Den Kindergarten habe ich gehasst. Wie generell so ziemlich alle erzwungenen Gruppenaktivitäten mit drei-Käse-gleichhohen Altersgenossen. Bei den Pfadfindern bestand meine einzige soziale Interaktion mit einem Gleichaltrigen darin, dass mir der kleine Kevin im Kellerlokal eines Simmeringer Gemeindebaus den Zeigefinger verbog. Und vom obligatorischen Skikurs will ich gar nicht erst anfangen - die übliche soziale Unsicherheit mit dem zusätzlichen Reiz der ständigen Verletzungsgefahr? Nein, danke. Dass ich nicht besonders anschlussfähig war, ja, nicht einmal Interesse heucheln wollte für andere ebenbürtig minderreife Gsteameln, machte den meisten Erwachsenen in meinem näheren Umfeld leise Sorgen.

Außer der Oma.

Die Komplizin

Sie war unbeirrt auf meiner Seite. So sehr, dass sie mich an Freitagen oft nicht, wie sie sollte, in den Kindergarten brachte und mich in meiner persönlichen Vorhölle bis zum Mittag schmoren ließ; nein, freitags schwänzten wir. Ich durfte sie in den Supermarkt begleiten und danach mit dem Opa Gabelfrühstück essen und die Welt war zumindest vorübergehend wieder in Ordnung.

Meine Großmutter war also so etwas wie meine eingeschworene Komplizin, und ist es noch, obwohl wir längst nicht mehr zusammen stangeln gehen. Inzwischen wäre ich ihr gerne hin und wieder eine ebenbürtig engagierte Komplizin, die ihr gewisse Dinge abnimmt oder zumindest erleichtert, vor allem, seit sie mit ihren 83 Jahren zur Corona-Risikogruppe zählt.

Doch Hilfe anzunehmen, fällt ihr nicht leicht; ihren täglichen Gang zum Supermarkt lässt sie sich nicht ausreden. Seit ich sie kenne, markiert sie die Unkaputtbare, hatte immer schon ihren ganz eigenen Kopf, der sich in der Vergangenheit - das muss man ihr zugestehen - ja auch als Abrissbirne für so manche Mauer bewährt hat. Etwa als sie sich für meinen Großvater entschied, der aus einem kleinen Dorf im Weinviertel kam und dem eigenwilligen Standesdünkel ihrer Wiener Familie so gar nicht entsprach. Als sie mit Mitte 30 und bereits Mutter eines Kleinkinds die Matura nachmachte und sich schließlich als Schuldirektorin immer wieder gegen chauvinistische Männerrunden behaupten musste. Und auch als ihr Mann krank wurde und sie ihn bis zu seinem Tod alleine pflegte. Sie selbst wird nicht krank, das hat sie vor Jahren mal beschlossen.

Wenn ich anderen von ihr erzähle, sind das also meistens Geschichten darüber, wie sie sich ihre Platzwunde, die sie sich beim Dachrinnenreinigen zugezogen hat, mit Haarshampoo auswäscht, als wäre nichts passiert, wie sie mit gezücktem Küchenmesser im dunklen Haus nach einem vermeintlichen Einbrecher sucht oder wie sie mir bei Liebeskummer zur Seite steht mit lakonischen Dauerbrennern wie: "Liebesgram und dünner Schiss, das sind zwei arge Schmerzen. Das eine macht den Hintern wund, das andere die Herzen."

Allerdings bin ich längst nicht die einzige, die mit einer bis zum Irrationalen resoluten und zugleich bis an die Grenzen der Nachvollziehbarkeit liebevollen Oma auftrumpfen kann. Erzähle ich von ihr, erzählen mir mindestens drei andere in der Runde von ihrer ebenso coolen Großmutter. Und auch meine Oma hat eine Oma, von der sie gerne erzählt: die "Sandwerk-Oma", so nennt man sie innerhalb der Familie, weil sie die Hietzinger Sandwerke führte - mit derber Hand. "Die Oma konnte einen Kutscher beleidigen", sagt meine Oma immer wieder. Soll heißen: Die Sandwerk-Oma konnte so arg schimpfen, dass sogar die offenbar sonst sehr wortgewaltigen Kutscher kleinlaut wurden. Sie nahm sich kein Blatt vor den Mund. Während des Kriegs "hieß sie den Hitler das Arschlecken", auch das erzählt meine Oma immer wieder stolz. Erst als ihr daraufhin ein SS-Mann die Pistole ansetzte, verstummte sie. Schlaganfall.

Der Mythengang der Großeltern und insbesondere der Großmutter ist weder Zufall und noch ein besonders zeitgenössisches Phänomen. Ja, wahrscheinlich ist er sogar evolutionär bedingt. Immerhin versucht die sogenannte Großmutter-Hypothese in der biologischen Anthropologie, die evolutionäre Herkunft der Menopause damit zu erklären, dass es die Überlebenswahrscheinlichkeit der Enkel erhöht habe, wenn die Großmütter bei ihrer Versorgung mithalfen. Die Großmutter wäre also ganz pragmatisch ein Selektionsvorteil.

Mehr Dickens als Darwin

Das Bild der Großmutter, das an so vielen Stellen zitiert wird, ist allerdings weniger Darwin und viel mehr Dickens. Literarisch haben wir es wohl vor allem der Romantik zu verdanken, wenn man sich die zahlreichen Märchen von Grimm bis Andersen ansieht, in denen die Oma eine wesentliche Rolle spielt. Sie sei eine Erscheinung des "bürgerlichen" 19. Jahrhunderts, schreibt Alfred Rommel 1981 in der Zeit. Mit Božena Němcovás 1855 in tschechischer Sprache erschienenem Roman Babička wird die gütige, ländliche Großmutter zur romantisierten Identifikationsfigur - "alle Kinder liebten Babička", bringt Karel Gott es noch gut 100 Jahre später auf den Punkt.

Dass das so ist, liegt wohl nicht zuletzt daran, dass scheinbar jede Großmutter mit unnachahmlichem Kochtalent und einem Hang zur Überfütterung ihrer Schützlinge ausgestattet ist. Schon in Goethes "Dichtung und Wahrheit" versorgt die Großmutter die Enkerln "mit allerlei guten Bissen". Und auch heute steht die Oma motivisch hoch im Kurs, sei es literarisch in der zeitgenössischen Enkelliteratur, in der die Enkelkinder die Geschichten und das Leben ihrer Großeltern aufarbeiten wie jüngst etwa Lisa Eckhart in ihrem Erstling "Omama", in der Kinder- und Jugendliteratur wie in Mira Lobes "Omama im Apfelbaum", die beweist, dass die Oma nicht zwangsweise blutsverwandt und streng genommen nicht einmal real sein muss, oder musikalisch von Ernst Moldens Heanoisa Oma bis zur Oma, die im Hühnerstall Motorrad fährt. Meistens gutmütig, manchmal schrullig und immer irgendwie ein Original. Ungemein positiv besetzt ist die Oma-Figur also meistens, wobei Ausnahmen die Regel bestätigen wie die Zuckeroma im gleichnamigen österreichischen Film, die war nicht wirklich süß, dafür wenigstens siaßlat.

Gegen die Verklärung

Doch bei aller Romantisierung und Verklärung trägt das Bild der starken, ewig gütigen Großmutter ein paar dunkle Altersflecken. Alfred Rommel schreibt der Großmutter-Figur des 19. Jahrhunderts in seinem Zeit-Artikel aus den Achtzigern eine "im Alter mehr und mehr sich sublimierende Mütterlichkeit" zu, eine "Urmütterlichkeit", die sich noch bis heute in vielen Köpfen und Darstellungen erstaunlich hartnäckig hält. Die Oma lebt ganz für die Familie, besonders für das Aufziehen der Enkelkinder, kocht wie keine zweite, schupft den Haushalt und besitzt dabei einen Geduldsfaden aus Stahl.

Das Oma-Bild ist gespickt mit sämtlichen Klischees, die eine patriarchal geprägte Gesellschaft den Frauen so gerne zuschreibt, von Hausfrau bis "Powerfrau" fehlt oft nur die sexualisierte Variante. Das gibt zu denken und das wird den Omas letztlich auch nicht gerecht. Sie sollten keine versteckte Projektionsfläche sein für längst überholte Rollenbilder, mit denen sie selbst wohl allzu oft zu kämpfen hatten. Vielmehr sollten wir sie als das sehen, was sie sind: eigenständige Personen, auch außerhalb des Familienverbandes, mit Facetten, Stärken und Schwächen. Die Oma ist immerhin auch nur ein Mensch.

Und jeder Mensch braucht ab und zu Komplizen.