Altersweise oder ausgelaugt - das ist die Frage; routiniert oder frei von allen Rücksichten? Alterswerken haftet ein Mythos an, und zwar in allen Richtungen. Manche sind freilich auch frisch wie eh und je.

Und bisweilen sind sie gar ein schieres Wunder.

Friederike Mayröcker also hat ein neues Buch herausgebracht: "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete". Poetische Prosa - wie Mayröckers Prosa schon immer der Lyrik näher gestanden ist als der Erzählung. Die Mayröcker ist die reinste Dichterin seit - kurzes Zögern, es kommen nur die großen Namen der visionären Sprachmagier in den Sinn: die Sappho, Else Lasker-Schüler, Kathleen Raine, Giuseppe Ungaretti. (Geschafft, ein Mann ist dabei zwecks Quote - als ob die Frauen die visionär-magische Dichtung in Sibyllen-Genen trügen.) "Federkleid des ersten Flieders, im Halbschlaf, sagst du, mit Glockenblume und Distel!" Sind das Bilder! 95 ist die Mayröcker jetzt. Niemand, der in deutscher Sprache schreibt, hätte mehr den Literaturnobelpreis verdient als sie. Und ihn, naturgemäß, möchte man hinzufügen, nicht bekommen. Peter Handke oder Friederike Mayröcker, allein das müsste für die Mayröcker ausgehen, nicht aus moralischen Gründen, sondern aus sprachlichen.

Max Ernsts Brunnen in Amboise ist ein Alterswerk des Künstlers. - © wikimedia/Daniel Jolivet
Max Ernsts Brunnen in Amboise ist ein Alterswerk des Künstlers. - © wikimedia/Daniel Jolivet

Die Mayröcker ist nicht die einzige schaffende Künstlerin, die ein erstaunliches Alterswerk vorlegt. Johann Wolfgang von Goethe: "Marienbader Elegie" mit 74, "West-östlicher Divan" mit 78, zweiter Teil des "Faust" mit 82. Ernst Jünger: "Annäherungen. Drogen und Rausch" mit 75, "Eumeswil" mit 82, "Eine gefährliche Begegnung" mit 90. Günter Grass: "Im Krebsgang" mit 75, "Eintagsfliegen" mit 85.

Wobei, genau genommen, gleich am Beginn der damals ganz jungen europäischen Literatur Alterswerke stehen. Aischylos schrieb die "Orestie" mit 67, Sophokles den "Ödipus" mit rund 70, Euripides "Die Bakchen" und "Iphigenie in Aulis" mit 74.

Die Weisheit der Alten, mit der überlegenen Erfahrung der zusammengekommenen Jahre in Worte und Verse gefasst - man ist versucht, den Mythos Alterswerk in diese Richtung weiterzuspinnen. Natürlich steckt da auch eine unwillkürliche Abwehrhaltung dahinter. Das Alter macht physisch schwächer, der Marathonlauf mutiert zum Halbmarathon, beides gleichermaßen bewunderungswürdig für Nicht-Läufer, die auch in jüngeren Tagen ins Schnaufen kommen, wenn sie der Straßenbahn nachgerannt sind, vom normalen Fahrrad steigt man aufs E-Bike um, und vom E-Bike auf den E-Roller. Möge man die nachlassende Fitness wenigstens durch eine Zunahme an Geisteskraft kompensieren. Möge man, wenn man den Jungen schon nicht Lungenvolumen und Muskelkraft voraus hat, dann wenigstens über ein Erfahrungsreservoir gebieten. Möge man, wenn’s körperlich nicht mehr so recht geht, wenigstens auf anderen Ebenen mit den Jungen gleichziehen. (Und überhaupt: Wie alt ist "alt"? Wie jung ist "jung"?)

Nur eine Wunschvorstellung?

Ein wenig ist das wohl auch eine Wunschvorstellung. Aber man kann durchaus die geistigen Herausforderungen des Alters (Wo liegen die Schlüssel? - Beim Handy. - Wo liegt das Handy? - Wie kann man nur so vergesslich sein, klar: bei den Schlüsseln) verbannen und den schmerzenden Rücken an erstaunlichen Leistungen aufrichten.

Leoš Janáček etwa erlebte mit 65 einen wahren Schaffensschub. Gut, er war gewissermaßen hormonell bedingt, eine - kann man da "Altersliebe" dazu sagen, wenn sich der mährische Komponist auf seine alten Tag’ für seine (verheiratete) Angebetete entflammte, als wär’ er ein Sechzehn-, Siebzehn-, Achtzehnjähriger? Gerade so komponiert er dann auch, zwar mit allem Erfahrungsschatz, über den er verfügt und den man einfach nicht in einer Truhe wegsperren kann, aber mit einer Jugendfrische, die einzigartig ist. Menschenskind, "Die Ausflüge des Herrn Broucek" mit 66, "Das schlaue Füchslein" mit 69! Für diese naiv-grellbunte Musik ist man normalerweise mit 45 zu alt. Gewiss, im "Füchslein", in der "Sache Makropulos" und im "Totenhaus", alles Opern, die Janáček in seinen letzten sechs Lebensjahren komponiert, geht es auch um den Tod. Aber welche Oper des nicht-komischen Genres dreht sich um etwas anderes? Bitte, schnell und ohne nachzusehen alle aufzählen. Hans Pfitzners "Palestrina" - und weiter?

Haben Komponisten das Recht auf ersprießliche Alterswerke gepachtet? Richard Wagners "Parsifal" ist das Werk eines Achtundsechzigjährigen, Giuseppe Verdis "Otello" das eines Vierundsiebzigers, sein "Falstaff" das eines Achtzigers, der komponiert, als hätte ein Dreißiger gerade einen Stil für die Komische Oper völlig neuen Zuschnitts gefunden.

Mitunter sind Alterswerke auch geprägt von der Gleichgültigkeit des Autors gegenüber der Reaktion von Publikum und Presse. Der 73-jährige Carl Orff nahm sich heraus, seinen "Prometheus" in Altgriechisch als rhythmisiertes Sprechtheater zu komponieren, kommentiert von Klangflächen und Akzenten eines Perkussionsarsenals. Gesungen wird da kaum noch. Dann "De temporum fine comoedia": Im Spiel vom Ende aller Zeit bleibt kein Stein der herkömmlichen Musik auf dem anderen. Am Ende fleht Satan um Vergebung. Sie wird ihm gewährt. Was sollen einen achtundsiebzigjährigen Musiktheatergroßmagier theologische Fragen kümmern?

Der allerkurioseste Fall quasi zum Drüberstreuen: Der Engländer Havergal Brian (allein dieser selbstgewählte Vorname!) war dem Bewusstsein des Publikums nahezu entschwunden und fühlte sich als zu Lebzeiten vergessener Komponist, als ihm ein paar unverhoffte Aufführungen neuen Antrieb verliehen. Von seinem 84. bis zu seinem 92. Lebensjahr schrieb er 17 eigentümlich harsche Sinfonien. Die letzte war seine insgesamt 32. Die 28. wurde 1973, ein Jahr nach seinem Tod, von Leopold Stokowski uraufgeführt: Ein Jungspund war da auch der immer neugierige Dirigent nicht mehr: Der 91-Jährige dirigierte das Werk eines 91-Jährigen.

Immer Neues ausprobieren!

Mit den Malern indessen ist das so eine Sache. Anders gefragt: Was ist dran an Pablo Picassos Spätwerk? Manche Kunstkritiker meinen, es gäbe Pizzerien, deren Wandmalereien höherwertig seien, andere sprechen von ungewohnten Wegen. Spielt der Neunzigjährige im "jungen Maler" mit einem Sujet? Ist das Ironie? Selbstironie? Der 76-jährige Max Ernst designte einen Brunnen in Amboise, der ungebrochen alle Kraft des Malers an der Schnittmenge von Surrealismus und der Kunst der Indigenen und Afrikaner besitzt. Salvador Dalí malt mit 79 noch seine letzten Bilder: Fast sieht die "Serie auf Katastrophen" aus, als wäre sie ein entschlackter zeichenhafter Neubeginn nach den immer üppiger wuchernden Traumfantasmagorien.

Und dann wäre da noch der Österreicher Arik Brauer, der in Wort und Bild ein Spätwerk schafft, dem man, wie dem Mann selbst, die 91 Jahre nicht anmerkt. Da ist im Vergleich manch ein Vierzigjähriger vergreist.

Na bitte: Altersfrische statt Altersweisheit! Hirnarbeit hält jung. Die Mayröcker ist in bester Gesellschaft. Und jetzt schnell nachgerechnet: Wie alt ist man selbst . . . ?

Jung genug jedenfalls, um etwas Neues auszuprobieren!