Richard Wagner hätte es auch ohne Angelo Neumann geschafft. Aber dank Angelo Neumann hat Wagner seine Breitenwirkung schneller entfaltet und gründlicher alles musiktheatralische Geschehen auf sein Werk konzentriert. Wenn Heinz Irrgeher sein fulminantes Buch über den Sänger und Impresario "Wagners vergessener Prophet" nennt, kann man ihm nur zustimmen: Neumann war für Wagner, was Moses für Jahwe war. Nur, dass Moses gerühmt wird, während Neumann vergessen ist.

Er trug Richard Wagners "Ring" in alle Regionen Europas: der Impresario Angelo Neumann. - © Geistiges Deutschland (Eckstein, 1903)
Er trug Richard Wagners "Ring" in alle Regionen Europas: der Impresario Angelo Neumann. - © Geistiges Deutschland (Eckstein, 1903)

Das hat einen widerlichen Grund: Angelo Neumann, geboren am 18. August 1838 in Stampfen, gestorben am 20. Dezember 1910 in Prag, war Jude. Und schlimmer noch als Wagner selbst, wendeten nach seinem Tod seine Witwe Cosima und die Wagnerianer über Houston Stewart Chamberlain bis Adolf Hitler samt manch eines Richard-Wagner-Verbands oder -Vereins viel Energie auf, um die Rolle der Juden, denen Richard Wagner künstlerisch und finanziell so unendlich viel zu verdanken hatte, kleinzureden. Der Nationalsozialismus schwieg Neumanns Rolle völlig tot. Die Verdienste Neumanns wurden begraben unter dem Geröll des Geniekults um Wagner. Dass auch Götter ihre Helfer brauchen, wollte man gerade im Fall Wagner nicht mehr wahrhaben.

Tournee mit dem "Ring"

Wagner ist ein weites Feld. Es tut gut, es auch dort zu beackern, wo die wenigsten hinsehen. Das ist das große Verdienst Irrgehers. Der österreichische Jurist und Musikwissenschafter beschreibt Neumanns Karriere als Opernsänger, Opernintendant in Leipzig und Paris, vor allem aber seine Leistung als Direktor des reisenden Richard-Wagner-Theaters.

Richard Wagner (Bild) hat seine außerordentliche Rolle im europäischen Musikgeschehen zu einem großen Teil Angelo Neumann zu verdanken. - © APAweb / apa/Daniel Karmann/dpa/AFP
Richard Wagner (Bild) hat seine außerordentliche Rolle im europäischen Musikgeschehen zu einem großen Teil Angelo Neumann zu verdanken. - © APAweb / apa/Daniel Karmann/dpa/AFP

Diese Tournee-Operntruppe bestand nur wenig länger als ein Jahr, war aber von größter Bedeutung für das europäische Operngeschehen. Neumann kaufte die originalen Bühnenbilder und Kostüme der Bayreuther Uraufführung von Wagners "Ring des Nibelungen" und unternahm mit seinen Sängern eine Art Europatournee mit Gesamtaufführungen der "Ring"-Tetralogie.

Konzentration auf Wagner

Insgesamt brachte Neumann in 135 Vorstellungen des "Rings" Wagners vierteiliges Monstrum nach England, nach Tschechien, nach Italien - und vor allem auch in die Provinzstädte Deutschlands und des Habsburgerreichs. Neumann konnte Wagners Orchester nicht komplett besetzen. Dennoch machte er nicht nur mit dem Werk selbst bekannt, sondern er bewies, dass der "Ring" auch ohne Bayreuther Festspielbedingungen aufführbar ist.

In der Folge wurden die meisten Opernhaus-Neubauten so errichtet, dass der "Ring" spielbar war. Das erklärt etwa auch die großzügigen Orchestergräben so vieler kleinerer Opernhäuser, die in den Städten der deutschen Provinzen und des Habsburgerreichs ab der Wende vom 19. zum 20 Jahrhundert gebaut wurden. Irrgeher gelingt es dabei, Neumann in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts einzubetten. Er zeigt eine Zeit des kulturellen Um- und Aufbruchs. Ohne ein Buch über Wagner geschrieben zu haben, erklärt Irrgeher über die Gestalt Angelo Neumanns die umfassende Bedeutung Wagners für die europäische Kultur. Und das, es sei nachdrücklich festgestellt, in einem glänzend lesbaren Stil. Aufmachung und Inhalt dieses Buchs machen nicht nur Wagnerfans Freude, es ist ein unverzichtbarer Beitrag zur Geschichte des europäischen Musiktheaters.

Heinz Irrgeher:
Josef "Angelo" Neumann - Wagners vergessener Prophet
Leipziger Universitäts-Verlag; 271 Seiten; 22 Euro