Der Blick auf die Spieldauer verblüfft: Knapp 67 Minuten dauert Krzysztof Pendereckis "Lukas-Passion" in der Aufnahme von Kent Nagano. Er brachte die "Lukas-Passion" bei den Salzburger Festspielen 2018 am Pult des Orchestre Symphonique de Montréal mit dem Philharmonischen Chor Krakau und dem Warschauer Knabenchor zur Aufführung. Das Label BIS sparte die CD-Veröffentlichung offenbar bis zum diesjährigen Festspiel-Jubiläum auf. Laut Partitur hat das Werk eine Spieldauer von 80 Minuten. Antoni Wit braucht in seiner Einspielung 76 Minuten, Penderecki selbst rund 82. Nagano legt fürwahr eine flotte Kreuzigung hin. Zu flott?

Um das beurteilen zu können, ist es wichtig, die Faktur des Werks zu kennen. Penderecki summiert alle harmonischen und kompositionstechnischen Errungenschaften der traditionellen Sakralmusik und fügt ihnen seine eigenen Geräuschmontagen, stehende und glissandierende Cluster hinzu. Gleich zu Beginn spannt er die Weite seiner Möglichkeiten aus: Er exponiert g als Zentralton, lässt einen Chor folgen, der gregorianische Floskeln zu einem engen zwölftönigen Netz knüpft, dann zum Cluster gerinnen lässt, über dem sich ein weitintervalliges Bariton-Solo entwickelt, wobei abermals gregorianische Floskeln interpoliert werden, schließlich folgt eine Kadenz nach e-Moll.

Krzysztof
Krzysztof

Insgesamt bebildert Penderecki mit solchen Mitteln das Passionsgeschehen eher, als dass er es deutet. Das mag auch der Grund für die enorme Breitenwirkung der "Lukas-Passion" sein, die sie seit ihrer Uraufführung 1966 entfaltet. Denn trotz aller Rückbezüge auf die Tradition und die Polystilistik ist die "Lukas-Passion" ein Werk der Avantgarde. Doch eines, das aufgrund seiner illustrativen Qualitäten mit den Musiken zu Horrorfilmen näher steht als den barocken Passionen. Zum klangmalerischen Naturalismus gehören auch Strecken, in denen der Chor in der Rolle der Volksmasse ohne festgelegte rhythmische Formung durcheinander spricht, plappert und schreit. Und immer wieder interpunktiert das Orchester mit massiven oder splitterig aufgebrochenen Klangblöcken. Die Dauern dieser Abschnitte sind relativ und Sache des Dirigenten.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Nagano gilt als einer der Dirigenten, die so genau wie kühl mit dem Notentext umgehen. Doch bei aller emotionalen Distanz begreift er das Werk doch als eine Aneinanderreihung von Eruptionen nahezu szenischer Qualität. Lediglich das "Stabat Mater" akzeptiert er als quasi meditativen Ruhepunkt. Dementsprechend entscheidet sich Nagano dafür, die Abschnitte von relativer Dauer episodisch kurz zu halten. Er setzt sich nicht auf die Avantgardismen drauf, sondern nützt sie als aufblitzende, ungeheuer suggestive Klangbilder. Naganos Tempi sind insgesamt vorandrängend. Da mag Penderecki das Passionsgeschehen selbst noch so sehr durch einen distanzierten Sprecher (Slawomir Holland) obendrein in Latein berichten lassen: Die Oper ist näher als der sakrale Habitus - und das auch im Vortrag der hervorragenden Solisten Sarah Wegener, Lucas Meachem und Matthew Rose.

Das dramatische Potenzial des Werks entfaltet sich auf diese Weise mit geradezu bestürzender Direktheit. Dass eine Interpretation, die, wie die Antoni Wits, auch die sakralen Aspekte berücksichtigt, letzten Endes vielleicht doch vorzuziehen wäre, sei vorsichtig angemerkt. Bei Wit denkt man an eine Parallele zu den Passionen Bachs, bei Nagano an eine zu Mel Gibsons Film "Die Passion Christi". Auch der hat seine Anhänger.