Er ist selbst einer, ein Surrealist nämlich. Nur, um das gleich vorwegzunehmen. Denn bekannt ist der 1928 geborene britische Zoologe Desmond Morris vor allem für Bücher über Mensch-Tier-Beziehungen wie "Dogwatching - die Körpersprache des Hundes", dem er "Catwatching" und "Horsewatching" folgen ließ. Mehr als 20 Bücher hat Morris bisher geschrieben, darunter eines über Eulen, mehrere über Affen, einige auch über Menschen, eines über Fußball - das alles mit einer wunderbaren englischen Eleganz: Das überbordende Wissen wird mehr erzählt als aufgelistet, es herrscht ein angenehmer Konversationston vor, der zeigt, dass der Autor nicht beeindrucken will, sondern sein Thema wirklich kennt.

Morris ist allerdings nicht nur Zoologe und Verhaltensforscher, sondern auch, was weit weniger bekannt ist, Maler. Seine Bilder, auf denen eigentümlich gedehnte Lebewesen endlose Ebenen bevölkern, sind beeinflusst von Salvador Dalí - und schon ist das Thema von Morris’ neuem Buch klar: "Das Leben der Surrealisten" kann der Brite deshalb so unglaublich gut beschreiben, weil er einer der ihren war oder ist. Er verkehrte in ihren Kreisen, lernte sie persönlich kennen mit ihren Marotten, ihren Geheimnissen, ihren Vorlieben und Aversionen. Dass Morris großartige Porträts liefert, ohne Indiskretionen zu begehen, spricht für ihn.

Rein von der Physiognomie her war Salvador Dalí das prägende Gesicht des Surrealismus. - © apa/dpa/Horst Ossinger
Rein von der Physiognomie her war Salvador Dalí das prägende Gesicht des Surrealismus. - © apa/dpa/Horst Ossinger

Alles ist Surrealismus

Unbedingt lesenswert sind Vorwort und Einführung - so ziemlich das beste, was über den Surrealismus gesagt werden kann: Ursprünglich, so Morris, war der Surrealismus keine Kunstrichtung, sondern ein philosophisches Konzept. Es ging darum, die Gesellschaft zu bekämpfen, die den Ersten Weltkrieg verschuldet hatte. Während die Dadaisten diesen Kampf mit Spott und skurrilen Obszönitäten führten, versuchte der Dichter André Breton, die Ernsthaftigkeit wiederzugewinnen. Er entwickelte das Konzept des Denk-Diktats "ohne jede Kontrolle durch die Vernunft, jenseits jeder ästhetischen oder ethischen Überlegung." Die Surrealisten der ersten Stunde waren dabei, so Morris, durchaus skeptisch, ob es surrealistische Malerei geben könne. Andererseits erlauben die Grundsätze des Surrealismus so grundlegend unterschiedlichen Künstlern wie René Magritte und Joan Miró, als Surrealisten zu gelten. Alles ist Surrealismus? - Nicht alles vielleicht, aber vieles.

Bei den Kurzbiografien, die den Hauptteil von Morris’ Buch ausmachen, begegnet der Leser bekannten Gestalten wie Hans Arp, André Breton, Salvador Dalí, Max Ernst, René Magritte, Joan Mirò und Man Ray, aber auch weniger bekannten: Alexander Calder etwa, Wilhelm Freddie oder Roberto Matta, während Wolfgang Paalen seit der großen Ausstellung im Unteren Belvedere verstärkt ins Bewusstsein gedrungen ist.

Morris’ weit gefasster Surrealismus-Begriff macht es möglich, Künstler miteinzubeziehen, die man, obwohl sie Anknüpfungspunkte hatten, andernfalls nicht unbedingt als Surrealisten bezeichnen würde: Francis Bacon etwa oder Alberto Giacometti oder auch Pablo Picasso. Andererseits fällt einem beim Durchsehen des Inhalts auch wieder wie Schuppen von den Augen, dass Henry Moores Objekte recht gut in Dalís (oder Morris’) Bilder passen würden.

Surrealistische Szenerie

Die Biografien selbst - der reine Lesegenuss, woran in der deutschsprachigen Ausgabe Willi Winklers Übersetzung maßgeblich beteiligt ist. Menschenskind, kann dieser Morris erzählen! Und wie macht er es eigentlich, dass er Dalís bizarre Sexualpraktiken, "CléDalismus" genannt, ohne Schlüpfrigkeit beschreiben kann? - Das ist eben dieser Tonfall, der immer dann, wenn es peinlich werden könnte, in amüsierte Distanz geht.

Und so erfährt man allerhand über Bretons Rüpelei gegen Magrittes Frau, über Max Ernsts Liebe zu Leonarda Carrington, über die Handgreiflichkeiten von Picassos Freundinnen und seinen Mal-Furor, der mitunter mehr als zehn Gemälde am Tag hervorbrachte. Vor allem aber ist das Buch eine große Szenerie, in der die Künstler in immer neuen Konstellationen agieren, hier als Hauptperson, dort als Nebenfigur und manchmal gar nur als Statist. Und am Schluss kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der ganze Surrealismus ein surrealistisches Drama war. Desmond Morris hat es perfekt inszeniert.