Ich sitze an meinem Schreibtisch in der Collins Avenue, Miami Beach - und ich habe Angst. Ich lebe schon seit zwei Jahrzehnten hauptsächlich in den USA, aber die letzten zwölf Monate nach selbstverordneter Buchklausur und persönlichem Lockdown wegen Covid-19 war die Überdosis. Noch nie zuvor - und ich arbeite seit den 1980er Jahren viel in Amerika ("Rock Me Amadeus") - erlebte ich die USA so intensiv, so angstmachend und so unappetitlich wie seit letzten November.

Ich habe das Gefühl, ich lebte in den letzten zwölf Monaten in einer Diktatur. In einer Diktatur der Dummheit, des Rassismus - und zuletzt in einer Diktatur, die Politikwissenschaftler durchaus als faschistisch bezeichnen könnten. Der offensichtliche Unterschied zu den Regimen der Vergangenheit und Gegenwart sind (noch) die freien Medien. Aber sollte die Diktatur der Dummheit (oder der oberste Gerichtshof wie im Jahr 2000) Trump eine zweite Amtszeit bescheren - dann sehe ich auch für die freien US-Medien "a bad moon rising", wie Bob Dylan sang.

Rudi Dolezal, gebürtiger Wiener, ist international vielfach ausgezeichneter Musikfilmer (Rolling Stones, Queen, Falco), Grammy-Gewinner und Publizist (Dr. Karl Renner Preis), Autor mehrerer Bücher, arbeitet und lebt seit mehr als 20 Jahren schwerpunktmäßig in den USA. Zuletzt zog er sich nach Miami zurück, um an seinem sein Buch "My Friend Freddie" über Freddie Mercury zu schreiben. Archive Prod.
Rudi Dolezal, gebürtiger Wiener, ist international vielfach ausgezeichneter Musikfilmer (Rolling Stones, Queen, Falco), Grammy-Gewinner und Publizist (Dr. Karl Renner Preis), Autor mehrerer Bücher, arbeitet und lebt seit mehr als 20 Jahren schwerpunktmäßig in den USA. Zuletzt zog er sich nach Miami zurück, um an seinem sein Buch "My Friend Freddie" über Freddie Mercury zu schreiben. Archive Prod.

Der ehemalige Vize-Präsident der USA Al Gore, dem 2000 die Wahl trotz Mehrheit an Stimmen gestohlen wurde, sagte mir in einem persönlichen Gespräch vor einigen Tagen: "Ich glaube an die Kraft der amerikanischen Demokratie - Biden wird mit so großer Mehrheit gewinnen, dass Trump nichts anderes übrig bleiben wird, als zu gehen."

Nun ich teile diesen Optimismus (leider) nicht. Aufgrund meiner intensiven Beobachtungen der letzten Monate vor Ort und aus erster Hand. Der Präsidenten-Darsteller Trump hat in den Jahren der "Diktatur der Dummheit", die gefährlich perfide durchdacht war (wenn auch nicht von Trump selbst), ganze Arbeit geleistet: Bewaffnete Privatmilizen stehen offensichtlich bereit für den zweiten Amerikanischen Bürgerkrieg. Nur diesmal nicht - wie in den Jahren 1861 bis 1865 - mit Gewehren, die man nach einem Schuss nachladen muss, sondern mit Schnellfeuerwaffen. Und die Trump-Anhänger haben bereits bewiesen, dass sie damit skrupellos drohen.

Weiters ist das Rechtssystem für eine ganze Generation (da Höchstrichter in USA auf Lebenszeit bestellt werden) in der Hand der "Trumpisten" - allein der Oberste Gerichtshof mit neuerdings 6:3 Mehrheit für Trump. Dies wird zur Folge haben, dass die Krankenversicherung (unter Obama & Biden eingeführt) für Millionen Amerikaner wieder abgeschafft, die Fristenlösung wieder verboten wird - ebenso wie Marihuana. Und im Notfall (siehe Gore vs. Bush, 2000) etwaige Entscheidungen rund um die Präsidentschaftswahl für Trump und gegen Biden entschieden werden - A very bad moon rising.

Ach ja, und (weiße) Polizisten dürfen weiterhin durchschnittlich einmal pro Woche (meistens schwarze) Unschuldige ungestraft erschießen. Daran konnte auch "Black Lives Matter" nichts ändern, das ich aktiv unterstütze. Es reicht als Rechtfertigung, wenn die Polizisten meinen, "um ihr Leben zu fürchten". Obwohl die Afroamerikaner sehr oft in den Rücken geschossen werden.

Jeder Europäer darf sich daher, so wie ich, die Frage stellen: Will man in so einem Amerika noch leben?

Ich bin zwanzig Jahre zwischen USA und Europa gependelt - mit Schwerpunkt USA. Für meinen Beruf spielt die "Champions League" nun einmal in den Vereinigten Staaten. Ich habe Amerika auch stets gegenüber meinen europäischen Freunden verteidigt. Aber dieses eine intensive Jahr ohne Unterbrechung hat meinen Blick verändert. Heute bin ich überzeugt: Achtzig Prozent der Amerikaner sind "hoffnungslose Fälle". 19 Prozent sind sogar beinharte Rassisten. Und das restliche eine Prozent sind die paar netten Amerikaner, die ich in 20 Jahren getroffen habe. Ein Prozent. Mehr nicht.

Es wird Gewalt geben

Egal wie diese Präsidentenwahl ausgeht, es wird Gewalt geben. Davor hab ich Angst. Als die (meiner Meinung nach berechtigten) Demonstrationen gegen Polizeigewalt ihren Höhepunkt hatten - saß ich ebenfalls hier im Büro und hörte die Schüsse der Polizei: Es gibt Lustigeres. Das kranke Ausmaß der Bewaffnung der Zivilbevölkerung (es gibt mehr Waffen als Bürger) trägt den Funken der Gewalt längst in sich - Trump wirft das Zündholz - und: Bummmm!

Vieles spricht dafür, dass Joe Biden entscheidend mehr Stimmen als Trump haben sollte - aber wird er auch Präsident? Und wird Trump dann auch gehen? Friedlich? Wenn er das vorhat, wozu hat er dann seine "Privatmilizen" wie die "Proud Boys", die nichts anderes als eine bewaffnete Faschisten-Truppe sind, in "Bereitschaft" versetzt?

Selbst wenn Trump gehen sollte, der "Trumpismus" bleibt. Sohn Don Junior steht schon als Nachfolger bereit - "Trump-TV" ist schon längst in Vorbereitung und 35 bis 40 Prozent der Amerikaner bekennen sich immer noch bedingungslos zu Trump, dem ersten Präsidenten der USA, der die Vereinigten Staaten wie eine Mafia-Familie führte, und niemand hatte wirklich eine Handhabe dagegen.

Weil - und auch das ist eine Erkenntnis des letzten Jahres - dieses Land unregierbar geworden ist. Aus vielen Gründen. Nur ein paar Schlagworte: veraltetes Wahlsystem, undemokratischer "Zwei-Parteienstaat", veraltete Verfassung. Viele meiner europäischen Freunde begehen den Fehler, die USA mit "europäischen Augen" zu sehen - so kann man die USA aber nicht verstehen.

Die Wahl von Obama, den ich auch persönlich kennenlernen durfte, habe ich genauso mitverfolgt wie die heutige. Obama - ein Erlebnis, ein Ereignis, das Hoffnung gab. Aber das ist Vergangenheit und der "Trumpismus", wie das hervorragende "Lincoln-Project" (bestehend aus Republikanern, die noch Moral haben) die neue bestimmende politische Kraft der USA beschrieben hat, zerstörte all diese Hoffnung in nur vier Jahren. Nein, mehr noch: Der Trumpismus brachte die Fratze des "Hässlichen Amerikaners" hervor, das die Illusion Obama nur zu verdecken schien.

Es gilt zu erinnern, dass die USA auf Sklaverei aufgebaut sind - der Rassismus ist allgegenwärtig. Und noch immer tief verwurzelt in der Gesellschaft. Darauf baut Trump - auch heute. Und viel zu wenige finden das widerwärtig. Eine liebe amerikanische Freundin von mir, Chaz Ebert, Witwe des wohl berühmtesten Filmkritikers Amerikas - Roger Ebert, Pulitzerpreisträger -, rief mich unlängst an, als ich einen meiner Videoblogs online stellte, in dem ich Trump scharf kritisierte. "Rudi, ich mach mir Sorgen um dich", sagte der ehemalige Anwältin für Bürgerrechtskämpfer zu mir, "sei vorsichtig, ich habe Angst, dass sie dich wegen deiner Bemerkungen mit der Polizei abholen!" So weit ist man im "Land of the Free". Man ist auf den Hund, nein: auf den Trump gekommen. Wenn die mutige Chaz Ebert das sagt - dann steht es schlecht um Amerika. Und ich bekam Angst.

Al Gore erinnerte mich, dass er Florida (den damals alles entscheidenden Bundesstaat) wegen 250 Stimmen verloren hatte. 250 Stimmen mehr für Gore und er wäre Präsident geworden. Stellen wir uns das einmal nur als Gedankenspiel vor: Präsident Gore hätte den Klimawandel bekämpft - schon vor 20 Jahren, die USA als Vorreiter gegen Climate Change, er hätte keinen Irakkrieg begonnen, kein Krieg in Afghanistan. Direkt nach Gore wäre dann Obama gekommen - in so einem Amerika würde ich gerne wohnen. Stattdessen bekam die Welt George W. Bush, den Europäer fürchterlich fanden, der aber immer noch ein moralisches Schwergewicht war gegen Trump.

Milizen und Arbeitslose

Die USA stehen meiner Meinung nach vor einem Bürgerkrieg. Und auch bei 500.000 toten Amerikanern durch Covid werden die Trump-Anhänger keine Masken aufsetzen. Also stehen die USA auch vor einer echten Pandemie-Katastrophe. Und was noch dazukommt: Bald könnten neben den bewaffneten Trump-Milizen auch Arbeitslose, die nichts mehr zu essen und zu wohnen haben, (bewaffnet) auf der Straße landen.

Aber: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Mein Freund Bill Maher meinte gestern in seiner Sendung: "Wir Amerikaner müssen es schaffen, ohne Bürgerkrieg zusammenzuleben. Denn: Kein anderes Land würde uns nehmen."