Auf den hundertsten Geburtstag der österreichischen Verfassung wurde dieser Tage zu Recht und mit Stolz hingewiesen. Wo wir doch seit letztem Jahr wissen, dass diese nicht nur praktisch und auf Krisenfälle vorbereitet ist, sondern obendrein schön. Doch gibt es dieser Tage auch anderes zu feiern: Am 17. Oktober 1920 wurde erstmals in Österreich ein Nationalrat gewählt. (1919 gab es lediglich die ersten freien Wahlen zur provisorischen Nationalversammlung.)

Anlass, einen Blick auf die vergangenen 100 Jahre zu werfen. Nur nicht auf die Sieger, sondern auf all jene Gruppierungen, die es nicht ins Hohe Haus geschafft haben. Schließlich sind ja auch nach der eben geschlagenen Wienwahl fast 10 Prozent der gültigen Stimmen nicht im Gemeinderat vertreten. Trotzdem gab es Menschen, die sich als Partei zusammengetan haben. Freiwillig. (Gut, bei HC Strache ist man sich da nicht ganz sicher.)

Und eine Kandidatur ist stets ein Akt demokratischer Willensbildung. So wollen etwa die Vertreter und Wähler der Partei "Linx" anzunehmenderweise mehr linke Politik, die des Team Strache mehr Strache, und die Bier-Partei dürstet es ... nach neuen Ideen.

Opfer der Mandatshürden

Werfen wir also einen Blick auf die Opfer der Mandatshürden, die durch ihren Einsatz die Demokratie in diesem Land erst mit Leben erfüllt haben. Und wofür? Für nichts. Zumindest nicht für sie selbst.

All die vergeblich wahlwerbenden Gruppierungen aufzuzählen, würde den Platz hier sprengen, denn 1920 war es zum Beispiel noch möglich, mit 1,44 Prozent der gültigen Stimmen ein Mandat zu erringen. Auffallend ist für die 20er Jahre, wie viele Parteien der nationalen Minderheiten es gab: tschechische, slowenische, kroatische und auch eine jüdischnationale Partei. Und die Kommunisten. Diesen begegnet man (mit Ausnahme von 1945-59) ständig außerhalb des Parlaments.

Geister der Vergangenheit wie die "Kaisertreue Volkspartei" scheitern ebenso wie Gespenster der damaligen Zukunft (NSDAP- Österreich, 1927). Aber es gibt auch Experimentelles vor dem Parlament zu bewundern: den "Bund gegen Korruption" (35.471 Stimmen 1927). Der Umkehrschluss, dass alle anderen Österreicher Korruption befürwortet hätten, ist unzulässig.

Die letzte Wahl 1930 brachte erstmals eine "Österreichische Volkspartei" der Publizistin Irene Harand hervor, die sich für ein christlich-soziales Menschenbild einsetzte. Heute unter dem Parteinamen eher undenkbar.

Danach gab es bekanntlich 15 Jahre gar keine Wahl und es ist ein Adolfuß, wer Schönes dabei denkt.

Die Wahlen 1945 und 49 brachten einerseits die 4-Prozent-Hürde, wie auch die erfolgloseste aller erfolglosen Wahlwerber hervor, die "Österreichische Patriotische Union" mit exakt 0 Stimmen.

Partei ohne Partei

Gab es hier schon eine Partei ohne Wähler, zeigten die 50er Jahre Sehnsüchte nach einer Partei ohne Partei. So bewarben sich erfolglos die "Überparteiliche Einigung der Mitte, Wahlgemeinschaft parteiloser Persönlichkeiten", die "Christlichsoziale Partei und Parteifreie Persönlichkeiten" und "Österreichische National-Republikaner und Parteilose". Einen Schritt weiter ging da nur die "Parlamentarische Vertretung der Wahlverhinderten, Nichtwähler und ungültigen Stimmen in Österreich", die 1956 sieben Stimmen bekam. Sieben gültige.

Vergeblich stand auch die Liste mit dem schönen Namen "Partei der Vernunft" am Wahlzettel. Es ist also kein neues Phänomen, dass man mit Vernunft in der Politik keinen Blumentopf gewinnen kann.

Nachdem 1959 die Kommunisten zurück an der frischen Luft waren, folgten zwei einsame Jahrzehnte für Wahlverlierer. In den 60ern und 70ern trifft man vor dem Parlament neben ein paar linken Splittergruppen (zum Beispiel: "Offensive Links", "Gruppe revolutionärer Marxisten", Franz Olahs "Demokratisch-Fortschrittliche Partei") die "Partei Für Menschlichkeit, Recht und Freiheit" (237 Stimmen 1970). Themen, mit denen man es bis heute in diesem Land nicht so einfach hat.

Fantasie- und geschmacklos

Aber in den 80er-Jahren geht es auswärts aufwärts. So nehmen sich nicht nur die "Alternative Liste Österreichs" und "Vereinigte Grüne Österreichs" gegenseitig erfolgreich Stimmen weg, auch am rechten Rand gönnt man sich nichts: Die "Österreich Partei" (Schlusslicht in Sachen fantasievolle Namensgebung), die "Ausländer Halt Bewegung" (Erster Platz in Sachen Geschmacklosigkeit bei der Namensfindung) und die Liste "Mir reicht’s" (Name nah an der Mentalitätsgrenze) treffen am Platz vor dem Parlament die Außenlinienveteranen von der KPÖ.

Als sich in den 90er Jahren das atheistische 20. Jahrhundert dem Ende entgegenneigt, wirft das herannahende 21. seine religiösen Schatten voraus. So scheitern mit Gottes Hilfe die "Christliche Wähler Gemeinschaft" und die "Christdemokratische Partei", aber auch die "Österreichische Naturgesetzpartei" (gemeint ist wahrscheinlich das Naturgesetz, dass ab einer gewissen Menge Menschen immer ein paar Trotteln dabei sind).

Das vergebliche Antreten der "Grauen" weist auf Probleme in der Demografischen Entwicklung hin und Richard Lugners und seine Unabhängigen (DU) auf Probleme in der Persönlichkeitsentwicklung.

Und seit dem EU-Beitritt Österreichs 1994 hat auch die EU-Austrittspartei "NEIN" (wenn auch unter stets variierendem Namen) einen Stammplatz auf der Bank vor dem Parlament, zusammen mit - genau - der KPÖ.

Hasen und Hupfer

Aber ab 1999 zeigt auch das "Liberale Forum" mit seinem regelmäßigen, vergeblichen Antreten bis 2008, dass es auch Realitätsresistenz besitzt. Doch dominieren in den Nuller-Jahren neben diesen alten Hasen und jungen Hupfern (die "Tierrechtspartei" scheitert, weil Tiere in Österreich nicht wahlberechtigt sind) vor allem Namen: Die Liste FRITZ, Liste Karlheinz Klement, Liste Dr. Martin und die Liste Stark (welche mit 312 Wählern schwach abschneidet).

In den letzten zehn Jahre durften neben altbekannten Outsidern (EU-Austrittspartei, CPÖ und natürlich die KPÖ) auch etabliert-geglaubte Parteien wie die Grünen oder das BZÖ an die frische Luft. Aber auch Neulinge wie die Piraten, GILT, die Weißen, die Neue Bewegung für die Zukunft und JETZT scheitern in Schönheit. Die "Männerpartei" etwa 2017 mit nur 221 Stimmen (den restlichen Männern haben ihre Frauen wahrscheinlich verboten, zu wählen).

Erfreulichste Namensgebungen der letzten 100 Jahre: "Die vierte Partei" (die 1949 dann siebte wurde), "Die beste Partei" (1994/95) und 2006 die Liste "Sicher - Absolut - Unabhängig" mit der Abkürzung SAU. Ob der Wahlspruch "Ich wähl die SAU!" plakatiert wurde, ist nicht bekannt.

Und mit dem jüngsten Zugang, der oben erwähnten Bier-Partei, zeigt sich: Trotz aller Politikverdrossenheit gibt es immer noch Leute, die unverdrossen Politiker werden wollen. In diesem Sinne: Prost - auf die Demokratie!

P.S.: Nicht aufgeben, KPÖ.