Erst Jahrzehnte lang nahezu nichts. Und jetzt sind fünf Gesamteinspielungen der vier Sinfonien im Handel. - Die Flaute ist leichter erklärt als der jetzige Erfolg: Der Österreicher Franz Schmidt (1874-1939) war bekennender Nationalsozialist. Ganz geheuer war er den Nationalsozialisten dennoch nicht, er galt aufgrund seiner Orgelmusik und seines Oratoriums "Das Buch mit sieben Siegeln" als "katholischer Künstler". Um die braunen Machthaber seiner Gesinnung zu versichern, komponierte er "Die deutsche Auferstehung". Wer einen Blick in den Klavierauszug werfen konnte, weiß, dass Schmidt ein Überzeugungskomponist war - wie beim Katholizismus, so beim Nationalsozialismus.

Franz Schmidt komponierte vier Sinfonien in einer schwerblütig nachromantischen Sprache. - © wikimedia/Hermann Clemens Kosel
Franz Schmidt komponierte vier Sinfonien in einer schwerblütig nachromantischen Sprache. - © wikimedia/Hermann Clemens Kosel

Schmidt war Cellist der Wiener Philharmoniker gewesen. Während er nach 1945 für die meisten Musiker und Orchester tabu war, hielten die Philharmoniker zu ihrem ehemaligen Kollegen und setzten seine Zweite und Vierte Sinfonie hie und da aufs Programm. Zubin Mehta spielte mit dem Orchester die bis heute beste Aufnahme der Vierten Sinfonie ein. Auch "Das Buch mit sieben Siegeln" stand in Österreich hin und wieder auf dem Spielplan.

Franz Schmidt Die vier Sinfonien (DG)
Franz Schmidt Die vier Sinfonien (DG)

Schmidt ist ein Komponist mit einer Gemeinde. Seine Anhänger setzen einerseits alles daran, seine NS-Verstrickungen kleinzureden, andererseits, ihn zum letzten Meister und Vollender der österreichischen Sinfonie hochzustilisieren, was, angesichts des Qualitätsgefälles etwa zu Gustav Mahler, fruchtlos bleiben muss.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Mit zunehmender zeitlicher Entfernung zum Nationalsozialismus nahmen sich dann immer mehr Dirigenten der vier Sinfonien an. Sie stehen in einer nachromantisch weitergeführten Johannes-Brahms-Tradition, angereichert um Pseudo-Hungarizismen. Das Schwelgen ist etwas uferlos und manch Holzbläsersatz wirkt wie eine instrumentierte Orgelimprovisation, aber Teile der Zweiten und die gesamte Vierte Sinfonie erheben sich zu wirklicher Größe.

Dennoch ist die Flut von Einspielungen ein Rätsel: Die Sinfonien sind weder klanglich sonderlich spektakulär, noch bieten sie Möglichkeiten grundlegend unterschiedlicher interpretatorischer Ansätze. Im Prinzip genügt es, den Klangstrom fließen zu lassen, ohne sich in seinen Fluten zu verlieren. Ludovit Rajter, Vassily Sinaisky und Fabio Luisi haben die vier Sinfonien werkgerecht eingespielt. Als maßstabsetzend galt die Aufnahme von Neeme Järvi. Nun hat sein Sohn Paavo Järvi die Sinfonien mit dem Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt aufgenommen.

Der Sohn in den Fußspuren des Vaters? - Die Tempi sind ähnlich, bei Paavo Järvi unmerklich langsamer. Es ist der Zugang, der Vater und Sohn unterscheidet. Neeme Järvi malte mit breitem Pinsel und schwelgte in Schmidts Klangfluten. Paavo Järvi versucht, schärfer zu konturieren. Der Klang ist schlanker, die Dynamik feiner abgestuft. Neeme Järvi ordnete die Details dem Gesamtbild unter, Paavo Järvi nützt sie, um Ecken und Kanten hörbar zu machen. Der hellere, schlankere Klang kommt vor allem der heillos überinstrumentierten Zweiten Sinfonie und der kontrapunktisch engmaschigen Vierten Sinfonie zugute. Er erfrischt auch das romantische Auftrumpfen der Ersten, kann aber die mäandernde Dritte nicht retten.

Mögen Schmidts Werke auch keine Vollendung der österreichischen Sinfonik sein: Ein Kennenlernen steht dafür, wenn man nachromantischen Schwelgereien etwas abgewinnen kann. Um Paavo Järvis Einspielung wird man dabei nicht herumkommen.