Der Himmel hängt voller Dschunken. Zwei der Wahrzeichen Shanghais schwimmen in der Luft des Atriums, dazu ein altertümliches Kriegsschiff und ein modernerer Passagierdampfer: Angekommen im Hafen der Metropole. Das Wiener Jüdische Museum dokumentiert ein fast vergessenes Kapitel der Judenvertreibung durch die Nationalsozialisten: die Emigration Wiener Juden in die chinesische Stadt. Shanghai bot sich als Exil an, weil es keine Einreisebeschränkungen gab. Lediglich die NS-Behörden verlangten Ausreisepapiere. Sie stellte der chinesische Generalkonsul in Wien, Feng Shan Ho, ohne zusätzliche Auflagen aus. Die Schau im Jüdischen Museum führt anhand solcher Papiere, Zeichnungen, Zeitungen und Fotos durch die Zeit des Exils in Shanghai.

Die Ausstellung ist eine Sensation. Museumsdirektorin Danielle Spera und Daniela Pscheiden haben Unmengen von Bildmaterial und Dokumenten zusammengetragen; Stefan Fuhrer hat die Schau so gestaltet, dass der Besucher die Stationen des Exils nachvollziehen kann: Ankunft, provisorische Unterbringung, Fußfassen in der Fremde, Versuche, der eigenen Kultur ein Refugium zu schaffen, Verbringung ins Getto, neuerliche Reise ins Unbekannte.

Wien, verpflanzt nach Shanghai. - © Sammlung Jabloner
Wien, verpflanzt nach Shanghai. - © Sammlung Jabloner

Fragmente der eigenen Kultur

Berührend, wie die Vertriebenen Fragmente ihrer Kultur mitnehmen: Die Familie Hungerleider rettet einen bronzenen Beethoven-Kopf und ein Grammophon, der Geiger Ferdinand Adler kann sich mit seinem Instrument eine neue Existenz aufbauen, Amalia Hirsch nimmt ein Nudelholz mit. Jeder hat seine eignen Symbole, die ihn mit dem weggenommenen Zuhause verbinden.

Wie sich kulturell akklimatisieren in der so fremden Stadt Shanghai? Allmählich bauen die Wiener Juden eine Miniaturversion Wiens auf: Man will nicht verzichten auf die Cafés, die Konditoreien mit ihren Torten, die Würstelstände. Theater spielen deutschsprachige Komödien, deutschsprachige Zeitungen erscheinen, Vereine werden organisiert. Allmählich stellt sich ein jüdisch-wiener Alltagsleben ein. Die alte Heimat scheint in die Fremde gerettet.

Dann kommt wieder alles anders: Shanghai wird von den Japanern okkupiert, die mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbündet sind. 1943 wird ein Getto errichtet. Zwar kommt es nicht zur Judenvernichtung, aber jetzt sind auch in Shanghai Restriktionen spürbar. Es bedarf der Hilfe der Juden, die schon länger in Shanghai ansässig sind, um die Versorgung aufrechtzuhalten.

Nach Kriegsende stellt sich die Grundfrage: Bleiben oder weiterziehen? Zurück nach Wien, wo immer noch die Täter leben? Dennoch sind viele Juden der alten Heimat so verbunden, dass sie sich dafür entscheiden. Andere gehen, mitunter ohne Überzeugung, weiter in die USA oder nach Israel. Als sich abzeichnet, dass Mao-Zedong Shanghai einnehmen wird, verlassen die letzten europäischen Juden die Stadt, der sie kurze Zeit einen Hauch der Wiener Lebensart gebracht haben.

Dem Jüdischen Museum ist gelungen, nicht nur das Verbrechen der Vertreibung zu verdeutlichen, sondern auch, wie man in der fremdesten Umgebung in der eigenen Kultur wohnen kann - und wie sehr diese jüdische Kultur und die Wiener Kultur miteinander verflochten waren. Und auch, wie sehr, trotz aller begrüßenswerter Anknüpfungsversuche, der Wiener Kultur dieses Standbein bis heute fehlt.

Unbedingt den Katalog kaufen - er ist als historische Aufarbeitung des Themas von eigenem Wert.