Gerade noch keimte ein kleines Pflänzchen der Hoffnung in der Kulturbranche auf. Nach dem ersten Lockdown brachten aufwendige Corona-Konzepte, Einlasskontrollen, personalisierte Karten und Schachbrettmuster ein paar Monate der "Ausnahme-Normalität". Doch nun ist es wieder traurige Gewissheit, Kunst und Kultur stehen still. Zumindest bis Ende November, aber was danach kommt, kann noch niemand sagen.

Von Glück und Pech

So wurde das erste Novemberwochenende zur letzten Auftrittsmöglichkeit für die Künstler. Wie eng Glück und Pech zusammenliegen, zeigte sich auch. Während das Filmfestival Viennale am Sonntag planmäßig enden konnte, ist beim Neue-Musik-Festival Wien Modern, das erst am Freitag begann, schon wieder Schluss. Obwohl man eigentlich bis 29. November spielen wollte, bemüht sich Intendant Bernhard Günther darum, zumindest einige Formate als Stream oder durch Verschiebung zu retten, und meint, man müsse von einer "existenzbedrohlichen Krise der Kulturnation Österreich" sprechen.

"Wir haben bis zum Schluss gezittert und gehofft", so Viennale-Geschäftsführerin Eva Rotter. Man sei in Gedanken bei allen Kollegen aus dem Kulturbereich, die von den behördlichen Schließungen im Zuge des neuen Lockdowns betroffen seien. "Mir ist klar, was wir für ein Glück hatten", freute sich Direktorin Sangiorgi in ihrer Abschlussrede und verabschiedete sich mit einem Geschenktipp für Weihnachten: Abonnements und Kinogutscheine seien die ideale Variante, die darbende Kulturszene zu unterstützen.

Die Reaktionen aus den einzelnen Häusern, egal ob Theater, Museen oder Kinos, gleichen sich: Verständnis geht Hand in Hand mit Verzweiflung und Kritik. Gerade bei den Museen wird der Lockdown mehrheitlich kritisch gesehen. Im Theater- und Musikbereich freut man sich zumindest, dass Proben sowie Vorstellungen ohne Publikum (etwa zum Streaming) möglich bleiben.

Verständnis, aber ...

Staatsopern-Direktor Bogdan Roščić stellte etwa klar: "Wir müssen nicht mehr über Theatervorstellungen reden, wenn schon abendliche Ausgangssperren verhängt werden." Oberstes Ziel sei nun, die gerade in Proben befindlichen Neuproduktionen möglichst im Dezember zur Premiere zu bringen. Auch Bundestheater-Holding-Geschäftsführer Christian Kircher stellt sich hinter die Maßnahmen: "Der Lockdown - so schmerzlich er ist - ist auch aus Sicht der Bundestheater nachvollziehbar. (...) Wir müssen uns der Realität stellen, dass es ein übergeordnetes Interesse gibt: die Gesundheit der Bevölkerung." Burgtheater-Direktor Martin Kušej äußerte "bei allem Verständnis für gewisse Regelungen" auch Kritik. Die erneuten Schließungen seien für die Kultur "eine echte Katastrophe. Und ich habe Mühe, meinen Unmut darüber zu unterdrücken, in welche Kategorien unsere Arbeit und die Arbeit aller anderen Kulturschaffenden dieses Landes eingeordnet werden."

Im Musikverein zeigte sich Intendant Stephan Pauly betroffen: "Die Gesellschaft der Musikfreunde bedauert sehr, dass bis 30. November keine Konzerte stattfinden können." Kollege Matthias Naske vom Konzerthaus meint: "Das erneute Veranstaltungsverbot trifft uns hart. Mit einem Strich wird monatelange Arbeit an einem modifizierten und der Situation angepassten Spielplan vom Tisch gefegt." In Linz zeigte sich LIVA-Chef Dietmar Kerschaum überzeugt, dass es möglich gewesen wäre, den Kulturbetrieb aufrechtzuerhalten.

Verständnis kam hingegen von Belvedere-Generaldirektorin Stella Rollig dafür, dass in Zeiten des allgemeinen Lockdowns auch die Museen geschlossen würden: "Jetzt gilt es, die Zeit der Schließung bestmöglich zu nutzen." Peter Aufreiter, Direktor des Technischen Museums Wien und derzeit Vorsitzender der Bundesmuseenkonferenz, zeigte sich wenig überrascht von den Maßnahmen: "Wenn die Experten drastische Maßnahmen empfehlen, tragen wir das natürlich mit." Natürlich wolle niemand zusperren, aber das sei nun eben wohl notwendig.

Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums Wien (KHM), unterstrich, dass sie "natürlich nicht" einverstanden sei mit der Entscheidung der Politik. "Wir sind sehr getroffen, dass die Museen schließen müssen. Museen könnten gerade in der jetzigen Zeit Halt, Werte und die Möglichkeit, sich auszutauschen, bieten."

"Enttäuscht und traurig" zeigte sich Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder. Man habe verabsäumt, die Voraussetzungen differenziert zu betrachten. Schröder kritisierte das Handeln der Regierung im vergangenen Halbjahr: "Ich gestehe, dass ich die jetzigen Lockdown-Maßnahmen vor allem deshalb für notwendig halte, weil zu leichtfertig und vorschnell nach den sinkenden Infektionszahlen alles geöffnet wurde und gleichzeitig man sich naiv auf einen baldigen Impfstoff verlassen hat."

IG Kultur fordert langfristiges Investitionsprogramm

Für IG Kultur-Geschäftsführerin Yvonne Gimpel gibt es "nichts zu beschönigen": Der Lockdown des Kulturlebens sei eine Katastrophe und treffe die ohnehin schon schwer durch die Krise gebeutelte freie Szene doppelt hart, wie sie am Montag gegenüber der APA festhielt. Aber: "Wenn es zur Eindämmung der Pandemie erforderlich ist, dann wird der Kulturbereich weiterhin seinen Teil beitragen - so wie er es bislang vorbildlich mit viel Herzblut und unglaublichem Engagement getan hat."

Seit Monaten sei in die Entwicklung und Umsetzung von Sicherheitskonzepten investiert, fast jede Woche neue Maßnahmen gesetzt worden, um der sich ständig ändernden Rechtslage gerecht zu werden und dennoch ein Kulturangebot zu bieten. All die getroffenen Maßnahmen hätten auch dazu geführt, dass der IG Kultur bis dato kein Cluster bekannt sei, der von einer Kulturveranstaltung ausgegangen wäre. "Es ist schlicht frustrierend, dass trotz all dieser Bemühungen nun nichts mehr geht", so Gimpel. Die Ankündigung einer schnellen und unbürokratischen Hilfe, die zumindest 80 Prozent der Ausfälle ersetzt soll, bewertet sie "natürlich positiv - so sie auch tatsächlich schnell und unbürokratisch kommt. Ankündigungen alleine zahlen noch keine Rechnungen". Viele Kulturschaffende könnten es sich "schlichtweg nicht mehr leisten, auf eine Unterstützung Wochen bis Monate zu warten".

"Für die freie Kulturszene geht es an die Substanz der Existenz - und dies nicht nur unmittelbar durch den neuerlichen Lockdown, sondern grundsätzlich", schlägt Gimpel in dieselbe Kerbe wie zuvor etwa schon die IG Autorinnen Autoren. Denn realistischer Weise blieben die Aussichten auch für die Zeit nach dem Lockdown düster: "Es wird ein ständiges Hin und Her bleiben, bei der einmal ein bisschen mehr, einmal ein bisschen weniger geht, so überhaupt etwas möglich ist."

Aktuell werde an akuten Hilfsfonds gearbeitet, "der wahre Crash des Kulturlebens droht aber in den kommenden Monaten". Aufträge für Künstlerinnen und Künstler sowie Produktionen blieben aus, Planungsperspektiven für notwendige Vorbereitungs- und Probenarbeiten existierten nicht, finanzielle Sicherheit gebe es derzeit lediglich bis Jahresende, wenn die Fonds nach aktuellem Stand auslaufen. Und auch das Publikum breche immer mehr weg. Daher richtet Gimpel einen dringenden Appell an die Politik: "Wenn die freie Kulturszene nach der Krise nicht bei Null beginnen soll, braucht es ein umfassendes Investitionsprogramm, das nicht nur kurzfristig sondern zumindest bis Ende 2021 angelegt ist."

Das bedeute sowohl Investitionen in den Erhalt von Kulturräumen und Beschäftigung im Sektor, Kompensationen von Ausfällen um überhaupt noch Planungen zu ermöglichen, als auch Investitionen in vertrauensbildende Maßnahmen für das Publikum. "Denn letztlich geht es im Kulturbereich nicht nur um die Aufrechterhaltung eines wichtigen Wirtschaftssektors mit Arbeitsplätzen und Wertschöpfung, sondern um die Sicherstellung einer kulturellen Grundversorgung und eines vielfältigen Kulturlebens für alle."

IG Autorinnen Autoren sehen Kulturpolitik gefordert

"Von einem Lockdown light kann im Kunst- und Kulturbereich keine Rede sein", ärgert sich die IG Autorinnen Autoren in einer Aussendung. "Ob nur befristet oder ohne Frist ist egal, zur Planungssicherheit leisten zeitliche Beschränkungen keinen Beitrag, sie sind lediglich Absichtserklärungen, die nicht zutreffen müssen", so Geschäftsführer Gerhard Ruiss in einer Aussendung.

Der einzige Unterschied zur Situation im März bestehe im Vorhandensein von Unterstützungsfonds, "die über die ärgste Not hinweghelfen können und jetzt schnell auf den aktuellen Stand gebracht werden müssen". Was aber alle Fonds zusammengenommen nicht könnten, "ist, den Kunst- und Kultureinrichtungen und Künstlerinnen und Künstlern die verloren gehende kulturelle Öffentlichkeit zurückzugeben". Daher fordert die IG Autorinnen und Autoren "dringend eine Kulturpolitik, die über Soforthilfemaßnahmen hinausgeht".

Das derzeitige politischen Wollen auf dem Sektor Kunst und Kultur sei auf Abwarten zu einer Rückkehr in eine Normalität ausgerichtet, die von einem Tag des Pandemie-Endes und einem nächsten Tag der bruchlosen Fortsetzung des letzten Tages vor den Beschränkungen ausgehe. "Diese Fortsetzung einer Normalität von vorher wird es nicht geben. Es geht um einen Neustart unter geänderten Bedingungen. Und dafür muss alles getan werden. Ab sofort."

Am Ende bleibt die Hoffnung auf Live-Streams und den 80-prozentigen Umsatzersatz im November - rasch und unbürokratisch.