Der Herbert war so einer. Der Herbert, der Lucius und der Donald, aber auch der Al und der Bernie. Auf den Al und den Bernie vergisst man heute regelmäßig, und auf den Gerhard auch.

Es geht um Verlierer - um schlechte Verlierer. Um die Verlierer, die nicht einsehen können, dass sie verloren haben. Dass nichts mehr zu machen ist. Dass kein noch so gewitzter Anwalt das Ruder herumreißen und das Schiff in den anderen Hafen steuern kann. Weil längst die gesamte Schiffsbesatzung es den Ratten nachgemacht hat und von Bord gegangen ist. Es geht um Napoleon und Lucius Domitius Ahenobarbus, besser bekannt als Nero, um Donald Duck und Trump, um Al Gore, Bernie Sanders und Gerhard Schröder.

Der Herbert war im Vergleich harmlos, aber symptomatisch. Der Herbert hat, damals, in der siebenten Klasse Gymnasium vor gefühlt dreiundneunzig Jahren, ein Befriedigend gekriegt, und zwar ausgerechnet in Musikerziehung. Fort war der Vorzug. Bis zum Direktor ist die Sache getragen worden: Ob der Musicus nicht ein Auge zudrücken mag, Musik soll doch das Leben verschönen, nicht trüben und so weiter. Er hat das Auge nicht zugedrückt, der Musicus. Offenen Auges hat er dem Herbert das Befriedigend gegeben. Schlimmer: Er hat ihn vor der Klasse aufstehen lassen und gefragt, ob er, der Herbert, es angesichts seiner Leistungen (es ging nicht um richtiges Singen, es war erlernbarer Stoff) für fair hält, anders behandelt zu werden. Der Herbert hat es für fair gehalten. Nachher hat er nur noch wenige Freunde gehabt.

Das Leben ist unfair

Die Geschichte vom Herbert, die sich wirklich so zugetragen hat (nur hat der Herbert nicht Herbert geheißen), ist nur auf den ersten Blick nebensächlich. Genau so nämlich fangen schlechte Verlierer an: Wenn man jemandem von klein auf das Gefühl gibt, man braucht nur Geld, Beziehungen, Anwälte und Chuzpe, und schon kann man die Niederlage in einen Sieg umwandeln, dann nimmt er das auf seinen Lebensweg mit. Umso bitterer sind dann die Niederlagen, die man nicht abwenden kann.

Wobei, das sei deutlich gesagt, Niederlagen nichts zu tun haben mit der tatsächlichen Leistung. Das Leben ist unfair. Niederlagen erfährt jeder, auch ungerechtfertigte. Und das unmäßige Triumphgeheul eines geschmacklosen Siegers mag eine zusätzliche Demütigung bedeuten. Dennoch ist es nur eine Frage des Umgangs mit der Niederlage, ob man sie erhobenen Hauptes einsteckt oder ob man einen anderen Ausgang erwinseln will - was nicht gerade zum eigenen Renommee beiträgt. Denn schlechte Verlierer mag niemand.

Paradebeispiel Nero, von 54 bis 68 Kaiser des Römischen Reichs. Eigentlich hat er nichts falsch gemacht: Er liebte Künste und Sport mehr als den Krieg, sein Krisenmanagement beim Brand von Rom war perfekt, sein Erlass, beim Wiederaufbau gewisse Häuserteile nicht mehr in Holz zu bauen, von Weitsicht geprägt. Ab einem gewissen Moment aber hatte Nero den gesamten Adel und die Armeeführung gegen sich. Jetzt beging er seinen einzigen Fehler: Nero konnte nicht verlieren. Das hatte er schon als Sportler und Künstler bei Wettkämpfen gezeigt. So wie er auf den Siegerlorbeerkranz nicht verzichten konnte, klammerte er sich nun an die Macht. Ergebnis: erbärmliche Flucht, erbärmlicher Suizid, unwürdige Nachrede. Das hat er nicht verdient, aber als schlechter Verlierer selbst herbeigeführt.

Detto Napoleon: Auch er hat die Macht nicht loslassen können. Für 100 Tage länger und eine allerletzte Schlacht mehr - war es das wirklich wert, um von der verhältnismäßig gemütlichen Insel Elba nach St. Helena umziehen zu müssen?

Diktatoren sind ja die ganze Geschichte hindurch immer die allerschlechtesten Verlierer gewesen. Adolf Hitler, der die Zeichen von Stalingrad nicht begreifen wollte und am liebsten das ganze Volk in seinen eigenen Untergang mitgenommen hätte, war nur, wie bei allen anderen Abscheulichkeiten, der Höhepunkt.

Erhobenen Hauptes verlieren - das schaffen nur wenige. Im Sport ist es kaum anders. Manch ein Fußballstar schießt den Ball um die halbe Erde oder fällt auf dem Rasen zusammen wie ein leerer Erdäpfelsack. Im Adrenalinsturm schleudern Tennisspieler ihr Racket zu Boden, und Golfspieler dreschen ihren Schläger gegen das zunächst aufrechtstehende Objekt. Sogar Schachspieler sollen bisweilen nach einer Niederlage im Zorn alle Figuren vom Brett gefegt haben. (Schon wieder Napoleon: Er soll, nachdem er drei Partien gegen den Schachautomaten Wolfgang von Kempelens verloren hat, die Figuren durch den ganzen Raum geschleudert haben.)

Diktatoren verlieren nicht

Doch ein schlechter Verlierer zu sein: In der Politik ist das nicht nur typisch für Diktatoren, es kann auch einen Demokraten erwischen. "Ich bin Kanzler, und das bleib’ ich auch", polterte der Noch-Kanzler Gerhard Schröder in der Wahlnacht 2005, als längst feststand, dass seine SPD von der von Angela Merkel geführten Union überholt worden war. Schröders Realitätsverlust war bemerkenswert. In der Elefantenrunde nach den Wahlen gerierte er sich, als wäre er der strahlende Sieger. Nur ein Fall von zu oft angestoßen? Worauf eigentlich?

Gute Figur hat auch der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer bei der österreichischen Bundespräsidentenwahl 2016 nicht gemacht. Gab es juristisch anfechtbare Unregelmäßigkeiten? - Zweifellos. Aber selbst, wenn Hofer juristisch zu Recht die Wahlwiederholung verlangte (und bekam): Das Image des schlechten Verlierers wurde er nicht mehr los.

Ein schlechter Verlierer war auch Bernie Sanders - er vielleicht sogar mit weitreichenden Folgen. Denn im Vorwahlkampf der Demokraten zu den US-Präsidentschaftswahlen 2016 hatten er und Hillary Clinton einander nichts geschenkt an Untergriffen und Tricks. Der Höhepunkt kam, als Hillary Clinton am Nominierungsparteitag im Juni die absolute Mehrheit der Delegierten erreichte. Sanders gab dennoch nicht auf. Noch bis Mitte Juli sekkierte er Hillary Clinton mit seiner Gegenkandidatur. Das könnte einen Graben in den Reihen der Demokraten aufgerissen haben, der tief genug war, um dem bizarren Republikaner Donald Trump den Weg ins Weiße Haus zu ebnen.

Al Gore konnte ebenfalls nicht verlieren. Als Kandidat der Demokraten unterlag er bei der US-Präsidentenwahl 2000 dem republikanischen Kandidaten George W. Bush: Gore hatte die Mehrheit der Stimmen, Bush die ausschlaggebende der Wahlmänner. Al Gore rief die Gerichte an, um die Wahl zu kippen - erfolglos, was ein Omen für die Gegenwart sein mag.

Auf dem Erpelbauch

Und dann eben Donald und Donald: Es ist nicht allein für Cartoonisten ein gefundenes Fressen. Donald der Onkel, also Donald Duck, hat manch Niederlage einzustecken. Schlimmstenfalls schmeißt der sich auf den Erpelbauch und trommelt mit seinen Flügelfäusten auf den Boden. Dann aber steht er jedes Mal wieder auf und beginnt von Neuem den Kampf gegen die Widrigkeiten der Nachbarschaft, die Aufmüpfigkeiten seiner Neffen, den Geiz seines Onkels Dagobert (der seinerseits Niederlagen gewohnt ist). Der andere Donald geht zu Gericht und will sich in die Präsidentschaft der USA klagen. Es ist, sogar wenn juristisch was dran sein sollte, eine der jämmerlichsten Vorstellungen, die ein schlechter Verlierer jemals abgegeben hat.

Der amerikanische Spielwarenhersteller Hasbro hat eine Monopoly-Edition auf den Markt gebracht, die für schlechte Verlierer gedacht ist. Die Spielregeln stehen auf dem Kopf, denn der Verlierer hat gute Chancen, am Ende doch noch abzuräumen. Es gibt für schlechte Verlierer also neue Perspektiven - auch für ihre Zeit nach der US-Präsidentschaft.