Im größten Teil des deutschsprachigen Feuilletons ist die Meldung untergegangen oder zur Randnotiz verkommen: Wissenschafter der Universität Zürich haben herausgefunden, dass die Syphilis bereits in Europa grassierte, ehe Columbus in die Neue Welt segelte, die er für das alte Indien hielt. Bisher war man ziemlich sicher, dass Columbus die Krankheit in Europa eingeschleppt hatte.

Wenn es mittlerweile dank der Antibiotika auch nur noch eine Marginalie ist: Der Freispruch für Columbus in dieser Sache passt nun einmal nicht in die Zeit. Columbus muss an allem schuld sein: An den Krankheiten, die er in der Neuen Welt eingeschleppt hat, und an denen in Europa, an der Ausbeutung der indigenen Bevölkerung, an der Sklaverei. Columbus-Denkmäler werden entfernt, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis man fordert, Columbus-Plätze und Columbus-Straßen umzubenennen, am besten in Che-Guevara-Plätze und Che-Guevara-Straßen. So ein bisserl Foltern von Homosexuellen kann man einem linken Idol schließlich leichter nachsehen als dem Genuesen das spätmittelalterliche Streben nach neuen Handelsbeziehungen.

Der Held ist gefallen: Das Columbus-Denkmal des Grant Park in Chicago wird abgebaut. - © apa/reuters/Kamil Krzaczynski
Der Held ist gefallen: Das Columbus-Denkmal des Grant Park in Chicago wird abgebaut. - © apa/reuters/Kamil Krzaczynski

Christoph Columbus: vom Helden zum Buhmann. Es geht schnell, wenn die Stimmung einmal gekippt ist.

Dennoch ist der nun aufgelöste Zusammenhang von Columbus und Syphilis ein Anlass, den ganzen Fall einmal unter anderen Blickwinkeln zu betrachten.

Auch den der Syphilis, wohlgemerkt. Denn dass die Meldung zur Marginalie schrumpfte, hat damit zu tun, dass die Syphilis heute, dank der Antibiotika, kein Thema mehr ist. Jahrhundertelang freilich ist sie eine große Gefahr. Zumindest im Frühstadium sieht man den Infizierten die Erkrankung nicht an. Möglicherweise wissen sie selbst nichts davon. Sie können zuhauf andere anstecken - fragt sich nur, wie viele Sexualkontakte sie haben. Eine Corona-Parallele zu ziehen, wäre oberflächlich aufgrund der anderen Übertragungswege. Eher wäre Aids ins Auge zu fassen - nur, dass man sich gegen eine Aids-Infektion schützen kann, während die Präservative der Zeit vor dem Gummi wirkungslos waren, sowohl bei der Verhütung von Schwangerschaften als auch bei der von Infektionen.

Jahrhunderte der Seuche

Syphilis konnte jeden treffen und Demenz und Tod verursachen. Syphilis-Erkrankte waren gekrönte Häupter wie Heinrich VIII., Katharina die Große, Philosophen wie Friedrich Nietzsche und Arthur Schopenhauer, Komponisten wie Franz Schubert und Hugo Wolf, Schriftsteller wie Oscar Wilde und Charles Baudelaire, Maler wie Francisco de Goya und Paul Gauguin. Auch der musikalische Regent des Corona-Jahrs, Ludwig van Beethoven, hat unter Syphilis gelitten. Von den tausenden und abertausenden heute Namenlosen ganz zu schweigen. Wer es sich leisten kann, lässt sich mit Quecksilber behandeln - und schädigt auf anderer Ebene seine Gesundheit mit dem giftigen Element.

Angesichts dessen ist es durchaus von Belang, wenn sich herausstellt, dass Columbus als der jahrhundertelang Beschuldigte nun als Verursacher der Syphilis-Katastrophe wohl ausscheidet. Das bedeutet keineswegs den Freispruch dafür, dass er die Grippe in die Neue Welt brachte. Das Virus kam mit dem Schiff.

Dennoch tut ein Perspektivwechsel Not. Aus heutigem Kenntnisstand zurückzuschauen und die Unternehmungen früherer Zeiten zu betrachten, ist legitim. Anders steht es um die Urteilssprüche, die man heute gerne und zwangsläufig ohne Anhören der anderen Seite fällt.

Bis tief ins 19. Jahrhundert etwa war die Medizin in Europa nicht weit über den Kenntnisstand der Antike hinausgekommen, im Gegenteil: Allein in Fragen der Hygiene waren Griechen und Römer den Europäern späterer Zeiten weit überlegen. Man kann davon ausgehen, dass Columbus keine Ahnung hatte, welche tödliche Fracht er in Form von Viren und Bakterien mit sich führte. Wobei nicht nur seine Besatzungsmitglieder die Träger waren, sondern auch die unvermeidlichen Schiffsratten.

Columbus als Kurtz

Auch das Unternehmen der Atlantiküberquerung an sich ist kein Grund für einen Schuldspruch. Columbus sei getrieben gewesen von Gier, lautet die Anklage: Das stimmt zwar. Aber Gier ist der Motor sämtlicher Wirtschaftssysteme, seit zum ersten Mal eine Mammutkeule gegen drei Feuersteine getauscht wurde. Nicht um die Ausbeutung von Völkern ging es Columbus auf seiner ersten Reise, sondern um einen kürzeren Seeweg nach Indien, dem Land der Gewürze. Die waren die Luxushandelsware der Zeit. Dass, quasi nebenbei, ganze Länder in Besitz genommen wurden durch das Aufpflanzen der Nationalflagge - ein Zug der Zeit. Darf man von einem Seefahrer erwarten, dass er über Völkerrechte grübelt, die erst mehr als 400 Jahre später festgeschrieben werden?

Dennoch: kein Freispruch für Columbus. Denn wie er sich als Gouverneur gebärdet, ist auch nach den Moralvorstellungen seiner Zeit jenseits von Gut und Böse. So erfolgt die Versklavung der einheimischen Taíno gegen den Wunsch von König Ferdinand, der eine Behandlung auf Augenhöhe wünschte. Weil der König so gütig war? - Weil der König wusste, dass man über längere Zeit nur auf Augenhöhe gute Geschäfte machen kann. Columbus indessen führte sich auf wie der Stationsleiter Kurtz in Joseph Conrads Erzählung "Herz der Finsternis". Gut möglich, dass dem Polen der Genuese als Vorbild für kolonialistischen Irrsinn gedient hat.

Die Folgen der Reisen

Ob freilich Columbus die Folgen seiner Reisen anzulasten sind, darf einmal hinterfragt werden. Die Raubzüge der Conquistadoren - geschenkt. Und selbst da ist es notwendig, durch die Brille zu sehen, durch die Hernán Cortés die Menschenopfer der Azteken sah: Lebenden Menschen wurden die Herzen aus der Brust geschnitten, die Azteken-Priester wateten in Strömen von Blut. Indigene Völker flehten den Spanier an, sie vor den Azteken zu beschützen. Gedankenexperiment: Wie würde sich der Westen heute in solch einem Fall verhalten? Müsste das Argument, man könne nicht weiter beim Abschlachten zuschauen, nicht auch für Cortés gelten?

Wenn man schon Parallelen zieht: Migration aus Gründen von Hunger, Verelendung und Verfolgung ist keine Erfindung der letzten Jahre. Die Pilgerväter - Migranten auf Booten. Es entspringt der europäischen Selbstgeißelung, die eine Migration zu verdammen, die andere für berechtigt zu erklären. Wäre es nicht an der Zeit, eine Aufarbeitung anderer Art zu betreiben im Versuch, aus der jeweiligen Zeit heraus die Urteile zu fällen? Nicht, um Abenteurer und skrupellos Glücksritter zu entschuldigen, sondern um zu erkennen, welche Fehler zu vermeiden sind und wie ein für alle vorteilhaftes Zusammenleben möglich ist. Selbstgeißelungen sind da in der Regel kein geeigneter Ansatz.

Vor allem aber muss man sich die Frage stellen, ob Erweiterungen des Horizonts nicht (fast) immer mit Leid unterschiedlicher Art verbunden sind. Auf der einen Seite die Medikamente - auf der anderen die allergischen Reaktionen der Testpersonen. Auf der einen Seite die Eroberung des Weltraums - auf der anderen die Zwangsarbeiter Wernher von Brauns. Auf der einen Seite der Flug ins Ferienparadies Seychellen - auf der anderen die toten Testpiloten. Und, ja, auf der einen Seite die Erdäpfel (übrigens ist heute Erdäpfel-Tag, aber das nur am Rand) - und auf der anderen eben die Reise des Christoph Columbus.

Wer fordert, dessen Statuen zu stürzen, sollte nicht Pommes bei McDonalds essen.