Das war nun doch etwas zu viel: Auf einer Demo in Karlsruhe vergleicht sich eine elfjährige Querdenkerin mit Anne Frank. Kurz darauf ist es eine Zweiundzwanzigjährige bei einer Querdenker-Demo in Hannover, die sich in der Rolle einer neuen Sophie Scholl sieht. Diesmal folgt eine spontane Reaktion: Ein junger Mann, offenbar ein Ordner, gibt seine Jacke zurück, weil er an diesem Unfug nicht teilhaben will. Die Selbststilisierung zu Anne-Frank- und Sophie-Scholl-Nachfolgerinnen sind die faulen Früchte der NS-Vergleiche, die in einer falsch verstandenen "Wehret den Anfängen"-Haltung inflationär gezogen werden, wenn eine Meinung vom Selbstverständnis des linken Mainstreams abweicht.

Was diese beiden Vorfälle freilich bewirkt haben, ist, dass sich nun Medien und Politik mit einer Szene zu beschäftigen beginnen, die zu lange nur als ein Forum von Spinnern betrachtet wurde, der es im Augenblick aber zunehmend gelingt, die staatlichen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus zu unterlaufen.

Sie nennen sich "Querdenker". Damit meinen sie, unter dem Deckmantel der Freiheit des Denkens und der Rede, andere Ansätze zu welchem Thema auch immer zu ersinnen und den Common Sense zu unterwandern.

Kindliche Rechthaberei

Grundlage des Querdenkens ist ein kindliches Beharren darauf, auch gegen alle Fakten, recht zu behalten. Fehler werden nur zugegeben, wenn das Eingeständnis nützt, um das Querdenken in weitere Extreme zu treiben. Fest steht für die Szene nur eines: Es ist immer ganz anders. Ein Querdenker denkt mit Absicht den klaren Linien von Vernunft und Wissenschaft entgegen. Das Querdenken hat nicht mit der Corona-Pandemie begonnen, findet in ihr jedoch einen vorläufigen Höhepunkt.

Querdenken ist auf allen Gebieten möglich. Der Vater des Querdenkens kommt denn auch aus einer ganz anderen Disziplin als Medizin und Politik: Der Schweizer Erich von Däniken verfiel Ende der 1960er Jahre auf die Idee, dass die Götter sämtlicher Religionen in Wahrheit Außerirdische gewesen seien, die in Vorzeiten auf Menschen trafen, die bei der unbedarften Überlieferung des Ereignisses aus der außerirdischen eine überirdische Begegnung machten. Beim Versuch, seine These zu beweisen, verhedderte sich Däniken in eine Reihe von Zirkelschlüssen. Worauf der Hotelier mit bemerkenswerter Aggressivität gegen die Wissenschafter auftrat: Gerade ihre konservative akademische Ausbildung verstelle ihnen die Sicht auf die Wahrheit.

Damit schrieb von Däniken zwar nicht die Geschichte der Archäologie um, aber er schuf das Modell für das Querdenken: Es bedarf, egal, auf welchem Gebiet, keiner akademischen Ausbildung, es sei denn, ein Wissenschafter gerät auf querdenkerische Abwege und mutiert zum Garanten dafür, dass die "seriöse" Wissenschafter derselben Auffassung seien wie die Querdenker.

Prinzipiell sind die Querdenker freilich der Auffassung, dass der normale Menschenverstand ausreicht, um alle Zusammenhänge zu klären, von politischen Verwerfungen über Terrorismus und Flüchtlingsproblematik bis hin zu Weltbildern im ursprünglichen Sinn des Wortes: Könnte die Erde nicht auch eine Scheibe sein? Auch dafür lassen sich Beweise finden, wenn man nur (ver-)quer genug denkt. Jedes Gegenargument wird als Beweis dafür gewertet, dass die Wissenschaft irregeleitet oder gar Teil einer Verschwörung ist. Wie so oft beim Querdenken, bleibt freilich die zentrale Frage des Nutzens unbeantwortet, im konkreten Fall: Welchen Profit hätte die Wissenschaft davon, wenn sie eine flache Erde zur Kugel erklärt?

Solange sich das Querdenken nur mit Artefakten von Außerirdischen, Angela Merkels Abstammung von Reptiloiden und der Scheibengestalt der Erde befasst, kann man getrost bei der Tagesordnung verharren. Doch das Querdenken ist in den Bereich von Medizin und Volksgesundheit vorgedrungen. Dort richtet es nachhaltig Schaden an: Längst haben es Homöopathen, genau genommen Querdenker der Pharmazie, geschafft, dass allzu viele Menschen lieber auf Zuckerkügelchen ohne Wirksubstanz vertrauen als auf langwierig ausgetestete Medikamente. Impfgegnern ist es gelungen, eine breite Skepsis zu erzeugen. Es wird quergedacht gegen die Erfolge der Impfungen gegen Kinderlähmung, Diphtherie und Tetanus. Impfungen seien Eingriffe in die natürlichen Abwehrreaktionen des Körpers, meinen die Querdenker. Sie sind, wie ihr Verhalten in der Corona-Pandemie zeigt, eher bereit, hohe Zahlen an Todesopfern hinzunehmen als eine Impfung zum Schutz des eigenen Lebens und des Lebens anderer.

Hilfsmittel Corona

Tatsächlich kommt die Corona-Pandemie den Querdenkern gerade recht - und das auf mehreren Ebenen. Die eine ist die medizinische: Auf ihr reicht das Spektrum von einer Leugnung der Erkrankung ("Corona ist nichts Neues") über die Leugnung der Komplikationen ("jede Grippe hat schlimmere Folgen") bis zur Leugnung der Wirksamkeit von Gegenmaßnahmen ("Masken sind wirkungslos"). Vegankoch, Flugbegleiterin, Bloggerin und Blogger erklären die Erkenntnisse der Virologen für falsch und die aus ihnen resultierenden Gegenmaßnahmen für unsinnig.

Die quergedachte politische Deutung der Corona-Krise: Da das Virus keine Gefahr für die Volksgesundheit darstellt, ersinnen die Querdenker andere Erklärungsmodelle. Die meisten laufen auf die Errichtung einer Diktatur hinaus, wer einen Mund-Nasen-Schutz trägt, signalisiert sein Einverständnis. Bei der Impfung werden Chips eingepflanzt, die es Bill Gates oder, in der antisemitischen Variante, George Soros ermöglichen, eine Weltherrschaft zu errichten.

Organisieren Querdenker in Deutschland und Österreich lautstarke Demonstrationen gegen die Anti-Corona-Maßnahmen der Regierungen, haben sie in Frankreich den Film "Hold Up" ins Internet gebracht, der angebliche Beweise dafür liefert, dass das Corona-Virus designt worden sei, um die Armen und Alten zu töten: sozusagen die Pandemie als sozialdarwinistisches Projekt.

Dass sich das ultrarechte politische Spektrum die Querdenker für die eigenen Ziele nutzbar macht, liegt in der Natur der Sache: Extreme politische Gruppierungen bedürfen zur Durchsetzung ihrer Ziele einer gespaltenen Bevölkerung, die das Vertrauen in demokratische Vorgänge verloren hat. Die Vorzeichen werden umgedeutet, die Demokratie aufgrund der Maßnahmen gegen die Pandemie zur Diktatur erklärt und diverse diktatorische Vorgangsweisen anderer Regierungen als Durchsetzung des Volkswillens gelobt: Befreiung bringt nur die Politik, die auch Demokratie querdenkt.

Wohin ein solches Querdenken in letzter Konsequenz führen kann, zeigen gerade Beispiele wie Anne Frank und Sophie Scholl. Wer freilich ein mörderisches System mit dem Erhalt der Volksgesundheit verwechselt, denkt nicht quer, sondern überhaupt nicht.