Die Geschichte ist einfach: Eine junge Frau nimmt die Stelle als Gouvernante zweier verwaister Kinder an. Doch sowohl der Bub als auch das Mädchen verhalten sich zunehmend seltsam. Zu ihrem Schrecken erkennt die Gouvernante, dass die Kinder einem spukenden Paar verfallen sind.

Zumindest in der Netflix-Serie "Spuk in Bly Manor", rechtzeitig zu Halloween ins Programm genommen, läuft das so ab. In der Novelle "The Turn of the Screw" von Henry James ist die Geschichte freilich nur eigentlich einfach. Denn James setzt alles von Anfang an in ein diffuses Licht: Er erzählt "The Turn of the Screw" in Form von Tagebucheintragungen der Gouvernante, also aus der Perspektive völliger Subjektivität. Die Geister können ebenso gut real sein wie Produkte einer zerrütteten Psyche.

Solche erzählerischen Subtilitäten sind keine Sache für Fernsehserien. Netflix geht mit "The Turn of the Screw" so um, wie zuvor mit Shirley Jacksons "The Haunting of Hill House": Beide Erzählungen werden trivialisiert und mit hinzugefügten Episoden gedehnt. Dennoch ist das Grusel mit Niveau. Denn die Modifikationen, mit denen aus rund 200 Buchseiten mehrere Serienstunden werden, sind weniger Fälle von Willkür als von "geht nicht anders". Weil nämlich Gruselgeschichten und Gruselfilme unterschiedlichen Gesetzen des Angstmachens unterliegen.

Handlung kontra Atmosphäre

Vereinfacht: Gute Horrorfilme brauchen zum Aufbau des Unheimlichen eine Handlung, gute Horrorgeschichten können, je nach der Stilgewandtheit des Autors, ausschließlich aus der Beschreibung des Unheimlichen bestehen.

Anders gesagt: Filme funktionieren wie Langerzählungen, aber die besten unheimlichen Geschichten sind kurz. Es gibt kaum einen gelungenen Horrorroman. Wobei, wie immer, so auch hier Ausnahmen die Regel bestätigen: Die Henry-James-Novelle, bei Shirley Jackson wird man mit "Wir haben immer schon im Schloss gelebt" ein zweites Mal fündig. Ist Mary Shelleys "Frankenstein" eine Horrornovelle oder eine Erzählung über die Frage, was Menschsein bedeutet? (Salomonische Antwort: beides - welch seltener Glücksfall!) Und schon wird’s dünn. Ramsey Campbell hat zumindest mit "The Hungry Moon" einen tauglichen Horrorroman geschrieben, ebenso T. E. D. Klein mit "The Ceremonies", Dan Simmons mit "The Song of Kali" und der auch als Filmschauspieler renommierte Amerikaner Thomas Tryon mit "Harvest Home". Und sonst?

Fehlanzeige bei den Genregiganten: H. P. Lovecrafts einzige Langerzählung "At the Mountains of Madness" bezieht sich auf Edgar Allan Poes einzigen Roman "The Narrative of Arthur Gordon Pym" - als Angstmacher versagen beide. Keine Langerzählungen bei Thomas Ligotti, keine bei M. R. James, Ambrose Bierce, nur Missglücktes bei Algernon Blackwood. Bei Arthur Machen sprengen die Langerzählungen das unheimliche Genre, und Stephen King. . .

Gerade an Kings Horror-Romanen lässt sich das Problem am besten beobachten: Eine Horrorgeschichte, die beim Lesen Angst macht, zielt auf einen Punkt, in dem sich die zuvor verdichteten Andeutungen des Grauens entladen. Kein Autor kann solch eine allmähliche Verdichtung über eine Strecke von zweihundert und mehr Seiten durchhalten. Daher sind die meisten Horrorromane, auch die Kings, Horrorepisoden, die durch einen Kitt zusammengehalten werden, der mit dem Unheimlichen bestenfalls peripher zusammenhängt.

Unheimliche Episoden

In "The Shining" etwa sind Ingredienzen des Unheimlichen wie Spukhaus, Zweites Gesicht, Schuldgefühle, Einsamkeit und Wahnsinn aufgehängt am roten Faden einer disfunktionalen Familie. "It" ist die Geschichte einer Freundschaft von Kindern, die alle Außenseiter sind - dazwischen taucht ohne Bezug dazu das Clownmonstrum auf. "Pet Sematary" streckt William Wymark Jacobs’ "Affenpfote", abermals mittels einer Familiengeschichte, auf Romanlänge, und obwohl man gerne zugibt, dass King in diesem Roman das Unheimliche glänzend verdichtet, muss man eingestehen, dass es Jacobs in der Kurzgeschichte noch besser gelingt - und zwar gerade weil er bei der gruseligen Sache bleibt und die Wiederkehr des Toten weder vervielfacht noch auserzählt: Monster erscheint - Monster verschwindet - Monster erscheint - Monster verschwindet: Der Mechanismus lässt sich auf Romanlänge strecken, führt aber kaum je zur Intensivierung des Unheimlichen.

Die wirkungsvollsten Horrorgeschichten sind Kurzgeschichten. Das Zerfallen eines Sterbenden in Poes "The Facts in the Case of M. Valdemar", die "blasphemischen Dünste" Lovecrafts, die Andeutungen eines M. R. James, die bizarren Pointen eines Bierce, die diffuse Atmosphäre eines Ligotti - das trägt keine eineinhalb Filmstunden und schon gar keine Serie. Also müssen Drehbuchautoren solch ein Material strecken mit Nebenhandlungen und Episoden.

Der Film rettet den Roman

Etliche Stephen-King-Verfilmungen hingegen sind um Klassen besser als die Romane, auf denen sie basieren. Kino und Fernsehen retten oft Horrorromane, weil romanhafte Handlungsstränge einem Film gut und einer Serie noch besser anstehen, während sie in der Horrorerzählung nur unnützes Beiwerk sind. Umgekehrt ist die gelungene filmische Adaption einer Horror-Kurzgeschichte, ohne sie umzubauen, eine Ausnahmeerscheinung. Abgesehen von Jacques Tourneurs Film "The Curse of the Demon" nach M. R. James‘ Kurzgeschichte "Casting the Runes" gibt es wenig Nennenswertes auf diesem Niveau. Jüngst etwa gipfelte Richard Stanleys Verfilmung von Lovecrafts "The Colour Out of Space" nach grenzenloser Langeweile in einem öden LSD-Farbenrausch. Gruselfaktor null.

Und "Spuk in Bly Manor" auf Netflix? - Eine adäquate Verfilmung von Henry James’ "The Turn of the Screw" ist das nicht. Aber gepflegte Gruselstunden mit Niveau sind drin. Halloween kann kommen!