Wie kann man es da aushalten? Ist es nicht wahnsinnig laut?" Oder "Versumperst du jeden Abend in einem anderen Lokal?" Bewohner des sogenannten Bermudadreiecks kennen diese Fragen und haben gelernt, sie souverän zu überspielen. Ihnen ist klar, dass ein Großteil der Rest-Wiener und Österreicher in dem Viertel nahe dem Schwedenplatz vor allem eine Art Ballermann der Innenstadt sehen. So wie es auch der Attentäter vom 2. November 2020 getan hat. Der sich diese Straßen entweder aus pragmatischen Gründen ausgesucht hat - weil er dort möglichst viele Opfer erwischen wollte. Oder aus ideologischen, weil er dort symbolisch Freiheit und Lebensfreude attackieren konnte.

Es wird ihm kaum bewusst gewesen sein, dass er ein zutiefst historisches Herz dieser Stadt getroffen hat. Eine Gegend von Wien, die mit Geschichte so aufgeladen ist, dass sie körperlich spürbar wäre - hätte man nicht gerade einen Meter Schnaps in einem der umliegenden Lokale konsumiert. Und: Es ist ein Viertel von Wien, an dem sich schon ganz andere Kaliber die Zähne ausgebissen haben.

Über allem thront die Ruprechtskirche. Obwohl das Wort "thronen" wohl für keine Kirche der Welt weniger passen würde als dieses auf den ersten Blick unscheinbare Kirchlein. Neben dem Prunk anderer Wiener Sakralbauten etwa aus dem Barock oder der Majestät des nicht weit entfernten Stephansdoms fällt die Ruprechtskirche in Sachen Pomp natürlich ab. Bevor im Zweiten Weltkrieg sie selbst und ihre Umgebung von Bombardements wegen der Nähe zum Donaukanal schwer beschädigt wurden, war sie zudem hinter Häusern gut versteckt. Nur weil die Häuser direkt darunter nach den Bomben nicht mehr aufgebaut wurden, sieht man die Kirche nun auch vom Franz-Josefs-Kai aus.

Ihre Atmosphäre freilich ist unvergleichlich, kaum sonst wo weht einen die Geschichte so an wie in einer der engen Bänke der Ruprechtskirche. Der Legende nach wurde sie schon 740 n. Chr. gebaut. Sie ist aber natürlich nicht mehr in dieser Urversion erhalten. Die ältesten noch bestehenden Mauern stammen allerdings immerhin aus dem 12. Jahrhundert, etwa die Mauern des Hauptschiffs mit der Empore. Der Turm gilt als ältestes sakrales Bauwerk Wiens. Zu jener Zeit erfuhr Wien einen gewaltigen Aufschwung, es sind die letzten Jahre der Babenberger-Herrschaft. Der Handel beginnt zu florieren, die Ruprechtskirche spielte auch hier eine Rolle: Der Heilige Rupert, dem die Kirche geweiht ist, ist der Patron des Salzhandels. Das Salzamt, das damals mitnichten die heutige sarkastische Bedeutung hatte, wurde direkt an den Turm der Kirche angebaut. Salzhändler waren es auch, die für den Erhalt der Kirche sorgten beziehungsweise sorgen mussten.

Salzer und Römer

Unweit der Kirche landeten ja die Schiffe der Salzer, die die Ware von Bergwerken nördlich der Alpen brachten. Straßennamen zeugen noch heute vom Salzhandel - Salztorbrücke, Salzgries. Wegen Letzterem wurden die Salzhändler übrigens auch Griesler genannt, daraus soll das Wort "Greißler" entstanden sein.

Die Gegend rund um die Ruprechtskirche ist nicht weniger als der Anfangspunkt, die Keimzelle des heutigen Wiens. Um die Kirche entstand die Stadt auf den Resten der Römer. Denn damit endet die historische Bedeutung des Viertels keineswegs, die Zeitmaschine fährt noch weiter. Zuvor lag in diesem Areal das römische Lager Vindobona. Ums Eck, am Hohen Markt, zeigt das Römermuseum des Wien Museums Ausgrabungen. Hier befand sich das Kommandogebäude, das Praetorium, des Lagers. An den römischen Kaiser Marc Aurel erinnert nicht nur die gleichnamige Gasse, zwischen ein und zwei Uhr zieht er auch als Figur über die Anker-Uhr. Kommt man von der Marc-Aurel-Straße über die Stiege in der Sterngasse zur Ruprechtskirche, geht man an römischen Riesenquadern vorbei, die Teil der Badeanlage von Vindobona gewesen sind.

Dunkelste Schatten

Jeder Wiener ist daran mit Sicherheit schon zumindest einmal achtlos vorbeigelaufen - so alltäglich und organisch verortet ist die Geschichte an diesen Orten der Stadt.

Die Stiege heißt Theodor-Herzl-Stiege, geht man sie hinauf und ziemlich geradeaus, kann man beim Kornhäuselturm (Richtung Cine Kino) wieder eine kleine Stiege hinunter gehen - diese heißt Jerusalemstiege. Beide weisen auf die jüdische Geschichte in diesem Grätzl hin. Joseph Kornhäusel entwarf den klassizistischen Tempel in der Seitenstettengasse, 1826 wurde er eröffnet. Dass die Synagoge von außen kaum zu erkennen ist, liegt an den zwiespältigen Gesetzen jener Zeit. Es war Juden zwar erlaubt, ihre Religion öffentlich auszuüben, die Gotteshäuser mussten aber verborgen werden. Das "rettete" die Innenstadtsynagoge wiederum in den Pogromnächten am 9. und 10. November 1938. Sie wurde aber als Sammellager für Juden, die später deportiert und ermordet wurden, verwendet.

Gerade dieses Viertel Wiens hat auch die dunkelsten Schatten der Geschichte erlebt. Ein Platz ist gar für immer kontaminiert und gebrandmarkt: der Morzinplatz. Dort stand die Zentrale der Gestapo, dort wurden bis 1945 10.000 Menschen verhaftet, verhört, gefoltert und in den Tod geschickt. Die Gestapo riss sich dafür das Hotel Metropole unter den Nagel. 1873 hatte dieses Luxushotel eröffnet, sein Name sagt schon, wie man sich die Zukunft vorgestellt hat: Wien als weltoffener, moderner, eleganter Anziehungspunkt. Der Lauf der Geschichte sollte diese Vision zunichtemachen. Aber nicht für immer.

Seit Montag ist die dichte geschichtliche Atmosphäre des Ruprechtsviertels um eine Schwade reicher. Der erste Schock ist überstanden, Scherben sind weggekehrt, Blut ist weggewischt. Kränze und Kerzen erinnern an die Opfer. Tatort-Straßenmarkierungen am Platz unter der Kirche werden verblassen. Bleiben wird das Bewusstsein, was diese Stadt alles überstanden hat, wofür nicht zuletzt genau dieses Viertel steht. In Sozialen Medien wird mit Bezug auf einen Anrainer, der sich verbal gegen den Attentäter auflehnte, der Hashtag #SchleichdiduOaschloch" gefeiert. Das ist putzig, aber passender wäre "#JesuisRuprechtsviertel".