Das waren noch Zeiten! Als die Kinokarte vier Schilling kostete und man mit der Bahn fast jeden Ort des Waldviertels erreichen konnte. Doch das ist Jahrzehnte her. Denn an fast keinem Spiegel kann man die Veränderungen, die die vergangenen Jahrzehnte dem Waldviertel gebracht haben, besser erkennen als in seinen verlassenen Gebäuden. Industriebauten mit leeren Fensterrahmen, Geschäftslokale, in denen schon lange niemand mehr etwas feilbietet, geschlossene Gastwirtschaften und Mühlen, in denen gar nichts mehr am rauschenden Bach klappert.

"Verschwundenes Waldviertel" nennen die Autoren daher ihren kürzlich erschienen Bildband in der Edition Winkler-Hermaden. Wobei der Titel eigentlich irreführend ist. Denn was da verschwunden ist, sind ja die Menschen. Die Gebäude, die sie bei ihrem Abzug hinterlassen haben, sind noch da. Nur die wenigsten werden einer sinnvollen Nachnutzung zugeführt, viele rotten einfach vor sich hin. Teilweise mitten in den Ortschaften, was besonders schade ist. Eine alte Weisheit sagt: Ein fauler Zahn steckt auch seine Nachbarn an.

Halbierte Ortschaften

Hintergrund ist der Strukturwandel der Region: Jahrzehntelang wurden das Waldviertel und seine Bewohner von der Textilindustrie geprägt. Nach dem Niedergang dieser Branche stehen zahlreiche dieser Industriegebäude leer und sind nur noch Baudenkmäler. Einige jener funktionslos gewordenen Produktionshallen der Textil- und auch der beinahe bedeutungslos gewordenen Glasindustrie erinnern noch heute an die wirtschaftlichen Glanzzeiten.

Ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung zeigt, dass viele Ortschaften sich binnen weniger Jahrzehnte halbiert haben. Zeugnis davon sind leer stehende Geschäftslokale, Greißlereien und Gewerbebetriebe. Aber nicht alles, was verschwindet, hat negative Auswirkungen: Der Abbau des Eisernen Vorhangs 1989 führte zu einem Aufschwung der Regionen auf beiden Seiten der Grenze.

Die Autoren Christoph Mayer, Reinhard Linke und János Kalmár begeben sich auf die Spuren des verschwundenen Waldviertels und auf einen Streifzug durch die Geschichte der Region. Sie werden so zu Archivaren der Zeit. Und manchmal zeigen sich auch Zeichen einer Wiederbesiedlung. Viel Platz und billiger Grund bieten Chancen zur Selbstverwirklichung. Ob Künstler, Individualisten oder Aussteiger: Das Waldviertel nimmt sie gerne auf.