Was soll eigentlich der Kolumbus-Tag? Nun gut, am 12. Oktober 1492 ist der Genuese in der Neuen Welt gelandet, die er für das gute alte Indien hielt - und das offenbar bis zu seinem Tod am 20. Mai 1506 in Valladolid.

Wie war das doch gleich? Kolumbus wollte einen kürzeren Seeweg ins Gewürze-Paradies Indien finden und dachte, die ideale Möglichkeit wäre, wenn er, statt nach Osten um Afrika herum zu segeln, nach Westen skippert. Dass dort eine größere Landmasse zwischen Spanien und Indien liegt, hätte er aufgrund diverser Indizien ahnen können. Aber nicht alle Ahnungen auf der Basis von Indizien realisieren sich - man denke nur an den Südkontinent, den James Cook noch im 18. Jahrhundert suchen sollte.

Versammelt unter der Flagge

. . . und für die Indigenen der Tag, mit dem eine beispiellose Unterdrückung einsetzte. - © getty/afp/Smith
. . . und für die Indigenen der Tag, mit dem eine beispiellose Unterdrückung einsetzte. - © getty/afp/Smith

Die Fahrt des Kolumbus zeigt jedenfalls eines: Von einer scheibenförmigen Erde war selbst im minderinformierten Mittelalter keine Rede. Man wusste ganz genau, dass es sich um eine Kugelgestalt handelt. Es braucht wahrlich ein paar Verschwörungstheoretiker von der YouTube-Akademie und der Facebook-Universität, dem zu widersprechen.

Aber zurück zum Kolumbus Tag.

Eingeführt hat ihn 1892 der Benjamin Harrison, 23. Präsident der USA. Seine Intention war durchaus ehrenwert: Ethnisch und sozial unterschiedliche Schulkinder sollten sich gemeinsam unter der amerikanischen Flagge versammeln zum Zeichen, dass die Nation keine Unterschiede in Herkunft und sozialer Stellung macht. In Südamerika führte die Dominikanische Republik 1912 den Día de Colón ein. Das Kolumbus-Gedenken beschränkt sich dabei auf den spanischsprachigen Teil Lateinamerikas, während der portugiesischsprachige den Renaissance-Dichter Luís de Camões an dessen Todestag, dem 10. Juni, feiert.

Aber dem 12. Oktober ist es gegangen wie einem zu lange gelagerten Apfel: Nach und nach hat er einen unguten Beigeschmack entwickelt, und schließlich ist er ganz faul geworden.

So ist er zwar für die US-Amerikaner romanischer Herkunft ein Anlass, einmal im Jahr die historischen Koordinaten der englisch dominierten Nation zurechtzurücken. Doch es bedarf keiner politischen Korrektheit und keiner antirassistischen Überempfindlichkeiten, um die unguten Seiten dieses seltsamen Feiertags zu merken.

Im Black-Lives-Matters-Furor Kolumbus-Denkmäler zu stürzen, bringt dabei gar nichts - zumal sich die Aktivisten damit genau das Verhalten bestätigen, das ihnen die sogenannten alten weißen Männer bis dahin nur unterstellt hatten. Aber es muss ins kollektive Gedächtnis geholt werden, dass Kolumbus in letzter Konsequenz am Anfang einer Einwanderungs-Bewegung stand, die sich für die ansässige indigene Bevölkerung zur Katastrophe entwickelte.

Neugier und Ausbeutertum

Wenn man einen Feiertag mit Kolumbus selbst verbindet, dann feiert man nicht nur gesunde Neugier und frischen Pioniergeist, sondern auch Enteignung von Land und gnadenloses Ausbeutertum. Man feiert, dass Einwanderer, ohne es zu wollen, mit Krankheiten und, durchaus beabsichtigt, mit überlegenen Waffen die ursprüngliche Bevölkerung nahezu auslöschten.

Kolumbus selbst mag man mit Zeitumständen entschuldigen: Sein Verhalten entsprach dem ausgehenden Mittelalter. Es war zeitimmanent. Aber das heutige bessere Wissen sollte eben auch zu besserer Einordnung führen. Das bedeutet keineswegs, den gestrigen Helden Kolumbus in den heutigen Menschheitsverbrecher Kolumbus umzuwandeln.

Bertolt Brecht hat das Problem in seinem Stück "Die Verurteilung des Lukullus" thematisiert: "In den Lesebüchern / stehen die Taten der großen Eroberer", heißt es dort. "Ihnen nachzueifern, / Aus der Menge sich zu erheben, / Ist uns aufgetragen. Unsere Stadt / Ist begierig, einst auch unsere Namen / Auf die Tafeln der Unsterblichen zu schreiben."

Fatale Symbolgestalt

Und eben das ist das Fatale am Kolumbus-Tag. Es geht um die Symbolwirkung, um das Beispiel. Gibt es auch keine neuen Länder mehr zu entdecken, so hat sich sein Verhalten, aus ethnischen Unterschieden unterschiedlichen Wert von Menschen abzuleiten, durch die Jahrhunderte hindurch erhalten. Und das keineswegs nur in den USA.

Dass die Reise des Kolumbus eine seefahrerische Jahrtausendleistung war (die er nicht allein vollbracht hat, sondern in Zusammenarbeit mit seinen Besatzungsmitgliedern), bleibt davon unberührt. Die Welt und die Geschichte können wir uns ohne diesen 12. Oktober nicht vorstellen. Das Gedankenspiel "Was wäre, wenn . . ." funktioniert nicht. Kann man - muss man den Kolumbus-Tag also umbauen zu einem Tag der Zeitenwende, der ganz neutral gehandhabt wird und auch des Leidens der indigenen Urbevölkerung gedenkt? Kolumbus als beispielgebender Held - das funktioniert heute einfach nicht mehr, es sei denn auf der Basis von Nationalstolz.

Und selbst der ist wenig angebracht: Wenn der in der aristokratischen Republik Genua Geborene Italiener war, dann war Wolfgang Amadeus Mozart Österreicher. Kolumbus war in portugiesischen Diensten und in kastilisch-aragonesischen. Nationalhelden sehen anders aus. Und überhaupt: Arm ist das Land, das solcher Helden bedarf.