Richard Wagners "Tannhäuser" in Paris - das war was! Und Igor Strawinskis "Sacre du Printemps" (in Paris - schon wieder!). Und Thomas Bernhards "Heldenplatz" in Wien. Und "Holzfällen" von Thomas Bernhard (schon wieder "schon wieder"). Und die Edvard-Munch-Ausstellung in Berlin und der Hermann Nitsch österreichweit. Und so weiter.

Und die nahezu noch druckfeuchte "Omama" von Lisa Eckhart - eher nicht. Da hatte es vorher Krach gesetzt aus anderen Gründen. Die Provokationen und Skandale auf rein künstlerischer Ebene werden eindeutig seltener oder milder. Oder vielleicht funktionieren sie auch ganz einfach nicht mehr.

Zuckende Körper

Wobei es fein zu unterscheiden gilt zwischen Provokation und Skandal. Manch eine Provokation entfesselt, entgegen der Absicht, keinen Skandal, und manch ein Skandal entsteht, ohne dass der Künstler eine Provokation im Sinn hatte.

Der "Tannhäuser" ist ein Paradebeispiel für Skandal ohne Provokation: Wagner baute das für die Pariser Oper verpflichtende Ballett einfach an einer Stelle ein, die dramaturgisch und inhaltlich vernünftig ist. Den feinen Ballettliebhabern oder wohl eher Balletteusenliebhabern vom Jockey Club passte das gar nicht: Erstens war man zu Beginn des Ersten Aktes noch beim Dinieren, zweitens wollte man das Privatnymphchen nicht als Prostituierte beim Gruppensex sehen. Denn genau das ist Wagners Venusberg-Bacchanal, dafür braucht es nicht einmal einen regietheatralen Stückeumdenker.

Strawinskis "Sacre" ist schon was Anderes: Sein Choreograph Vaclav Nijinski musste gerade durch den "Tannhäuser"-Skandal wissen, wie die Herren reagieren, wenn man ihre Ballettmäuschen mit Sex in Zusammenhang bringt. Und quasi justament stellt er sie wie im Dauerorgasmus zuckend auf die Bühne samt Menschenopfer am Schluss. Dazu verordnet Strawinski dem Stück die wüsteste Orgie an Dissonanzen und taumelnden Rhythmen, die man je gehört hat. Es war eine Provokation, wenngleich auf künstlerischem Top-Niveau. Der Skandal folgte aufs Ballettschühchen. Und gleichfalls auf Top-Niveau.

Aktion - Reaktion: Die Provokation - der Skandal. Das hat recht oft recht gut funktioniert. Und, Hand aufs Herz, manch ein Künstler ist dadurch bekannt geworden. Wobei die Lust an der Provokation per se ja völlig in Ordnung ist. Der Schaffende als Muntermacher: Warum denn nicht? Eine Aufweckkunst zur geistigen Erfrischung hat dieselbe Berechtigung wie eine Schlafkunst zu Genuss und Unterhaltung - und, bitte, auch umgekehrt. Denn es ist nicht einzusehen, dass gut gemachtes Entertainment sozusagen von vorneherein schlechter sein soll als intellektuelle Avantgardismen. Weshalb denn sollte ein guter Krimi nicht neben einem experimentellen Roman bestehen können?

Wobei solche Provokationen schon ziemlich fruchtbar sein können: H.C. Artmanns experimentelle (und wohl auch provokante) Phase beispielsweise brachte ein paar Gedichte mit Reihungen von Wörtern und Worterfindungen hervor, aber das waren Grundlagen für den erweiterten Wortschatz, der den späteren Stil Artmanns so unverwechselbar adelte. Ernst Jandls Gedichte wiederum verbinden Lautmalerei und tiefere Bedeutung - oder geben sich der Klangclownerie hin. Lyrik, das war immerhin die Disziplin der Sappho und eines Johann Wolfgang von Goethe, und nun ist sie auf den erbrechenden Hund gekommen.

Gedichte erregen nicht

Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: Gerade noch "Über allen Gipfeln / ist Ruh, / In allen Wipfeln / Spürest Du / Kaum einen Hauch" und jetzt "ottos mops klopft / otto: komm mops komm / ottos mops kommt / ottos mops kotzt / otto: ogottogott". Canide Retroperistaltik statt abendlicher Waldesruh - das ist Provokation. Aber wer regt sich schon über Gedichte auf? Mit Lyrik erzeugt man keinen Skandal.

Mit Prosa und Theaterstücken funktioniert das weit besser. Obwohl: So richtig gekracht hat es schon lange nicht mehr. Die letzten Großmeister der Provokation waren Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek. Sie hatten den Mechanismus einfach drauf: Alle oder die meisten oder zumindest viele Österreicher sind Nazis - und ganz Österreich schrie auf, entweder vor Entzücken oder vor Entsetzen. Dass sich ausgerechnet Bernhards nazifreie Gesellschaftsgroteske "Holzfällen" zum Romanskandal mauserte, dürfte unbeabsichtigt gewesen sein, da waren private Gründe der auslösende Faktor.

Gelöschte Fixpunkte

Und schon sind wir in der Gegenwart mit ihren fehlenden oder verpuffenden Provokationen. Kurz: Es klappt nicht mehr so richtig. Zuviele Denkmäler sind gestürzt, zu viele unangreifbar scheinende Institutionen längst in den Dreck getreten. Nicht der Angriff auf Kirche und Religion ist heute provokant und skandalumwittert, sondern deren Verteidigung. Sexualität hat selbst in ihren perversen Spielarten den Igitt-Faktor eingebüßt. Tumbe Provinz mit Nachkriegs-Schlitzohrigkeiten - noch in den 1980er Jahren hätte Lisa Eckhart mit einem Roman wie "Omama" einen Orkan der Entrüstung entfesselt: Wie kann man nur sowas schreiben, noch dazu über die eigene Großmutter? Heute wäre es die ultimative Provokation, in einem anspruchsvollen literarischen Werk die Eltern- und Großelterngeneration nicht bloßzustellen.

Nitsch hatte es leicht: Glaube, Orgie und (vermeintliche) Tierquälerei in Wechselwirkung, das brachte alle auf die Barrikaden, die Religiösen, die Tierschützer, die Verteidiger althergebrachter Anständigkeiten. Aber wenn Nitsch heute einen Ochsen schlachten sollte, ein Priestergewand mit dessen Blut bestreicht und dazu sauren Rotwein aus dem eigenen Keller ausschenkt, zuckt iemand mehr mit den Schultern. Soll er doch, wenn er mag.

Nun ist diese gegenwärtige Wurschtigkeit gegenüber radikalen künstlerischen Hervorbringungen Segen und Fluch zugleich. Segen, denn Kunst kann weitestgehend widerstandslos gedeihen, wie sie mag; Fluch aber, weil Provokationen und Skandale weit tiefer ins Bewusstsein dringen. An ein starkes Gewitter erinnert man sich eher als an den Sommertag zuvor.

Das Spiel mit der Erregung hat sich indessen verlagert: weg von der künstlerischen Seite hin zur moralischen. Gerade Lisa Eckhart wird im deutschen Feuilleton bastoniert, weil sie es wagt, doppelbödiges Kabarett zu machen. Antisemitisch sei das. Das deutsche Feuilleton erregt sich über eine Kritik am Moralisieren des Pianisten Igor Levit: Die Erregungsklaviatur wird zwar glänzend bedient, aber es ist die Interpretation zum falschen Stück. Die Provokationen auf künstlerischer Ebene verpuffen, es funktionieren einzig und allein noch die auf der Basis eines linksliberalen Sittenkodex. Seinerzeit lief die Kunst gegen Selbstgerechtigkeiten an. Stellt sie sich heute zu bereitwillig in deren Dienst? Auch das würde erklären, weshalb sich niemand mehr über künstlerische Aufreger aufregt.