Birk Meinhardt ist in Deutschland, was man gemeinhin einen "angesehenen Journalisten" nennt. Gleich zweimal ist der gebürtige Ostdeutsche mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet worden, bei seinem letzten Arbeitgeber, der "Süddeutschen Zeitung", schrieb er regelmäßig große Reportagen und die branchenintern besonders angesehenen Texte auf der Seite 3. Hohes Gehalt, völlige Freiheit zu schreiben, was man für richtig hält - viel weiter kann man es im deutschen Journalismus kaum bringen. Doch im Jahr 2017 wirft die Edelfeder plötzlich alles hin und kündigt den prestigebeladenen Job. Die Gründe dafür hat er nun in einem für jeden an Medien interessierten außerordentlich lesenswerten Buch mit dem Titel "Wie ich meine Zeitung verlor" niedergeschrieben.

Lesenswert ist der 144 Seiten schlanke Essay, weil er ein Problem beschreibt, um das sich viele Medien und Medienmacher herumdrücken, weil es ihnen einfach unangenehm ist. Dabei geht es um das schwindende Vertrauen der Konsumenten in die Medien, den Vorwurf der Lügenpresse gar, den der Manipulation (etwa in der Migrationsfrage) und einen Haltungsjournalismus, der belehren und umerziehen will, statt einfach zu informieren.

Der richtige Standpunkt

Charakteristisch für dieses Amalgam an Dysfunktionalitäten des Journalismus ist jener Casus, der den Kisch-Preisträger 2017 zuerst in die innere Emigration trieb und dann die Zeitung verlassen ließ. Dabei ging es um den Fall zweier Rechtsradikaler, die wegen Teilnahme an einer rassistisch motivierten Straftat im Gefängnis saßen. Zu Unrecht, wie die Oberinstanz nach zwei Jahren feststellte und die beiden freiließ, und zwar völlig zweifelsfrei. Ein spät korrigiertes Fehlurteil, wie es auch in einem Rechtsstaat ab und zu passieren kann.

Birk Meinhardt fand, dies sei eine interessante Geschichte, recherchierte sie penibel wie immer - doch der Text erschien nie; verhindert von der Chefredaktion. Und zwar nicht, weil er Fehler enthalten hätte - das warf ihm niemand vor. Stattdessen beschied ihm die Führung des Blattes, sein Artikel könnte "von Rechten als Testat dafür genommen werden, dass sie ungerechtfertigterweise verfolgt würden", er könnte also von "Rechten" - was immer das heißen soll - für ihre Zwecke genutzt werden. Meinhardt veröffentlicht diese nie erschienene Reportage in seinem Buch vollständig, sodass jeder sich selbst ein Bild machen kann. Und da zeigt sich völlig zweifelsfrei: ein erstklassiger Text, der selbst höchsten journalistischen Standards gerecht wird, absolut "fit to print". Außer natürlich, die Verantwortlichen verstehen ihre Zeitung als Instrument, mittels dem der Leser dazu gebracht werden soll, die richtigen politischen Standpunkte einzunehmen, wobei die Zeitung definiert, was richtig ist.

Meinhardt kannte diese Argumentation noch aus seinen Tagen als Journalist in den Staatsmedien der DDR. Dort, erinnert er sich, wurden Texte regelmäßig blockiert mit der Begründung, sie seien geeignet, dem "Klassenfeind" Argumente zu liefern.

Da erschließt sich durchaus, warum die "Süddeutsche" im liberal-bürgerlichen Milieu der Berliner Republik gelegentlich als das "Neue Süddeutschland" verspottet wird in Anlehnung an das DDR-Blatt "Neues Deutschland".

Nach seinem Ausscheiden 2017 mutiert der Autor zum Leser und graust sich tüchtig weiter. Vor allem in der Berichterstattung über die negativen Folgen der Migration ortete der Profi "Demagogie" und "Verdrehung" in den Texten seiner ehemaligen Kollegen; natürlich immer in bester Absicht, Fremdenhass und Islamophobie zu bekämpfen - und "die Rechten" sowieso.

"Sie kennen die journalistischen Grundregeln, aber sie befolgen sie nicht mehr", beobachtet er, "handstreichartig setzen sie sie außer Kraft, wie selbstherrlich, wie töricht."

Es wundert nicht sehr, dass der mehr nachdenkliche denn streitbare Text des Kisch-Preisträgers in den deutschsprachigen Medien nicht gerade übertrieben intensiv rezipiert worden ist. In diesen Spiegel schaut keiner gern.