Ruheständig, die Haut von der Sonne ledrig gesengt, dermatologisch unbedenkliche Freifläche nur da, wo das Goldketterl der Sonne trotzt, trimmen sie penibel die Thujenhecke und spechteln argwöhnisch zum Nachbarn hinüber - so oder so ähnlich stellt man sie gerne dar, die Kleingärtner. Dabei ist dieses Bild so überheblich, wie es verzerrt ist. Besonders, seit die Jungen die Kleingärten wieder für sich entdecken.

Drei bis vier Paar helfende Hände waren nötig, um die Thujenhecke in Veronikas Kleingarten am Predigtstuhl herauszureißen. Jetzt kämpft sich an ihrer Stelle eine kleine Kiwi-Pflanze in die Höhe. Kiwis wären nämlich ein vergleichbar guter Sichtschutz, und dazu auch noch ökologisch um einiges sinnvoller. Den Garten hat die 26-Jährige im vergangenen Jahr von ihrer verstorbenen Großmutter geerbt.

Kleingärten können nämlich, auch wenn sie nur gepachtet sind, an direkte Verwandte weitergegeben werden. Das ist zwar schön für die Angehörigen, trägt aber nicht unbedingt zu starker Fluktuation in den Siedlungen bei. Höchstens eine Handvoll Grundstücke werden im Jahr frei. Dabei ist der Ansturm enorm, vor allem bei den Jungen. "Wenn wir morgen 5000 Kleingärten zum Verpachten bekommen würden, wären die übermorgen weg", sagt Helmut Bayer, Obmann des Landesverbandes der Kleingärtner Wien und des Kleingartenvereins Gaswerk in Simmering. "Wir haben in den Vereinen überall Aufnahme- und Anmeldesperren." Die Wartelisten sind endlos, gerade seit der Corona-Shutdown schmerzlich vor Augen geführt hat, wie wertvoll ein eigenes Stückchen Grün in der Stadt ist.

Selbermachen ist angesagt

Veronika ist Grafikerin und Julian Pilot. Zusammen bewohnen sie eine Wohnung im zweiten Bezirk, der Garten ist ihr nötiger Ausgleich zum Urbanen. Der ist nicht weit weg und die Pacht dafür fällt finanziell kaum ins Gewicht. Um ganzjährig hier zu wohnen, müssten sie etwas mehr zahlen, und dafür fehlt ihnen dann doch der Platz. Das renovierungsbedürftige Haus der Großmutter haben sie eigenhändig abgerissen und bauen stattdessen ein Tiny House. Natürlich sind theoretisch die meisten Häuser im Kleingarten tiny. Aber zu einem waschechten Tiny House gehört noch ein bisschen mehr - oder weniger. Veronika und Julian wollen so wenig Fläche wie möglich so effizient und nachhaltig wie möglich verbauen und einrichten. Momentan ist noch Baustelle. Vor dem Winter soll das neue Fundament gelegt werden. Was geht, machen sie selbst und mit der Hilfe von Freunden.

Das Selbermachen hat auch Lawerence (27) gepackt, seit er zusammen mit Jana (26) ein Haus in einem Kleingarten direkt am Praterwald bewohnt, das ein wenig an ein Ferienhäuschen einer Märchenhexe erinnert. Gleich beim Eingang des Gartens steht ein geflickter, aufblasbarer Second-Hand-Pool, alles wuchert vor sich hin. Der untere Bereich des Hauses besteht überwiegend aus Küche und Bad, der obere ist dank Futon Wohn- und Schlafplatz zugleich. In einem kleinen Raum daneben hat Lawrence ein provisorisches Tonstudio eingerichtet, die überdachte Mini-Terrasse würde er gern zur Tanzfläche umfunktionieren und der Schuppen sollte eigentlich ein Atelier werden. Lawrence und Jana sind Kunstschaffende vieler Sparten.

Der eigentliche Besitzer hat den Grund gekauft, die beiden wohnen hier zur Untermiete. "Ich habe das Haus auf Willhaben gefunden", erzählt Jana. "Die Anzeige war nur einen Nachmittag lang online." Sie haben ohnehin immer wieder mit dem Gedanken gespielt, ins Grüne zu ziehen, und die Miete kommt ihnen hier ungefähr gleich teuer wie, wenn nicht sogar günstiger als ein WG-Zimmer.

Seit vergangenem Herbst wohnen sie also hier. Ganzjährig, theoretisch. Weil man aber nicht mit Feststoffen heizen darf und die elektronische Variante zu teuer war, sind sie über den Winter in ein kleines Zimmer mit WC am Gang und ohne Wasserleitung und später in eine leer stehende Wohnung einer Freundin gezogen. Das alles war es ihnen wert, um ihre kleine, leicht marode Oase erhalten zu können. Was diesen Winter sein wird, lassen sie noch auf sich zukommen. "Hier gibt es kaum Straßenbeleuchtung", sagt Lawrence. "Es wird also stockdunkel. Da braucht man eine Taschenlampe, um raus und rein zu kommen."

Ursprünglich waren die Kleingärten ja auch nicht auf ganzjährige Nutzung angelegt. Erst eine Gesetzesnovelle machte das 1992 in Wien möglich, ein Jahr später folgte die Möglichkeit, Kleingartenparzellen als Eigentum zu erwerben. Das sehen die Vereine allerdings nicht gerne, weil mit dem Kauf eines Kleingartens keine Vereinsmitgliedschaft einhergehen muss. Dass sie sich nicht ausreichend am Vereinsleben beteiligen, unterstellt man auch den Jungen gerne. Allerdings komme das immer auch auf den Verein an, meint Bayer. "Ich höre von genug Blödheiten, mit denen man die Leute sekkiert. Ich predige den Obmännern oft: Wir sind keine Oberlehrer."

Kleine Regeln der Gemeinschaft

Mit Oberlehrern und übertriebener Vereinsmeierei gab es bisher aber weder am Predigtstuhl noch im Prater Probleme, auch wenn beide Gärten nicht unbedingt dem entsprechen, was unter Kleingärtnern als normschön gilt. Nur einmal klopfte Lawrence plötzlich der Vereinsobmann auf die Schulter, weil er just während der berühmten Mittagspause Holz sägte - mitten im Garten, laut, in Unterwäsche.

Bekleidungsvorschriften sind in den Statuten nicht enthalten, dafür aber genaue Ruhezeiten: "Es gibt ein paar Regeln, und eigentlich will ich intuitiv immer das Gegenteil davon machen. Aber daran muss man sich eben halten, wenn man so ein Häuschen hat. Geht ja auch ums Gemeinschaftsgefühl", sagt Lawrence.

Besonders seit der Corona-Krise bauen sowohl Veronika und Julian als auch Lawrence und Jana verstärkt Gemüse an, um sich zumindest ein Stück weit selbst zu versorgen, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Im Praterkleingarten steht etwa ein aus Paletten selbst gezimmertes Hochbeet mit Kürbissen und Physalis, am Predigtstuhl freut man sich einstweilen über die ersten eigenen Zucchini und sammelt die Horde an Fallobst ein, die ein übervoller Apfelbaum auf dem Dach des Nachbarhauses abgelegt hat.

Äpfel für Schönbrunn

Die Nachbarn links und rechts sind praktisch nie da. Also kümmern sich Veronika und Julian um deren Obstbäume, kochen Unmengen an Marmelade ein, dörren, trocknen und verschenken. Die Nachbarsäpfel werden sie diesmal dem Tiergarten Schönbrunn bringen, dort freuen sich die Elefanten.

Was heute immer stärker zum Trend wird, war früher überhaupt erst Grund für den Aufschwung der Kleingartenbewegung. Während des Ersten Weltkriegs legte die hungernde Bevölkerung auf eigene Faust sogenannte Kriegsgemüsegärten an. In den Anfangsjahren dienten die Kleingärten zu allererst der Selbstversorgung der ärmeren Bevölkerungsschichten, sei es mit Nutzpflanzen oder durch Kleintierhaltung. Das wurde sogar in der ersten Kleingartenordnung von 1920 schriftlich festgehalten. Heute ist in den meisten Vereinsstatuten nur mehr vage von "kleingärtnerischer Nutzung" die Rede - und auch die soziale Zusammensetzung der Mitglieder hat sich längst verändert. Doch so vielfältig die Gärten und ihre Bewohner heute aussehen, als Kind des Elends ist der Kleingarten wohl vor allem eines: krisensicher.