Kurzbesuch in Berlin. Was macht das Virus mit einer Stadt, die wie kaum eine andere für ihre Szene und ihr Nachtleben bekannt ist? Und wie sehen die Berliner die neuen Zeiten? Sechs Begegnungen.

Berlin ist eine Stadt der Möglichkeiten, der Verheißungen; eine Stadt ohne Vorsehung, in der alle Menschen, die 15 Minuten Ruhm wollen, ihre 15 Minuten Ruhm bekommen. Danach bleibt nur die Flucht oder der Absturz.

Berlin, das war schon unter Wilhelm Zwei die freieste Metropole im deutschsprachigen Raum, freier als Wien, das nur frei schien, weil die Geheimpolizei des Kaisers schlampig arbeitete und sowohl Salten als auch Schiele übersah – bis sie ein Kabel aus Berlin auf den Tisch geknallt bekam.

Berlin wuchs nach den Kriegen, und nach dem Zusammenbruch der Diktatur "Realer Sozialismus", also immer nach dem Ende einer deutschen Nation. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Berlin das erste Mal aufgrund Reparationszahlungen von seiner Industrie befreit und entdeckte statt den Lokwerkstätten und den Kanonenschmieden das Amüsement, entdeckte Kabarett, Twist, Schampus und Koks, eine Melange, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Westteil Berlins ein neues Mal die Identität bestimmte.

Diese Stadt lebt die Nacht mehr noch als London und Paris. Und dieses Nachtleben macht Berlin - ewig Subventions- und Ausgleichszahlungsempfänger - ein bisschen reicher. Dass Berlin je ohne Geld vom Bund auskommen kann, egal, wie diese Zahlungen auch heißen mögen, das erwartet längst kein deutscher Politiker mehr.

Das Virus jedoch macht dem Nachtleben den Garaus. Fast alle Clubs haben seither geschlossen, wenige versuchen eine Art Notbetrieb mit geringerer Gästezahl. Monat für Monat wird deutlicher klar, dass das Berlin der letzten zwanzig Jahre, das Berlin der Techno-Clubs und Deep-House-Buden, ein weiteres, vergangenes Berlin sein wird. Doch was kommt danach? Was wird aus jenem Berlin, in dem jeder sein Berlin nach seiner Facon leben konnte?

Wir haben sechs Menschen gefragt, die ihre eigene Berlin-Story erzählen können. Und zur Zukunft Auskunft geben.

Eins: Kreuzberg, Samstag Nachmittag

Stefan ist Musikproduzent. Er kommt wie viele Bewohner des Bezirks nicht aus Berlin, zog in den Achtzigerjahren in die Frontstadt der Ideologien, um der Bundeswehr zu entgehen. Als es 1986 kein Geld zu verdienen gab, vertickte Stefan, der darin bislang unbedarfte Junge aus einem Dorf am Rhein, Gift – Pillen und Koks. 1988 wurde er auf einem Parkplatz an der Stadtautobahn Avus erwischt und wanderte zwei Jahre in den Bau nach Moabit. Als die Mauer fiel, durften alle Häftlinge die Sondersendungen bis in die Nacht hinein mitverfolgen.

Stefan ist 62 und lebt seit 36 Jahren in Kreuzberg. Nach dem Dealen begann er Musikgruppen zu coachen, meist Rapper mit Migrationshintergrund. Stefan sitzt auf einer schmalen Gehweg-Bank einer Weinbar im nach der Bergmannsstrasse benannten Bergmannsviertel, nahe des stillgelegten Nazibau-Flughafens Tempelhof.

Kindheit und Jugend am Rhein sind Stefan heute ferner als der Mars; Stefan begreift sich als Berliner, als jemand, der das Lebensgefühl der Stadt, die jeden Ankömmling sein persönliches Berlin konstruieren lässt, verteidigen muss. Er ist Teil einer Personengruppe, die hier, in Kreuzberg, mehrere zehntausend Menschen zählt - alle die, die knapp nach Dutschke und gefühlt Jahrzehnte vor der Wiedervereinigung kamen.

Stefan mag das Virus, das Virus hat seine Sympathie, weil es ihm sein altes Kreuzberg zurückbringt, durch das keine Touristenhorden geschleust werden "Von mir aus können die für immer wegbleiben", sagt Stefan und köpft eine zweite Flasche pfälzischen Roséweins.

Kreuzberg ist an diesem Nachmittag mitnichten leer. In der angesagten "Markthalle-9" drängen sich die ansässigen Hipster – manche provokativ ohne Maske und ohne Abstand zu halten. Diese Klientel geht Stefan auch "sowas auf den Sack", doch sind sie ihm lieber als das "Pack aus Skandinavien und England", das Kreuzberg jede Woche von Donnerstag bis Sonntag überflutete und hier um vier Uhr früh noch Remmidemmi machte, sodass die Einwohner an Schlaf nicht denken konnten.

Wie ist das Lebensgefühl ohne diese Leute? "Wie früher", sagt Stefan, "wie damals im alten West-Berlin", wo es auch geile Clubs, wie etwa den Dschungel, gab, und geile Kneipen auch. Damals, so sagt Stefan, kamen die Menschen aus anderen, aus ernsthafteren Gründen, nach Berlin. "Dieses oberflächliche Gesindel, das die Clubszene in die Stadt brachte, hat das alles kaputt gemacht".Hat er noch einen Wunsch an die Geschichte? "Ja, wünscht sich Stefan, "sie könnten auch die Mauer wieder hochziehen."

Zwei: Schöneberg, Sonntag früh

Thomas, 59 Jahre alt, hat Frühstück geholt: Schrippen, Marmelade, zwei Croissants und Kaffee im Becher. Er sitzt in seiner Küche in der Winterfeldstrasse. Hier hat er 1981 eine Wohnung besetzt, wurde aus dem Haus rausgeprügelt, hat am nächsten Tag zehn Meter weiter, in einem anderen besetzten Haus, ein neue Bleibe gefunden. 1983 gelang es ihm in "seiner Strasse", eine keine Wohnung zu besetzen, die so klein war, dass kein Mitbewohner sie mit ihm teilen wollte. Nach dem Befrieden der Aufsässigen, 1986, drückte man Thomas einen Mietvertrag in die Hand. Er sagt: "Hätten wir damals Stadt und Bund nicht derart herausgefordert, würden Schöneberg und Kreuzberg heute so aussehen wie der Wedding" - dort, wo man die alten Häuser abgerissen und durch gesichtslose Neubauten ersetzt hat.

Auch Thomas ist Teil des alten West-Berlins. Nach dem Studium wurde er Lehrer für Deutsch und Geschichte, sechs Jahre fehlen noch bis zur Rente. Thomas sagt, die Stadt habe sich nicht groß verändert seit das Virus ausbrach. Was er registriert ist, "dass die alten Kader nun wieder Freitag und Samstag auf der Straße sind", sich die Bezirke zurückholen. Englisch sei ganz plötzlich nicht mehr die Umgangssprache in den Bars und Kneipen hier. Das gefällt Thomas, der aber bittet, ihn nicht als deutschtümelnden Spießer zu sehen, denn Berlin war nie Deutschland und wird nie Deutschland werden. Jedenfalls nicht, so lange er lebt.

Drei: Prenzlauer Berg, Donnerstag Mittag

Frank ist Szenewirt in jenem Berliner Stadtteil, der seit der Jahrhundertwende als Vorzeigebezirk des neuen Nachwende-Berlins gilt. Er war da, als es hier noch Clubs wie das Knaack und den Magnet gab, die abwandern mussten, als eine süddeutsche Klientel zuzog, die zwar im wilden Berlin leben wollte, die aber bei jeder Wildheit vor ihrer Haustür das Ordnungsamt oder die Polizei riefen. Frank sagt: "Ich muss mit diesen Leuten leben, weil sie auch meine Kunden sind", weil sie sein vegan orientiertes Café besuchen und gut Geld lassen.

Frank ist 44 und kommt aus Hohenschönhausen, einem nicht ganz so schönen Berliner Bezirk, der an Prenzlauer-Berg anschließt. Frank hat Sorge, dass er sein Café bald schließen muss. "Vierzig Prozent meiner Gäste waren Touristen", die aufgrund guter Tripadvisor-Bewertungen bei ihm aufschlugen. "Die sind mal weg und ich habe keine Ahnung, ob die je wiederkommen."

Und auch die alten, neuen Stammgäste, die hier Zugezogenen, machen sich rar. "Die Laune rauszugehen ist vorbei" sagt Frank. Zwar hat er Geld von der Stadt bekommen, doch sieht er wenig Perspektive. "Die im Westen haben ein paar Jahre mehr Ausgehkultur", meint Frank, der aber sofort erwähnt, dass es auch im DDR-Berlin eine lebendige Kneipenszene am Prenzlauer-Berg gab, die, von der Stasi beobachtet, nächtelang durchfeierte. Wo sind diese Leute hin? "Keine Ahnung", antwortet Frank, "es ist so als wären die alle in ein anderes Land gezogen."

Vier: Friedrichshain, Dienstag Nacht.

Lutz, 41 Jahre alt und Kind Berliner Eltern, ist Sprecher der so genannten "Clubkommission", einer Organisation, die Bindeglied zwischen Senat und Clubbetreibern sein will und seit ein paar Jahren erfolgreich dort vermittelt, wo es hakt. Lutz teil die Clubbesucher - vor allem die Club-Touristen, die gerade nichts zu besuchen haben - in vier Personenschaften ein. Erstens die Leute, die ausschließlich wegen der Musik kommen. Zweitens die Hipster, die das Besondere suchen. Drittens die Easy-Jet-Bande, der DJ und Musik meistens gleichgültig ist und die die größte Problemgruppe darstellt, weil das Über-die-Stränge-Schlagen ihr Vorsatz ist. Und viertens diejenigen, die nach einem schicken Essen noch schick in einen Club gehen wollen, wo das Ambiente stimmt.

Lutz vertritt eine Wirtschaftsmacht, die Berlin Jahr für Jahr zweistellige Millionenzahlen ins Budget spült. Das ist viel in einer Stadt, die nur mehr wenig Industrie kennt und kein stark bevölkertes Umland wie Stuttgart oder Frankfurt ihr Eigen nennt. Lutz sagt, dass Stadt und Bund schnell mit Beihilfen, je nach Größe und Mitarbeiterzahl des Betriebs, von 25- bis 150000 Euro zugange waren und die Kurzarbeit die Leute noch in den Betrieben hält. Doch lange kann das, trotz neu aufgelegter Förderungen, nicht mehr gehen, denn das wichtige und im Metier erfahrene Personal beginne nun, nach fünf Monaten, nach und nach andere Stellen zu suchen. Diese Leute sind dann schwer zurückzuholen.

"Es gibt viel Solidarität" sagt Lutz, "die Clubs haben durch Spenden und mit Crowdfunding rund 1,5 Millionen Euro erhalten. Da ist also eine Szene, die uns nicht hängen lässt."

Was wünscht sich Lutz, wenn die Clubs wieder öffnen dürfen? "Vielleicht mehr Ernsthaftigkeit", antwortet Lutz, der diese jetzt schon debattiert sehen will. "Wir reden auch über politische Statements. Wir reden über die oft immensen DJ-Honorare, die schon vor dem Virus als unangemessen empfunden wurden. Wir reden über das Einfliegen weiblicher und männlicher DJ's, weil wir auch klimapolitisch Statements setzen wollen." Aber alle ahnen: So wie Berlin zwischen 2000 und 2020 war, was es da wurde, das wird nicht wieder.

Fünf: Reinickendorf, Mittwoch Vormittag

Gerhard ist Ende Vierzig und Unternehmer im IT-Bereich. Da ist er in Berlin gut aufgehoben, jedoch macht der gebürtige Wiener immer noch mehr Umsatz mit seiner Wiener Zweigstelle. Warum dann Berlin? "Weil es mir gut tut", sagt Gerhard.

Fühlt er sich als Migrant nicht jener Gruppe Einwanderer zugehörig, die dem alten, freien, maß- und haltlosen Berlin ein neues Korsett schnüren wollen, ein Korsett der Bürgerlichkeit? Gerhard überlegt lange und sagt: "Ich wohne in einer Gegend frei von Szene und Remmidemmi. Aber stimmt, die einzig schädliche Migration hier, in Berlin, sind jene Menschen, die sich am Görlitzer Park um drei Millionen eine Dachgeschosswohnung aus dem Erbschafts-Vorgriff des württembergischen Schwiegervaters kaufen, der dort eine Großfleischerei betreibt."

Für die Stadt sieht der Unternehmer wirtschaftlich düstere Zeiten anbrechen, er ahnt, dass mit dem Tod des Nachtlebens, das sich seiner Meinung nach nie wieder so einstellen wird, auch der Tod ganzer Szenen einhergeht, die sich genau wegen des Nachtleben-Flairs in Berlin ansiedelten. "Besonders für die Start-Ups wird es schwierig werden", sagt Gerhard, "denn die Menschen, die nach Berlin kommen und hier ihr Projekt machen wollen, ob es nun gelingt oder nicht, werden mit anderen Verhältnissen, mit weniger Geld und weniger Geduld auskommen müssen. Jetzt kommen die Monate geplatzter Träume in einer Stadt, die Träumer aus allen Herren Ländern anzieht."

Sechs: Kreuzkölln, Montag Abend

Kitty kommt aus Stuttgart und lebt seit sechsundzwanzig Jahren in Berlin. "Das Aufschlagen war damals wie jene Freiheit zu entdecken, die man ahnte, aber nicht kannte", sagt Kitty. Nach ein paar Jahren Gastronomie begann das Kind serbischer Eltern in Clubs aufzulegen, damals, als weibliche DJ's die Männerdomäne mit eigenen, nicht als weiblich festzumachenden Sets aufzumischen begannen.

Wie wird sich Berlin in und nach dieser Pandemie entwickeln? Und was bedeutet das für sie? Kitty sagt, dass sie am Beginn der Krise, als im März alle Clubs zusperrten, zuerst mal das Positive der Stadt und der Leute hier inhalieren durfte, die Solidarität der Schicksalsgemeinschaft, in der man das Wenige zu teilen begann und einem baldigen Aufsperren entgegenfieberte, einer Welt, so als wäre nichts gewesen.

Doch diese Welt kam nicht. Und wird wohl nicht mehr kommen. Das gesteht sich Kitty resignativ ein. Sie sagt: "Jetzt ziehen sich viel mehr Leute in ihre Zweierkiste zurück, wenn sie eine haben, und leben ihr Biedermeier. Und einige Clubbetreiber definieren bereits, was morgen Sache sein soll, also höhere Eintrittsgelder und Mindestkonsum" - Maßnahmen, die bisher undenkbar schienen. "Es wird jetzt alles tougher hier", ergänzt Kitty, "das Pflaster wird härter, ähnlich wie in London oder Paris, alles kriegt geregelte Bahnen."

Ihre Zukunft sieht Kitty pragmatisch. "Dass das nun so kommt, wie es kommt, war seit Monaten absehbar. Covid hat diese Entwicklung nur beschleunigt", sagt Kitty und schließt das Gespräch mit den Worten: "Meine Zukunft in Berlin steht in den Sternen."

Nicht nur ihre.