Wir leben in ernsten Zeiten und sind dennoch eine infantile Gesellschaft": Mit diesem ebenso zutreffenden wie bedrückenden Satz beginnt der deutsche Publizist Alexander Kissler sein soeben erschienenes Buch "Die infantile Gesellschaft - Wege aus der selbstverschuldeten Unreife". Man muss kein besonders scharfsinniger Beobachter sein um zu erkennen, dass Kissler mit seiner Diagnose recht hat.

Das reicht vom Alltagsleben, in dem Menschen nahe dem Pensionsalter dieselbe Kleidung tragen wie die Generation ihrer Enkel, wo erwachsene Männer Tretroller fahren, die früher Kindern im Vorschulalter vorbehalten waren und dauernd Trinkflaschen bei sich führen, um nicht zu verdursten bis hinein ins akademische Leben, wo 20-jährige Studenten mittels "Triggerwarning" vor Traumata bewahrt werden sollen, die Shakespeare-Stücke verursachen können und "safe spaces" der bevorzugte Aufenthaltsort der Generation Schneeflocke geworden sind.

Pädagogisierung des Alltags

"Der Siegeszug niedlicher Lifestyle-Accessoires aus den Kinderzimmern hinein in die Erwachsenenwelt macht diese gewiss nicht vernünftiger, aufgeklärter, klüger." (Kissler) Es ist dies keine ganz neue Entwicklung, aber eine, die in den vergangenen Jahren doch deutlich an Fahrt aufgenommen hat. 2012 sah der "FAZ"-Journalist Edo Reents in Deutschland "eine gesellschaftliche Tendenz hin zu einem Verhalten, das man früher als kindisch bezeichnet hätte, das heute aber, weil es so verbreitet ist, kaum noch als solches auffällt: Mitteilungsdrang gegenüber Fremden, Indiskretion; ein gewisser Zeigestolz; der Hang, seinen Spiel- und Zerstreuungsbedürfnissen zu fast jeder Zeit und ohne Rücksicht auf die Umgebung nachzugehen. Diesen Eigenschaften, die auf die fortlaufende Preisgabe des Privaten, Persönlichen hinauslaufen, ist etwas ausgesprochen Übergriffiges gemeinsam; man kann ihren Äußerungen nicht entkommen." Und zwei Jahre später diagnostiziert der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann: "Die Infantilisierung und selbstgewählte Teilentmündigung junger Erwachsener scheint in vollem Gange. Das (. . .) entspricht dem Charakter unserer Konsumgesellschaft und der zunehmenden Pädagogisierung des Alltags", Liessmann sieht "Fresspakete und Nuckelflaschen in den Klassenzimmern, Seminarräumen und Hörsälen" und leitet daraus die Diagnose ab, wir seien "als Kultur in eine orale Phase geschlittert, wir bleiben, individualpsychologisch, in dieser stecken."

Kissler nimmt diesen Faden auf und spinnt ihn gekonnt und mit viel Esprit in die Gegenwart weiter: "So stehen wir staunend, irritiert und erheitert vor einer Gesellschaft, in der nicht Kinder vorzeitig hinaufgehoben werden ins Erwachsenenalter, was ihnen einst gewiss nicht gut bekam. Wir sehen Volljährige, Erwachsene, Ausgereifte, die sich lustvoll hinabbeugen zum Kind, das sie einmal waren. Sie herzen sich selbst. Sie spielen Unschuld. Sie verlachen den Ernst der Lage." Auch wenn Kissler es so nicht ausspricht: Wir haben es hier mit einer Art von Wohlstandsverwahrlosung zu tun, ausgelöst vom kollektiven Bedürfnis nach Instant-Befriedigung und Schmerzvermeidung, gefördert von Unternehmen und Politikern, die daraus ihren Nutzen ziehen. "Die besenreine Gesellschaft, die gesäuberte Gesellschaft der Eiferer: Sie ist das nächtliche Gegenstück zur infantilisierten Gesellschaft und ohne diese nicht zu denken. Zwischen der Ermunterung des ewigen Kindes zum Konsum und seiner Bevormundung bestehen nicht nur lautliche Parallelen," diagnostiziert de Autor. "Eine Gesellschaft kann nur dann in zahllose Schutz- und Schonräume zerfallen, wenn sie im Menschen ein hochempfindliches, leicht erregbares und allzeit beleidigtes Kind sieht. Die Unterhaltungsindustrie macht ihm ein lebenslanges Zerstreuungsangebot, während die Politik ihn ins Gehege des richtigen Verhaltens schubst."

Das gilt noch viel mehr unter den Bedingungen einer Pandemie, die das noch verstärkt. Kissler hält deshalb für dringlich geboten, dass gerade Erwachsene wieder zu Erwachsenen werden, anstatt sich in der Kindlichkeit zu verlieren: "Der reife Mensch erliegt nicht den Sirenenklängen der Industrie und den Versprechungen des Konsums, wenn diese ihn in Unmündigkeit binden wollen. Er hält weder die Welt für eine Ausformung des Ichs noch das Ich für einen bloßen Wurmfortsatz der Welt. Er vertauscht nicht den Ernst mit dem Spiel und rettet so beide." Was gerade jetzt ja irgendwie durchaus notwendig wäre.