Ein wichtiges Buch! Umso wichtiger in Zeiten, da "Lügenpresse" gegrölt oder "Lückenpresse" gehöhnt wird - wobei sich nur der Aufhänger gewandelt hat. Waren es eben noch muslimische Migranten, ist es jetzt der Mund-Nasen-Schutz.

Michael Haller und Walter Hömberg als Herausgeber und Mitverfasser erzählen die Geschichte des Journalismus, beginnend im 17. Jahrhundert, überwiegend in Porträts von Journalisten.

Von Journalisten freilich, von denen einige Autoren der Weltliteratur sind: Daniel Defoe etwa oder Alexander Puschkin oder Emile Zola. Bei einigen hat man über ihren Gedichten und Romanen sogar längst vergessen, dass sie auch Journalisten waren. Georg Büchner, berühmt für "Dantons Tod", "Woyzeck" und "Lenz", wollte mit seinem "Hessischen Landboten" eine Revolution zugunsten der Bauern und Handwerker anfachen. Joseph Roth, der in Romanen wie "Radetzkymarsch" und "Die Kapuzinergruft" das Ende der österreichischen Monarchie und dessen Folgen beschrieb, verfasste ebenso Feuilletons. "Hat Ihnen ein Verschmockter eingeredet, die ,Zeitung‘ wäre eines Dichters unwürdig?", fragte Roth, der überzeugt war, ein Zeitungsartikel könne Literatur sein.

Journalisten leben gefährlich

Dass Daniel Defoe nicht nur den wahrscheinlich heute noch am meisten gelesenen Roman der Barock-Zeit, nämlich "Robinson Crusoe", verfasst hat, sondern auch Journalist war, ist im laufenden Jahr wieder ins Bewusstsein gedrungen: Seine Beschreibung der Pestepidemie in London war einer der Corona-Bestseller.

Emile Zolas Eintreten für den fälschlich der Spionage bezichtigten jüdischen Artilleriehauptmann Alfred Dreyfus wiederum ist durch Filme, jüngst etwa "Intrige" von Roman Polanski, bekannt. Zolas Titel "J’accuse" ist zum geflügelten Wort geworden: Selbst der französischen Sprache Unkundige verwenden es, wenn sie in gerechter Empörung ungerechte Vorgänge anprangern.

Gefährliches 20. Jahrhundert: Carl von Ossietzky wird von den Nationalsozialisten wegen seiner unangenehmen Artikel zu Tode gebracht. Aber auch nach 1945 ist die Pressefreiheit auch in Deutschland nicht immer selbstverständlich: Der "Spiegel" und der Nordwestdeutsche Rundfunk geraten unter Beschuss. Den US-Amerikaner Don Bolles kosten seine Recherchen über das organisierte Verbrechen sogar das Leben.

Aber es gibt auch Triumphe: Bob Woodward und Carl Bernstein lassen sogar den US-Präsident Nixon in die Abdankung stolpern, und der österreichische Star-Journalist Alfred Worm deckt den AKH-Skandal auf, zwar mit einem Trick an der Grenze zur Legalität, aber inhaltlich völlig korrekt.

Natürlich könnte man sich auf Mängel-Suche begeben und wichtige Journalistinnen und Journalisten finden, deren Biografien das Buch ausspart. Doch den Autoren und Herausgebern ist es nicht um ein Namedropping gegangen, sondern darum, die jahrhundertelange Wechselwirkung von Demokratie und Journalismus anhand von Beispielen zu zeigen. Womit sich das Buch selbst zu einem Beispiel für guten Journalismus adelt.