Drei Bauwerke waren es stets, die die Gegend um die Gemeinde Wagram im Bezirk Tulln in Niederösterreich prägen: die Pfarrkirche, das Schloss Grafenegg und - bei weitem über allem anderen thronend - der Lagerhausturm der Raiffeisen-Genossenschaft. Seit kurzem ist ein weiteres Gebäude fertiggestellt, das die "Skyline" von Wagram (sofern es so etwas gibt) mitprägt: der buddistische Stupa für den Frieden. Mit Spendengeldern erbaut, soll er ein Ort der Begegnung sein, ein Platz zum Meditieren, für Ruhe, Dialog und Lehre. Der Stupa ist trotz seiner Höhe nur die Nummer drei im Ort. Der Lagerhausturm überragt ihn deutlich und die Pfarrkirche mit ihrer Hügellage knapp, aber doch.

Sanft liegt der Stupa da an diesem milden Herbstmorgen. Der Herbst hat die Blätter an den Reben in leuchtendes Gold getaucht. Gold wie die Figur des Buddha, der in seiner Nische in der Kuppel sitzt und der stoisch über die Reben und Felder blickt. Es sind nur ein paar Schritte über einen Schotterweg den Hang hinauf. Und doch ist es wie der Eintritt in eine andere Welt. Bunte tibetische Gebetsfähnchen wehen im Herbstwind. Mit jedem neuen Hauch wird das darauf gedruckte Gebet neu gesprochen, so glauben es zumindest tibetische Buddhisten. Eine Rattan-Bank mit Aussicht lädt zum Verweilen ein. Besucher haben entlang des Weges kleine Steintürmchen aufgestellt. Sie sollen allen Wesen Glück schenken.

Im Inneren gibt es einen großzügigen Raum zum Meditieren. - © Baumgartner
Im Inneren gibt es einen großzügigen Raum zum Meditieren. - © Baumgartner

Erst oben auf der Plattform wird klar, wie groß das Gebäude ist. Mehr als dreißig Meter misst die Spitze über der Kuppel. Über eine Treppe kann man 50 Stufen zum Buddha hinaufsteigen und ein Opfer darbringen, eine Blume oder Räucherstäbchen hinterlassen. Nach einer Runde um die Kuppel geht es wieder hinunter. Der Blick von oben ist weitläufig.

Aus Gföhl weggehetzt

Fast könnte man vergessen, dass es um diesen friedlichen Ort jahrelange Streitereien gab. Denn Wagram ist nicht der erste Ort, an dem man bauern wollte. In Gföhl wurde nach Monaten der Hetze und des Streits eine Volksbefragung angesetzt. Kreise um die Piusbruderschaft und lokale FPÖ-Politiker hatten das Bauwerk verteufelt. Als einen "Götzentempel" verunglimpft. Mehrere Urteile wiesen die Rhetorik der Berufsempörten letztlich in die Schranken. Zwei Drittel waren in Gföhl dann doch dagegen. In Wagram fand man schließlich offene Ohren, Neugierde und deutlich weniger Widerstand. Manche in dem an saisonalen Tourismus gewöhnten Ort (nahe Grafenegg) witterten eine Chance auf wenige, aber dafür ganzjährige Seminargäste. Nicht jetzt natürlich, der Betrieb wird pandemiebedingt wohl erst im Frühjahr starten können. Vorerst kann man an den Wochenenden vorbeikommen und das Bauwerk besichtigen - wie es sich gehört, mit Abstand und Desinfektionsmittel.

Dass es den Stupa überhaupt gibt, ist Elisabeth Lindmayers Lebenswerk zu verdanken. Der Wirtin im Unruhestand gehörte das Gasthaus Lindmayer in Wien beim Hafen. Auch dort steht seit vielen Jahren ein Stupa, jedoch ein um ein Vielfaches kleinerer, der auch nicht begehbar ist. Dort feiert die Österreichische Buddhistische Religionsgemeinschaft jedes Jahr ihr "Vesakh-Fest" - Buddhas Geburtstag, Sterbetag und Eintritt ins Nirwana.

"Für den Frieden"

Lindmayer steht nicht ohne sichtbarem Stolz an diesem Herbstmorgen vor dem Stupa in Wagram. Seine langen Geburstwehen sieht sie in Analogie zu einem Fußballmatch: Manchmal kassiert man ein Gegentor, doch das heißt nicht, dass man deswegen das Spiel verliert. Auf die Frage, warum sie sich den Kampf angetan hat, antwortet sie sehr kurz: "Für den Frieden." Das Bauwerk soll den Frieden unterstützen. Es ist Teil eines Netzwerks an Stupas auf der ganzen Welt. Manche Buddhisten sind überzeugt davon, dass die Statuen eine friedliche Wirkung haben.

Natürlich bietet dieser Stupa, im Gegensatz zu seinem kleinen Bruder in Wien, auch Raum im Inneren. Ein einziger großer, runder Raum befindet sich im Inneren, einladend gedeckt mit hellem Holz. Bullaugenartige Fenster geben den Blick auf die Landschaft frei. In der Mitte steht ein Altar und eine mit Fähnchen geschmückte Glocke. Sie wird etwa bei Meditationen verwendet. Besucher können auf Kissen auf dem Boden oder auf Bänken am Rand sitzen. Auf Tischen werden Bücher und Handwerk aus Asien angeboten. Der zentrale Punkt im Raum genau unter der Kuppel ist Lindmayers ganzer Stolz: "Hier hat man eine sensationelle Akustik."

Zum Buddhismus ist sie schon vor Jahrzehnten gekommen. Asien-Reisen hinterließen eine Faszination, die sie nicht mehr losgelassen hat. Eine eindrucksvolle Begegnung mit seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama, verfestigten in ihr den Wunsch, den Buddhismus auch für andere Menschen zugänglich zu machen. Zwar ist der Buddhismus mit seinen vielfachen Richtungen in Österreich als Religionsgemeinschaft anerkannt. Die Infrastruktur für die mehr als 20.000 Buddhisten ist jedoch vor allem abseits von Wien problematisch.

Aus Spenden finanziert

Zwei Millionen Euro hat das neue Bauwerk in Wagram gekostet - ausschließlich finanziert durch private Spenden. Kein Cent an Subventionen ist geflossen. Aber nun ist fast alles bereit, lediglich die hintere Zufahrt für Menschen mit Behinderung, die den geschotterten Fußweg nicht schaffen, ist noch nicht ganz fertig. "Da suchen wir noch Spenden." Am Wochenende zum Nationalfeiertag fanden sich, gut verteilt über drei Tage und mit strikten Hygienevorschriften, an die 300 Besucher ein. "Sogar der Abt von Melk war da. Das hat mich sehr gefreut", sagt Lindmayer. Ein Erfolg, der, wenn die Pandemie in die Schranken gewiesen ist und der normale Betrieb anlaufen kann, noch mehr Gäste folgen lassen wird.

Bis dahin wird der Erleuchtete noch eine Weile vom Hang des Wagrams aus ins Dorf schauen. Vorbei an Reben, Neubausiedlung, Bahnhof und dem Raika-Turm. Empfohlen wird, beim Betreten das Schutzmantra "Om Tare Tuttare Ture Soha" zu sprechen, ein Mantra für die Schutzgöttin Tara. Es bedeutet in etwa: "Om, Tara, Du Retterin, Du Beseitigerin aller Ängste und Feindschaft". Möglicherweise wirkt es ja sogar gegen die Angst vor einem buddhistischen Bauwerk in Niederösterreich.