Dekadenz sind einzigartig. Erst Richard Wagner erreicht im "Tristan" wieder eine ähnliche kühne Freiheit der Akkordverbindungen.
Lord Berners färbte seinen Tauben die Federn bunt. - © Wikimeda/National Portrait Gallery London
Lord Berners färbte seinen Tauben die Federn bunt. - © Wikimeda/National Portrait Gallery London

Stockhausens Spinnereien haben ihn zahlreiche Aufführungen gekostet. Manch Musiker, etwa der Dirigent Michael Gielen, wollte mit dem Abgesandten vom Sirius nichts mehr zu tun haben. Percy Grainger hingegen sichern die Narreteien einen Platz in der Musikgeschichte. Sollte diese am Ende gar selbst eine Spinnerin sein?